Nachhaltige Finanzprodukte:Zu viel des Grünen

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EZB-Neubau in Frankfurt

Die Frankfurter Skyline. Wissenschaftler sind skeptisch, ob grüne Fonds tatsächlich etwas ausrichten im Kampf gegen den Klimawandel.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Es gibt immer mehr Finanzprodukte, die angeblich nachhaltig sind. Einige Finanzinstitute achten nun mehr auf ihre Werbeslogans. Denn Bankenaufseher werden künftig genauer hinsehen.

Von Meike Schreiber

Vielleicht gibt es manchmal eben auch zu viel des Guten - zum Beispiel in der Fondsbranche, wo die Zahl der angeblich oder tatsächlich nachhaltig verwalteten Fonds zuletzt regelrecht explodiert ist: Während in Deutschland im Jahr 2005 Fonds mit einem mehr oder weniger starken Fokus auf Umwelt ("Environment"), soziale Verantwortung ("Social") und gute Unternehmensführung ("Government"), also sogenannte ESG-Kriterien, lediglich fünf Milliarden Euro eingesammelt hatten, waren es 2015 schon 69 Milliarden. Und 2020 kamen ESG-Fonds in Deutschland dann sogar auf 248 Milliarden Euro, wie die jüngste Statistik des Fachverbandes für Nachhaltige Geldanlagen zeigt. Das ist immer noch nur ein winziger Bruchteil des gesamten Fondsvolumens, aber dennoch eine enorme Steigerung.

Die wundersame Vermehrung von Öko-Fonds ruft Aufseher auf den Plan

Empirische Untersuchungen liefern zwar keinen Beleg, dass nachhaltige Fonds höhere Renditen erwirtschaften als herkömmliche Finanzprodukte. In jedem Fall aber verkaufen sich die Produkte hervorragend: Denn fühlt es sich nicht gut an, Geld anzulegen und damit vermeintlich auch noch den Klimawandel aufzuhalten? Kein Wunder, dass die Marketingauftritte einiger Fondsgesellschaften zuletzt fast so rüberkamen, als würden sie höchstpersönlich für die Säuberung der Ozeane sorgen oder das Artensterben stoppen. In Wirklichkeit dürften viele Anbieter froh sein, mit dem ESG-Thema endlich wieder Anleger in aktiv verwaltete, in der Regel teurere Fonds, locken zu können.

Zugleich aber hat die wundersame Vermehrung von Öko-Fonds bereits die Aufseher auf den Plan gerufen. Allen voran die US-Börsenaufsicht SEC, aber auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin, hat zuletzt immer wieder klargemacht, dass sie kein "Greenwashing" tolerieren werden. Die SEC werde Fondsmanager künftig fragen, welche Kriterien sie anlegen würden, wenn sie Fonds als "grün" verkaufen würden, sagte SEC-Chef Gary Gensler unlängst. Und ganz konkret untersucht die SEC seit Sommer "Greenwashing"-Vorwürfe gegen die Deutsche-Bank-Tochter DWS, welche die frühere ESG-Chefin der Fondsgesellschaft erhoben hatte. Die DWS habe sich trotz warnender Stimmen von Führungskräften nach außen als sehr viel nachhaltiger verkauft, als sie sei. Es könnte sich unter anderem um falsche Darstellung im Geschäftsbericht handeln. Die DWS hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Noch ist unklar, was dabei herauskommt.

Tatsächlich waren die Kriterien für die Bezeichnung der Fonds zuletzt recht schwammig. Erst seit März schreibt eine EU-Offenlegungsverordnung Kategorien für ESG-Produkte vor: Es gibt solche mit geringem oder keinem Nachhaltigkeitsanspruch (Artikel 6), dann "hellgrüne", die Umwelt- oder soziale Kriterien (Artikel 8) berücksichtigen, sowie "dunkelgrüne", die explizit positive Wirkungen auf Nachhaltigkeitsziele verfolgen (Artikel 9).

Die Versuchung ist groß, möglichst viele Fonds als nachhaltig zu klassifizieren

Der Nachteil: Die Anbieter können ihre Produkte mit der nötigen Begründung selbst einstufen. Die Versuchung ist groß, möglichst viele Fonds als nachhaltig zu klassifizieren. Und ob die Produkte wirklich so grün investiert sind, wie sie behaupten, wird sich frühestens 2022 zeigen, wenn Aufsicht und Wirtschaftsprüfer im Rahmen der jährlichen Prüfung der Fondsprospekte genauer nachsehen.

Bereits jetzt aber scheinen einige Fondsgesellschaften vorsichtiger zu werden bei der Vermarktung vermeintlich oder tatsächlich nachhaltiger Wertpapierfonds: Einige der größten europäischen Fondsmanager haben der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge zumindest damit begonnen, ein einst allgegenwärtiges Nachhaltigkeits-Label aus ihren Produktbeschreibungen zu streichen. Sie befürchten offenbar, dass Aufsichtsbehörden vage Beschreibungen von nachhaltigen Investments nicht länger tolerieren.

Viele Fondsanbieter haben sich zuletzt eigene Kategorien gebastelt

Vermögensverwalter wie Allianz Global Investors und die DWS hätten demnach entweder aufgehört, den Sammelbegriff "ESG-integriert" in ihren Dokumentationen zu verwenden, oder sie spielten seine Relevanz im Gespräch mit Investoren herunter, hieß es. Viele Fondsanbieter hatten sich für ihre Produkte zuletzt eigene Kategorien gebastelt, etwa "ESG-dezidiert" oder "ESG-integriert", die für Anleger oft schwer zu verstehen sind. "ESG-integriert" bedeutet in der Regel nur, dass der Fondsmanager bei der Auswahl der Wertpapiere bestimmte ESG-Daten nutzt. Ein Sprecher von Allianz Global Investors sagte, die ESG-Integration bleibe eine wichtige, gut untermauerte Kategorie.

Zugleich aber zeigt auch die EU-Offenlegungsverordnung, wie klein der Anteil wirklicher ESG-Fonds tatsächlich ist: Unter allen in Deutschland angebotenen rund 12 000 Fonds mit einem Kapital von 7,25 Billionen Euro waren Ende September 27 Prozent als nachhaltig eingestuft, wie noch unveröffentlichte Zahlen der Ratingagentur Scope zeigen. Beim Großteil handelte es sich um ESG-Produkte nach Artikel 8, nur vier Prozent entfallen auf die strenge Kategorie nach Artikel 9.

Bleibt zudem die Frage, ob grüne Fonds wirklich etwas ausrichten im Kampf gegen den Klimawandel? Führt die grüne Geldanalage also wirklich dazu, dass die Kapitalkosten schmutziger Firmen steigen und diese allein dank marktwirtschaftlicher Mechanismen aus dem Markt ausscheiden?

Der frühere Nachhaltigkeitschef des US-Fondsriesen Blackrock Tariq Fancy hat unlängst mit der Aussage für Furore gesorgt, ESG-Investieren sei ohnehin nicht mehr als ein grünes Feigenblatt. Auch Jan Pieter Krahnen, Professor für Kreditwirtschaft und Finanzierung im House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt, ist skeptisch: "Es ändert nichts, wenn ich nur in ein grünes Portfolio investieren will, und weil alle in so etwas investieren wollen, ist meine Rendite zudem total mager." Es wäre eigentlich besser, sagt Krahnen, in schmutzige Firmen zu investieren, um bei deren Transformation zu mehr Nachhaltigkeit zu helfen. Das aber sei laut der EU-Klimataxonomie, die darauf abzielt, Investitionen in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten zu fördern, gar nicht vorgesehen.

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