Gas-Stopp:Die Krise gut überstehen

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Gas-Stopp: Wie lange fließt das Gas noch? Viele Unternehmen bereiten sich bereits auf einen drohenden Lieferstopp vor.

Wie lange fließt das Gas noch? Viele Unternehmen bereiten sich bereits auf einen drohenden Lieferstopp vor.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Notfallpläne entwickeln, Reserven aufbauen und Preise erhöhen: Wie sich Unternehmen für eine drohende Rezession wappnen.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Unternehmen sind alarmiert. Seit Mitte Juni liefert Russland weniger Gas nach Deutschland. Als Reaktion darauf hat die Bundesregierung die Alarmstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. Dies könnte die Preise weiter steigen lassen, was viele Unternehmen nach der Corona-Pandemie erneut vor Probleme stellt.

Der Krieg in der Ukraine belastet die Geschäftsaussichten aller Branchen massiv. Mit Kriegsbeginn kam es bei Energieträgern, Rohstoffen wie Aluminium und Nickel sowie Holz und Nahrungsmitteln wie Weizen zu signifikanten Preissprüngen. Teilweise lagen sie, verglichen zum Vorjahr, im dreistelligen Prozentbereich. "Das sind Volatilitäten, die in den Risikomodellen der Unternehmen so nicht vorgesehen sind. Das belastet das Tagesgeschäft der Unternehmen ökonomisch stark und erschwert auch die Planbarkeit", sagt Ralph Schilling vom Beratungsunternehmen KPMG Deutschland. Kommt der Gas-Stopp, wie von Wirtschaftsminister Robert Habeck befürchtet, wäre ein schwerer Abschwung kaum vermeidbar.

Wer liquide bleibt, übersteht eine Krise leichter

Doch viele Firmen haben bereits Maßnahmen ergriffen. Vielerorts werden Fertigungen gedrosselt, wird Kurzarbeit eingeführt, um Verluste zu begrenzen. "Der nun drohende Gaslieferstopp zwingt Unternehmen zu Notfallplänen", sagt Frank Hoppe. Der Standortleiter der Knöll-Finanzierungsberatung in Augsburg rät Unternehmen, ihre Finanzierungspartner frühzeitig über Notfallpläne und die damit verbundenen Folgen zu informieren.

Mit der richtigen Strategie lassen sich zudem Verluste dämpfen. "Es gilt besonders, laufende Zahlungsverpflichtungen zu reduzieren und Liquiditätsreserven aufzubauen, mit denen den verbleibenden Verpflichtungen noch nachgekommen werden kann, wenn die Einnahmenseite schrumpft", sagt Jannis Bischof von der Universität Mannheim. Firmen mit flexiblen Kostenstrukturen und guten Möglichkeiten zur Liquiditätsbeschaffung überstünden Krisen am besten.

Steigen die Preise, stimmt die gesamte Kalkulation der Betriebe nicht mehr. "Die erste Maßnahme ist der Versuch, die Einkaufskosten auf die Kunden abzuwälzen. Das gelingt dort gut, wo die Kundenbindung stark ist oder das Unternehmen eine starke Stellung in der Lieferkette hat", sagt Bischof, Projektleiter des German Business Panel. Laut dem Juni-Bericht des German Business Panel (GBP) planen mehr als drei von vier Unternehmen, die Preise in den kommenden zwölf Monaten zu erhöhen.

Vor allem die kleinen und mittleren Betriebe am Ende der Zulieferpyramide haben allerdings wenig Chancen auf Entgegenkommen ihrer Abnehmer bei laufenden Verträgen. Die Folge: Margen und Ergebnis rasseln nach unten.

Die schwierige Konjunkturlage zwingt viele Unternehmen, sich von bewährten Vorgehensweisen zu verabschieden und die eigene Risikoabsicherungsstrategie zu überdenken. Die Abhängigkeit von Rohstoffpreisen in allen Bereichen muss zunächst definiert und dann via Modellrechnungen quantifiziert werden. Wer Neuverträge verhandelt, sollte unbedingt Preisgleitklauseln nach dem Rohstoffpreisindex inkludieren.

Investitionen werden aufgeschoben

Bei hohem Risiko sind strukturierte Produkte wie Derivate, die bislang im Mittelstand zur Absicherung von Wechselkursen verbreitet sind, eine Option. "Die entscheidende Frage bei Absicherungsinstrumenten ist, inwieweit sich das Risiko auf die operative Handlungsfähigkeit und den Fortbestand des Unternehmens auswirkt", sagt Bardia Nadjmabadi, Manager bei KPMG. Ist die Existenz bedroht, können sich die Kosten dafür durchaus lohnen.

Da Rohstoffspezialisten in den mittelständischen Finanzabteilungen die Ausnahme sind, empfehlen Experten eine gute Beratung, um später Überraschungen zu vermeiden. "Wichtig ist, dass das Sicherungsinstrument auch wirklich zum Grundgeschäft passt. Das hört sich immer so leicht an, doch Hedging ist im Rohstoffbereich deutlich komplexer als bei Währungen", sagt Schilling. Die Folgekosten von Absicherungsinstrumenten müsse man ebenso im Blick haben. Verträge mit der Bank, Kunden oder Lieferanten, die Bewertung der Derivate und spezifische Bilanzierungsregeln fallen an. Ebenso können Meldepflichten und eine Prüfpflicht entstehen.

Trotz guter Eigenkapitalausstattung stellen viele Mittelständler ihre bereits während der Pandemie aufgeschobenen Investitionen erneut zurück. Eng wird es jedoch für Unternehmen, die angesichts der Belastungen weder durch Preiserhöhungen noch Kostensenkungen Rentabilität erzielen können wie aktuell beispielsweise Papier- und Glashersteller.

Der Kreditbedarf der Unternehmen steigt

"Kleine Betriebe ohne große Kapitalreserven sollten in diesen Zeiten die Beziehung zu ihrer Hausbank intensivieren und das Gespräch suchen. Kurzfristige und möglichst flexible Betriebskredite helfen durch die Krise", so Bischof.

Am Kreditmarkt ist bereits ein hoher Liquiditätsbedarf zu erkennen. So stieg das ausstehende Kreditvolumen mit Unternehmen und Selbständigen laut Monitor Unternehmensfinanzierung der Deutschen Bank von Dezember bis März um 33 Milliarden Euro (2,2 Prozent), was den Rekordwert vom 1. Quartal 2020 zu Beginn der Pandemie übertrifft. Das steigende Zinsniveau könnte insbesondere schwache Unternehmen gefährden. "Höhere Finanzierungskosten verstärken Liquiditätsprobleme und erhöhen das Insolvenzrisiko", sagt Bischof.

Unternehmen sollten nun möglichst Forderungen und Bestände verringern. Ziel ist, die Kapitalbindung zu senken. Ein Weg bei starker Kundenbindung ist, sich die Finanzierung der Aufträge durch Vorauskasse direkt beim Kunden zu holen, was die Belastung durch hohe Materialkosten minimiert.

KPMG-Experte Schilling sieht die Unternehmen im Cash- und Liquiditätsmanagement durch die Corona-Phase sehr gut aufgestellt. "Sie haben sich durch besondere Vereinbarungen mit den Banken wie höhere Kreditlinien, revolvierende Kredite, Factoring und Reverse-Factoring-Modelle Sicherheit geschaffen", sagt Schilling. Bilanzschonende Finanzierungsinstrumente sind jetzt insbesondere für schwächelnde Unternehmen attraktiv.

Ein hoher Verschuldungsgrad erweist sich in der Regel als Barriere für Bankkredite. Hoppe rät Unternehmen in der aktuellen Situation zu bankenunabhängigen Lösungen wie beispielsweise den Verkauf ihrer Forderungen an Factoring Anbieter. Dafür ist die Bonität eines Unternehmens zweitrangig, entscheidend sind die vorhandenen Vermögenswerte wie Anlagen, Fuhrpark oder Lagerbestände. Der große Vorteil solcher Sonderfinanzierungsformen: Wichtige Liquidität wird freigesetzt, was den Handlungsspielraum erhöht und wiederum Kennzahlen wie Cash Flow und Bilanzsumme verbessert.

"Der Spruch, wer Forderungen verkauft, steht kurz vor dem Exodus, gilt schon lange nicht mehr. Ich habe Kunden, deren Kosten liegen bei fünf Prozent Gebühr für einen Kontokorrentkredit und bloß bei 1,5 Prozent für das Factoring", sagt Hoppe. Egal, wofür sich die Unternehmen entschieden haben, in Zeiten hoher Unsicherheit kann gerade ein Finanzierungsmix attraktiv sein.

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