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Fall Franziska Giffey:Herumdoktern an einer Doktorarbeit

Dass die FU Berlin so lange fürs Prüfen braucht, kann daran liegen, dass es auch ein Problem mit der Doktormutter gibt.

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Noch immer prüft die FU Berlin die Plagiatsvorwürfe gegen Franziska Giffeys Doktorarbeit.

(Foto: Dorothee Barth/dpa)

Zum Interview "Plagiate sind eine Gefährdung von Wissenschaft" (1. Februar) mit dem Präsidenten der FU Berlin, Günter M. Ziegler, über den Fall Franziska Giffey:

Unvertretbar lange Prüfung

Was sich in der Causa der Dissertation Franziska Giffeys abspielt, kann nur noch als Trauerspiel bezeichnet werden. Seit mehr als zwei Jahren arbeiten sich diverse Kontrollgremien daran ab, eine einzige Doktorarbeit auf unsaubere Bearbeitungsfehler zu untersuchen, ganz so, als sei dies der Nabel der Welt. Dem Präsidenten der Freien Unversität Berlin (FU) fällt nichts Gescheiteres ein, dies mit dem "diffizilen Findungsvorgang" und einer "zeitaufwendigen, herausfordernden Detailarbeit" zu begründen.

Wenn man alle Dissertationen mit einer derartigen Sorgfalt und Akribie auf Mängel überprüfen würde, würde man vermutlich sein blaues Wunder erleben. Selbstverständlich gibt es wissenschaftliche Standards, die unverzichtbar sind. Das muss dann allerdings für alle gelten, und nicht nur für einige wenige, die als Politiker oder sonstwie im Rampenlicht stehen. Und natürlich sind insoweit in erster Linie die Betreuer von Dissertationen gefragt, die ganz offensichtlich geneigt sind, die von ihnen begleiteten Arbeiten ohne allzu großen Aufwand durchzuwinken,um sich mit der Anzahl ihrer Doktoranden zu schmücken.

Dass die Auswirkungen derartig unvertretbar langer Prüfverfahren im Fall Giffey und in vergleichbaren Fällen für die Betroffenen ruinös sind, liegt auf der Hand. Angesichts dessen können die Kommentare des FU-Präsidenten zu den Konsequenzen dieser systemischen Mängel nur als zynisch,bestenfalls als grenzenlos naiv bezeichnet werden.

Bernd Graefe, Edewecht

Fragwürdige Betreuung

Zu einem Plagiat gehören immer zwei. Der oder die Plagiierenden und die Betreuenden. Als Doktorand beziehungsweise Doktorandin erarbeitet man normalerweise nur einmal eine Dissertation, es ist Neuland für die Studierenden. Dazu sollte man fachlich angeleitet werden, der eine mehr, die andere weniger - und nur Kommas zu zählen, das kann es wohl nicht sein. Wofür hat man eine Doktormutter oder einen Doktorvater, wozu gibt es Koreferenten, die gegenkorrigieren sollten?

Wie im Fall von Frau Giffey stellt sich deshalb die Frage: Wieso hat die Doktormutter das Plagiat nicht bemerkt? Erstens, weil sie in ihrem Fachgebiet nicht zuhause ist - hätte sie das Plagiat sonst erkennen müssen? Somit eine Frage der Kompetenz. Zweitens, weil die Arbeit nicht oder nur diagonal gelesen und überprüft wurde, also Flüchtigkeit oder Schlamperei. Drittens, weil sie überlastet ist, dann hätte sie die Begleitung des Themas nicht annehmen dürfen. Was nützen die Betreuungsprotokolle, wenn keine Quellenprüfung stattfindet?

Die Verurteilung, das an den Pranger Stellen der Doktoranden fällt mir zu einseitig aus. Mit den Betreuenden geht man viel zu sanft um, was ist schon eine sogenannte Rüge unter Kollegen. Da tut man sich gegenseitig nicht weh, siehe bekannte Betreuer von hochgelobten Starpolitikerinnen und -politikern.

Peter Kiermeier, Furth

Ein Doktormutter-Problem

Interviewer Jan Heidtmann hat die Kernfrage im "Fall Giffey" gestellt: "Und ist es nicht oft ein Team aus Betreuung und Autorenschaft, das eine Dissertation erarbeitet?" Die Antwort des FU-Präsidenten: "Nach dem, was ich aus Unterlagen kenne, aus den Protokollen von Beratungsgesprächen zum Beispiel, ist da sehr gut und sehr sorgfältig betreut worden." Die gewundene Antwort hat Jan Heidtmann nicht befriedigt; er fragt nach: "Anders gefragt: Sollte festgestellt werden, dass da betrogen wurde, dann ist auch Frau Börzel betrogen worden?" Und die Antwort des Präsidenten: "Ja, das ist so." Eine folgenschwere Behauptung. Nach hochschulgesetzlicher Vorgabe ist das wesentliche Ziel eines Promotionsverfahrens die "Befähigung des Doktoranden zu selbständiger vertiefter wissenschaftlicher Arbeit". Die Doktormutter, Tanja Börzel, hat offenbar trotz "sehr sorgfältiger Betreuung" - wie der FU-Präsident herausgefunden hat - nicht erkannt, dass dieses Ziel verfehlt wurde, ja dass sie "betrogen" wurde. Sie zeichnete die Promotionsarbeit sogar mit "Magna cum laude" aus. Wenn sie von Frau Giffey "betrogen" wurde und das nicht erkannte, müsste man nicht die Qualifikation der Betreuerin in Frage stellen? Sollte es doch ein "Fall Tanja Börzel" sein, wie es der Historiker Götz Aly in der Stuttgarter Zeitung ausgedrückt hat?

Prof. Dr. Konrad Löffelholz, Wiesbaden

© SZ vom 12.02.2021
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