AfDRechtsruck U30

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SZ-Zeichnung: Karin Mihm

Bei der Europawahl stimmten die jungen Wähler besonders häufig für die AfD – und nicht mehr für die Grünen wie noch vor fünf Jahren. Was ist da passiert? Auch die Leserinnen und Leser der SZ suchen nach Antworten.

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Kommentar „16 Jahre und auch weise“ vom 7. Juni, Gastbeitrag „Der Kampf um die Zukunft“ vom 13. Juni, Essay „Enkel wählen rechts“ vom 11. Juni und „Denn sie wissen, was sie tun“ vom 15. Juni:

Beschränkte Weltsicht

Ob 16-Jährige wirklich reif genug sind, um durch die Teilnahme an einer Wahl über das Schicksal der EU (und der Nation) mitzuentscheiden, wird in diesem Beitrag mehr als undeutlich. Bleiben wir also bei dem 24-jährigen Studenten. Er informiert sich, zieht aber daraus keine Schlüsse. Es scheint so, als ob er seinem Denkbild nicht entsprechende Schlussfolgerungen aufwendig umdeutet. Kurz, er ist voll und ganz AfD und nur noch damit beschäftigt, eine stabile Mauer um seine beschränkte Weltsicht zu bauen. So will er sich dafür rächen, dass es auch noch andere junge Menschen in seinem Alter gibt, die gut mit Informationen umgehen können, und irgendwie ahnt er auch, dass deren Argumente die besseren sind. Für seine politische Zukunft bedeutet sein Dilemma sicher nichts Gutes.

Helmut Kapferer, Freiburg

Ängste ernst nehmen

Beim Lesen des Artikels auf der Seite Drei, der auf der Titelseite mit „Jung und rechts“ angekündigt wird, habe ich mich einmal mehr gefragt, warum sich Wähler (ob alt oder jung) der AfD eigentlich immer für ihre Wahl rechtfertigen müssen. Die AfD steht bis jetzt demokratisch zur Wahl, wie alle anderen wählbaren Parteien auch. Zur Erinnerung: Die Ausübung der Staatsgewalt geht vom Volke aus und wird durch Wahlen ermöglicht.

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass die Politik (und die SZ) die vorrangigen Gründe für eine Wahl der AfD ernst nimmt. Es geht hier anscheinend vor allem um das Thema Migration, was man auch Ihrem Artikel entnehmen kann („Migration, Migration, Migration.“). Und dafür nimmt der (Protest-)Wähler unter Umständen billigend in Kauf, wenn andere Inhalte dieser Partei der eigenen Haltung nicht entsprechen (Stichwort: Putin-Akzeptanz, Klimawandel-Ignoranz, Europa-Arroganz). Der Zuzug so vieler Schutzsuchender, die seit Jahren ins Land kommen, macht vielen Angst. Angst vor Überfremdung mit all ihrem Konfliktpotenzial, Angst vor Konkurrenz um Wohnraum, soziale Leistungen oder medizinische Versorgung, Angst vor Gewalt und Anarchie.

In der derzeitigen Polykrise im Außen, die durch zunehmende Instabilität gekennzeichnet ist, wächst auch die Angst vor Instabilität im Innern. Der Rechtsruck in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern wird nicht nur offenbar beim Blick auf die deutlichen Zugewinne von Parteien wie der AfD, die das Migrationsthema schwerpunktmäßig auf ihrer Agenda haben, sondern auch beim Blick auf Wählerwanderungen von Rot-Grün nach Schwarz. 

Was die steigende Zahl der AfD-Wähler angeht, wäre es jedenfalls ratsam, diese nicht als nicht ganz zurechnungsfähig abzustempeln und nach Möglichkeit auszugrenzen. Damit ist niemandem geholfen, auch nicht denen, die hierherkommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben als das in ihren Herkunftsländern.

Dorit Lücken, München

Wie Katarina Witt sagte

Vor circa einer Woche habe ich meinen Leserbrief an die SZ zu einem Interview mit Katarina Witt nicht abgesandt. Jetzt hat er nachträglich Gewicht für die Beurteilung der AfD-Stimmen bei der EU-Wahl:

Lange ist es her, da ich ihre sprühende und schwebende Schönheit verehrte. Aber jetzt 83-jährig lese ich das Interview: Welch eine kluge Frau mit einem sicheren Intellekt, zum Beispiel in dem Abschnitt, wo ihr die Tränen kommen. Ach, kapierten doch unsere Verknüpf-Politiker nach Osten mehr von diesen Gedanken, dann würden sie das Teufelszeug der AfD nicht auf so erfolglose und arrogante Weise bekämpfen.

Walter Olbert, Buchloe

„Bacon of hope“

Um es mit Annalena Baerbock zu sagen, der Artikel war nicht gerade ein „Bacon of hope“. Statt auf die Sorgen und Ängste – ob real oder eingebildet – der „Jugend“ einzugehen, um zu verstehen, warum sie die AfD wählt beziehungsweise gewählt hat, wird sie als „unwissend“ und ein wenig „einfältig“ dargestellt. Fragen Sie doch mal bei den jungen SPD-, FDP- und/oder Grünen-Wählern, wonach oder wer die SA ist beziehungsweise war. Spaßeshalber könnten Sie natürlich auch einmal in der Redaktion bei den Lehrlingen und Volontären nachfragen. Ach so, falls es Sie interessiert: Ich wählte immer die SPD und jetzt die Linke – nur um Missverständnissen vorzubeugen.

Harald Eckstein, Niederwerrn

Opa macht Wahlkampf

Ein Foto vom Gründungsparteitag der Grünen aus dem Jahr 1980 ziert den Artikel, da war ich 33. Die Bedeutung dieser Partei habe ich erst nach und nach begriffen. Endlich, 40 Jahre später, sind die Grünen mit SPD und FDP wieder in der Bundesregierung, der Kanzler ist ein SPD-Mann, aber die Grünen machen alles falsch: Sie veranstalten eine Pandemie und lassen Putin in die Ukraine einmarschieren – ja und zwei Gesetze haben „handwerkliche“ Fehler. Und jetzt verlieren sie auch noch die Europawahl! Dann ist man ja wohl berechtigt, den Grünen Steine hinterherzuwerfen und sich über die standhaften Wähler in München-Schwabing lustig zu machen. Und jeder fühlt sich wohl dabei, im Gleichtakt mit Merz, Söder, Wagenknecht und den meisten Vertretern der Wirtschaft das Grünen-Bashing fortzusetzen.

Meine Enkel wählen nicht rechts, sie sind zu jung zum Wählen. Aber der Opa macht Wahlkampf für sich, für die Generation seiner Kinder und für die Enkel. Nicht am Sandkasten im Gespräch mit den Enkeln, sondern auf der Straße, am Infostand oder an der Haustür. Er kämpft nicht gegen etwas, er kämpft für eine bestimmte politische Partei, die Grünen.

Dr. Gottfried von Aulock, München

Unverständliche Fabulierkunst

Populistische Parteien haben mit Slogans wie „Krieg oder Frieden?“ und „Unser Land zuerst!“ bei der Europawahl deutliche Stimmengewinne erzielt. Hierzu äußert sich auch Heinz Bude, laut SZ der profilierteste Soziologe Deutschlands. Ich darf folgenden Satz zitieren: „Im Wunsch nach Zugehörigkeit steckt die Bewegung nach weiteren Zugehörigkeiten, die sich auf einen Fluchtpunkt beziehen, an dem jedes Wir die Bezugnahme auf eine anderes Wir sucht, damit wir zusammen etwas zustande bringen können, was einer gemeinsamen Anstrengung bedarf.“ Und weiter unten heißt es: „Man weiß, dass jede Vergangenheit eine Zukunft war und dass jede Zukunft eine Vergangenheit sein wird. Solche Wahrheiten können eine falsche Gelassenheit hervorrufen.“

Derartige Fabulierkunst verwirrt mehr, als dass sie erklärt. Denn gerade aufgrund der komplexen und schwierigen gesellschaftlichen Situation hätte man zu den angesprochenen Themen Zuwanderung, Zugehörigkeit und Zukunft sowie zur Frage nach dem Rechtsruck klar formulierte Ausführungen erwartet.

Man hätte sich ein Essay gewünscht, das die sozialwissenschaftliche Diagnosefähigkeit nutzt, um soziale Benachteiligung, gesellschaftliche Spaltung und politische Entfremdung zu thematisieren. Man hätte gerne mehr gelesen zu den Ängsten vor dem Verlust eines sicheren und verantwortungsfreien Lebens, zum Gefühl der permanenten Überforderung, zur Polarisierung sowohl auf deutsch-deutscher wie auf europäischer Ebene. Und man hätte deutlicher ansprechen können, welche Rolle die Facetten gelungener Integration in der Gesellschaft für das Wahlergebnis spielen, weil alles öffentlich ist und begründet werden muss, wodurch sich das Konfliktpotenzial erhöht. Auch wenn es sich um einen feuilletonistischen Beitrag handelt: Dies alles behandelt der sprachlich konstruierte und damit schwer lesbare Artikel leider nicht in der gebotenen Klarheit. Schade für die Leserschaft, die Politik und auch für die Soziologie.

Prof. Dr. Peter Schimany, Nürnberg

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