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E-Mobilität:Prämien, Risiken und Nebenwirkungen

Die Diskussion um Zuschüsse für den Kauf von E-Autos verdränge die genauso nötige Debatte über die Probleme dieser Antriebsart, finden Leser. Eine Schreiberin fordert eine Prämie für alle, die auf ein eigenes Auto verzichten.

Zu "Alles beim Alten" und "So gibt's die E-Auto-Prämie" vom 6. November, "Höhere Prämie für E-Autos" vom 5. November und "Es gibt nur eine Chance", 17. Oktober:

Belohnung für Bürger ohne Auto

Das einzig umweltfreundliche Auto ist das, das nicht gebaut und gekauft wird. Eine "Umweltprämie" haben demnach nicht Autokäufer verdient, sondern Autoverweigerer, die sich ausschließlich öffentlich, zu Fuß, per Fahrrad oder Taxi bewegen. Außerdem ist ein privates Auto kein Menschenrecht, sondern ein Luxusgut - egal ob Benziner, Diesel oder Elektro. Warum also sollten autoabstinente Steuerzahler jetzt mittels "Umweltprämie" ein Privatvergnügen wie ein E-Auto mitfinanzieren, das weder in der Herstellung noch im Strom- und Platzverbrauch 100-prozentig grün ist?

Die Sprachmanipulation, mit der die deutsche Politik auch mit dem "Klimapaket" derzeit dafür kämpft, führende Autonation zu bleiben, hat wohl mehr mit dem Neusprech in George Orwells Roman "1984" zu tun als mit ehrlich gewolltem Klimaschutz. Zumindest könnte die Autoindustrie zum Aufdruck von Warnhinweisen auf ihren Karossen verpflichtet werden, ähnlich der Tabakindustrie. Auch dort hat der Bewusstseinswandel lange gedauert, bis aus einem Freiheitsversprechen ein Killer wurde.

Sabine Matthes, München

Klimapaket belastet zunächst

Was in dem Kommentar "Alles beim Alten" übersehen wird für eine Bewertung der norwegischen Situation im Vergleich zur deutschen: Die norwegische Energieversorgung beruht weitgehend auf Wasserkraft und Windkraft, ist also weitgehend klimaneutral. Die deutsche Stromversorgung ist nur zu gut einem Drittel vorwiegend aufgrund von Windkraft, Photovoltaik und Bioenergie klimaneutral. Sie deckt derzeit weniger als ein Drittel des Energiebedarfs. Elektroautos sind daher in Norwegen ökologisch sinnvoller als in Deutschland, weil die mit ihnen erreichte CO₂-Einsparung erheblich größer ist. Der ADAC hat gerade die Ergebnisse einer neuen umfassenden wissenschaftlichen Studie veröffentlicht, wonach in der Kompaktklasse ein mit Strom entsprechend dem derzeitigen deutschen Strommix betriebenes Elektroauto nach 127 500 Kilometern bezüglich der Klimabelastung Vorteile gegenüber einem Benziner hat, erst nach 219 000 km gegenüber einem Diesel - und die "Klimaverträglichkeit" eines mit ErdgasCNG betriebenen Fahrzeugs nie erreicht. Die Zahlen verschlechtern sich zu Ungunsten des Elektroautos, je größer seine Batterie ist und wenn ein fortschrittlicher Pkw zugrunde gelegt wird.

Der fossile Anteil des deutschen Strommixes wird sich in den nächsten Jahren nicht wesentlich vermindern, weil der Zubau von Windkraft und Photovoltaik zunächst den durch Abschalten der Kernkraftwerke entfallenden klimaneutralen Strom ersetzen muss. Es ist daher damit zu rechnen, dass der von der Bundesregierung beschrittene Weg zur Einführung von Elektroautos zumindest in den nächsten, für die Klimabelastung sehr kritischen Jahren, zu einer Mehrbelastung des Klimas führen wird, die erst bei weitgehend klimaneutraler Stromerzeugung sinkt. Selbst wenn die CO₂-Emissionen der Bundesrepublik langfristig durch die Einführung von Elektroautos sinken, können die weltweiten Klimabelastungen durch deren Einführung steigen, solange die Herstellung der Batterien und Gewinnung der dafür benötigten Materialien nicht klimaneutral erfolgt.

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

Zudem finanziert Norwegen die Einführung der Elektroautos durch den Verkauf von Erdöl und Erdgas, etwa 200 Millionen Fass (Barrel) pro Jahr, die weltweit verbrannt werden. Norwegen darf daher, da ihm die Verbrennung eines exportierten fossilen Energieträgers zugerechnet werden muss, getrost als ein klimaschädigendes Land bezeichnet werden. Der Mantel vermeintlicher interner Klimafreundlichkeit kann die Tatsache externer Klimaschädlichkeit nicht verdecken.

Dr. Heiko Barske, Seefeld

Kampf um Rohstoffe

Wir, die Industrieländer, haben ja das Geld. Wir können uns alles kaufen. Deshalb fällt es offensichtlich auch so schwer, über den Tellerrand hinauszublicken. Mit Selbstverständlichkeit planen wir die E-Mobilität. Und woher kommen die unterschiedlichen Rohstoffe in großen Mengen für die Batterien? Werden wir irgendwann Kriege um zur Neige gehende Rohstoffe führen?

Nicht irgendwann. Das tun wir schon jetzt. Die in rohstoffreichen Ländern lebenden Völker sind uns nämlich oft gleichgültig. Sie dürfen für uns die Rohstoffe abbauen. Sie werden vertrieben, wenn sie im Weg sind. Viele werden krank und sterben durch Hinterlassen giftiger Abfallschlämme oder Stäube. Autos mit sogenanntem Biosprit fahren zu lassen, könnte man leicht rückgängig machen. Den Irrweg der Elektromobilität zu verlassen, wird ganze neue Industriebereiche nebst Infrastruktur treffen und Existenzen zerstören.

Jürgen Wrede, Germering

Auch die Probleme diskutieren

In dem Kommentar von Herrn Becker zur Elektromobilität als Strohhalm des motorisierten Individualverkehrs (MIV) werden fragwürdige Teile wie so oft ignoriert. Erster Punkt ist die umstrittene Ökobilanz des Batterie-MIV. Dies betrifft große Teile der Herstellung, Umweltverschmutzung, die dank ihres Auftretens in fernen Ländern bei den sauberen Autos gerne unter den Tisch fallen. Ebenso aber auch ungeklärte Fragen zum nicht möglichen Recycling der Batterien und damit die Fragwürdigkeit der Entsorgung des Elektrobatterieschrotts, damit auch die Frage der Nachhaltigkeit der Nutzung von Hochleistungsbatterien. Diesen Teil kann man sicher trefflich wissenschaftlich diskutieren. Wer aber die Einführung der Technologie befürwortet, sollte diese Risiken zumindest in einem seiner Nebensätze als noch vorhandene Probleme benennen.

Schwerer aber wiegt die Metabotschaft von Herrn Becker: Man nehme das MIV-Batterie-Fahrzeug, gebe ihm Ökostrom, und alles wird gut. Ein MIV-Batteriefahrzeug unterscheidet sich von einem benzin-, diesel-, gas- oder wasserstoffgetriebenen MIV im besten Fall durch eine bessere Fahrzeug-Ökobilanz. Es hat aber mit seinen Kollegen der anderen Antriebe alle weiteren Probleme gemein. Es steht genauso lange im Stau. Es braucht genauso viel Parkplatz. Es wird ebenso zu schnell durch Wohngebiete gejagt.

Debatte online

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Unter der Überschrift "Es gibt nur eine Chance" hätte ich einen Kommentar zur Notwendigkeit der Veränderung der Mobilitätsgewohnheiten erwartet. Also eine Ausführung dazu, dass und wie wir unsere Lebensgewohnheiten umbauen müssen, um die einzige Chance zu ergreifen: Verkehrsvermeidung. Den Verbrennungsmotor anstelle der Verkehrsgewohnheiten der Menschen anzuprangern, ist wie eine Werbung für die im Unterschied zur Filterlosen doch richtig gesunde Filterzigarette.

Reimar Stenzel, Pohlheim-Hausen

Es gibt Alternativen zum E-Auto

Nein, nicht nur eine, es gibt mehrere Chancen, mehrere Methoden, Treibstoff (Benzin, Diesel) zu sparen.

Drei wesentliche Bespiele seien hier aufgeführt. Erstens: Auf Erdgas nachrüsten, die Umbausätze sind fertig und zugelassen. Tankstellen gibt es bereits. Zweitens: Auf Klimaanlagen und sonstige Verbraucher (etwa Stereoanlagen) verzichten.

Drittens: Die Fahrgeschwindigkeit verringern. Eine Verdoppelung der Fahrgeschwindigkeit erfordert die etwa achtfache Leistung zur Überwindung des aerodynamischen Widerstands, was den Treibstoffverbrauch stark erhöht. Ähnliches gilt auch für rasantes Beschleunigen. Direkt proportional entwickelt sich die CO₂-Produktion diesbezüglich.

Prof. Dr.-Ing. Manfred Kloster, München

Subvention der Besserverdiener

Über die "höhere Kaufprämie für Elektroautos", wie in dem SZ-Beitrag beschrieben, freuen sich doch ganz besonders der Normalverdiener oder Rentner, die sich gar kein neues Elektroauto leisten können. So dürfen sie nun wenigstens über ihre Steuerzahlungen ihren Chefs oder anderen, wirtschaftlich bessergestellten Mitmenschen deren E-Autos mitfinanzieren. Das ist doch wirklich eine sozial ausgewogene Lastenverteilung!

Manfred Schellerer, München