Documenta:Die Fragen der Zeit

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Documenta: Erste künstlerische Intervention auf der Documenta 15: Dan Perjovschis Antikriegszeichnungen im Fridericianum, das dieses Jahr kein Ort musealer Ausstellung ist, sondern wieder zur Schule wird.

Erste künstlerische Intervention auf der Documenta 15: Dan Perjovschis Antikriegszeichnungen im Fridericianum, das dieses Jahr kein Ort musealer Ausstellung ist, sondern wieder zur Schule wird.

(Foto: Nicolas Wefers)

Die Documenta gilt heute als bedeutendste Kunstschau der Welt. Dieses Jahr wird sie von Antisemitismusvorwürfen gegen das Kuratoren-Kollektiv erschüttert. Ein Blick in die Vergangenheit - aber auch nach vorne.

Von Catrin Lorch

Die Documenta gilt als die bedeutendste Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst weltweit, sie hebt sich aus den unzähligen Biennalen und Großausstellungen hervor als Ereignis, das Etappen der Kunst absteckt und markiert. Ausgerechnet, wie immer wieder geschrieben, in Kassel, einer kleinen Stadt in Nordhessen, in der Provinz. Ihre Geschichte reicht inzwischen weit zurück: Ihre erste Ausgabe fand im Jahr 1955 im Rahmen einer Bundesgartenschau statt. Es ging damals in der Nachkriegszeit darum, dem deutschen Publikum die von den Nationalsozialisten diffamierte Moderne wieder zu vermitteln: das, was kurz zuvor noch als "entartete Kunst" aus deutschen Museen entfernt und ins Ausland verscherbelt worden war.

Und diese Wiederbegegnung mit der Avantgarde wurde auch deswegen zum initialen Moment, weil Arnold Bode, ein Künstler und Professor aus Kassel, seine betont schlicht betitelte "documenta" in der ausgebrannten Ruine des Fridericianums einrichtete, einem klassizistischen Bau, der als eines der ersten Museen überhaupt gilt. Dort inszenierte er auf Stellwänden und vor Plastikbahnen Werke, die unter anderem aus dem New Yorker Museum of Modern Art ausgeliehen wurden: Kandinsky, Klee, Matisse und Beckmann. Wilhelm Lehmbrucks Skulptur "Kniende" wurde im Halbdunkel der Rotunde installiert.

Die inszenierte Aussöhnung zwischen dem deutschen Publikum und der Kunst gelang. Und die zunächst alle vier Jahre stattfindende Documenta - sie dauert 100 Tage - wurde in unmittelbarer Nähe zur Zonengrenze zur DDR zu einer festen Größe im westlichen Kunstgeschehen: Die Pop Art wurde dort im Jahr 1968 zusammen mit amerikanischen Strömungen wie Color Field oder Minimal genauso skeptisch betrachtet wie Harald Szeemanns "Individuelle Mythologien", wie Performance oder Land Art. Es war die Documenta 5, die sich von einer musealen Präsentation entfernte, die Bildwelten der Werbung erschloss - und die Figur des Kurators prägte, dessen Arbeit nicht nur in der Auswahl bestand, sondern in einer theoretischen Setzung und einer Choreografie gleichermaßen. Die von Bazon Brock damals ausgerichtete "Besucherschule" wurde zum Vorbild für die Vermittlung zeitgenössischer Kunst und ihre Einbeziehung des Publikums.

Documenta: Einer der Orte des gemeinsamen Arbeitens und Gestaltens von Ruangrupa: das Ruru-Haus in Kassel.

Einer der Orte des gemeinsamen Arbeitens und Gestaltens von Ruangrupa: das Ruru-Haus in Kassel.

(Foto: Nicolas Wefers)

Zudem weitete sich die Documenta in Kassel mit jeder Ausgabe aus - erschloss sich die malerischen Auen, bespielte auch die Neue Galerie, das Hessische Landesmuseum und bekam eine Documenta Halle zwischen Stadttheater und Park gebaut. Größen wie Walter De Maria oder Joseph Beuys hinterließen mit Werken wie dem "Vertical Earth Kilometer" oder dem aus 6000 Eichen bestehenden "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" dauerhaft Spuren in der deutschen Provinz.

Vor allem die Ausgaben seit Catherine Davids Documenta X haben nicht durch die Kunst, die sie zeigten, sondern auch durch die Form der Ausstellung selbst die zeitgenössische Kunst dauerhaft verändert. David veranstaltete mit "100 Tage - 100 Gäste" im Jahr 1997 einen Diskurs-Marathon, der die Ausstellung zu einem Ereignis machte. Ihr Nachfolger Okwui Enwezor ließ seine Documenta 11 dann mit Konferenzen, den Plattformen, auf vier Kontinenten beginnen und installierte Videofilme - darunter auch fast dokumentarische Beiträge - gleichberechtigt neben der Kunst. Carolyn Christov-Bakargievs Documenta 13 unterhielt dann Ableger in Kairo und Kabul, während sich die nachfolgende Documenta von Adam Szymczyk noch einmal verdoppelte: Jeder der Geladenen wurde auch in Athen gezeigt, mitten in der damaligen Schuldenkrise. Die Documenta ist wegen solcher kuratorischer Setzungen eine Antwort der Kunst auf ihre Zeit - keine Bestenschau, kein nationaler Wettstreit wie die Biennale in Venedig.

Die Documenta kann sich solche gewaltigen Projekte leisten, weil sie unabhängig von Museen und ihren Sammlungen arbeitet, in der Provinz öffentlich subventioniert wird und zudem einen Großteil ihrer Einnahmen selbst erwirtschaftet, sozusagen vom Interesse des Publikums getragen wird (die zurückliegenden Ausgaben wurden jeweils von knapp einer Million Besucher gesehen). Zudem war bis zur Documenta 14 die Struktur der Ausstellung vollkommen auf die jeweilige Ausstellung ausgerichtet: Alle fünf Jahre wurde ein neues Team zusammengestellt, die Geschäftsführung verstand sich vor allem als Ausrichter der Schau. Erst in den vergangenen Jahren wurde der Posten einer Generalsekretärin geschaffen, zu der Struktur der Documenta gehören jetzt auch ihr Archiv und ein Institut.

Im Zusammenhang mit der Historisierung der Documenta wurde auch stärker beachtet, dass die bundesdeutsche Kulturpolitik sehr wohl Einfluss genommen hat - von der Subventionierung in der Nachkriegszeit durch amerikanische Kulturpolitik, die Verbindung von prominenten Gründerfiguren mit den Nationalsozialismus (wie im Fall des Kunsthistorikers Werner Haftmann) bis hin zu den Einflussnahmen von Galerien und Sponsoren.

Die aktuelle Ausgabe - die "documenta fifteen" - wird von dem indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa ausgerichtet, das seinerseits Hunderte Gruppierungen eingeladen hat. Darunter auch Aktivisten und Künstler, die in der Vergangenheit zum Umfeld des BDS gerechnet werden ("Boycott, Divestment and Sanctions"), einer Initiative, die zum kulturellen Boykott Israels aufruft und Kritikern zufolge das Existenzrecht Israels infrage stellt. Nun tobt schon im Vorfeld eine Debatte, inwieweit die Kuratoren und Künstler antisemitisch seien. Auch eine Erklärung der Kuratoren, in der sie sich vom Antisemitismus distanzieren und versicherten, die Documenta sei kein Ort für Boykottaufrufe, konnte die Diskussion nicht beruhigen.

Das Jahr 2022 ist mit diesem Skandal jedoch die Ausnahme einer ansonsten vor allem in kunsthistorischer Hinsicht bedeutenden Erfolgsgeschichte. Das andauernde Experiment der Documenta ist vor allem im Kontext einer zunehmend auf Markt und Verkauf ausgerichteten Szene eine der unabhängigsten und eigenständigsten Größen weltweit geblieben. Ihre besten Ausgaben müssen nicht nur als erfolgreiche Ausstellungen gelten, sondern als das, was Catherine David einmal als "manifestation culturelle" beschrieb, deren Eigenschaft es sei, "den Zugang zum Erkennen des Zustands der Welt auf unterschiedliche Weise zu ermöglichen".

Informationen

Die 15. Documenta findet vom 18. Juni bis 25. September 2022 täglich von 10 bis 20 Uhr statt. 100 Tage lang können die Besucherinnen und Besucher an 32 Ausstellungsorten, die über die ganze Stadt verteilt sind, an Aktionen, Workshops, Brainstormings teilnehmen.

Ziel der Kuratoren, des indonesischen Künstler-Kollektivs Ruangrupa, ist es, "eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform" zu schaffen, um Möglichkeiten eines anders gearteten, gemeinschaftlich ausgerichteten Modells der Ressourcennutzung und gerechteren Lebensbedingungen zu entwickeln.

Tickets: Ein Tagesticket kostet 27 Euro, das Dauerticket kostet 125 Euro. Schulklassenticket: 7 Euro.

Buchung und Informationen: shop-documenta-fifteen.de

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