SZ-Serie "Mein Projekt":Mit Kettensäge, Axt und Muskelkraft

Lesezeit: 4 min

SZ-Serie "Mein Projekt": Illustration: Jessy Asmus

Illustration: Jessy Asmus

Bäume selbst fällen? Kein Problem, dachte sich unsere Autorin, nahm Helm und Sicherheitsschuhe - und belegte dann doch noch einen Kurs.

Von Johanna Pfund

In Haus und Garten gibt es immer was zu tun. SZ-Autorinnen und -Autoren berichten in der Serie "Mein Projekt", woran sie werkeln, was sie dabei verzweifeln lässt und welche Do-it-yourself-Tipps sich auszahlen. Folge 3: Die Kettensäge

Puh, diese Fichte also? Den geschätzt 20 Meter hohen Baum mit einer Motorsäge fällen und das mit nahezu chirurgischer Präzision? Genau in die Lücke zwischen zwei weiteren Fichten soll der Nadelbaum fallen und dabei die kleine Buche, die in der Nähe ebenfalls Wurzeln geschlagen hat, möglichst verschonen. Zehn Zentimeter Abweichung von der mit einem Zweig markierten Fallrichtung gewährt uns der Leiter des Kurses "Sichere Waldarbeit". Ein Lehrgang, der über das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Holzkirchen organisiert wird.

Man hört die Autos auf der A 8 südlich von München vorbeirauschen, aber das erscheint in diesem Moment wie eine weit entfernte Welt, in der alles ganz einfach ist. Hier im Wald ist es dagegen erst mal schwierig. Aber es war ja so gewollt: Endlich von der Pike auf lernen, wie man eigenhändig und sicher zumindest kleinere Bäume mit der Motorsäge fällt - damit Frau auch ohne die Hilfe vieler kluger Männer Brennholz für den Ofen machen kann. Also Motorsäge starten und ran an den Baum, ein Zurück gibt es nicht.

Frauen bei der Waldarbeit, das ist noch immer eine exotische Sache. Dabei müssten angesichts der Eigentumsverhältnisse zahlreiche Frauen mit Helm, Schnittschutzhose und Sicherheitsschuhen ausgerüstet im Wald stehen. Etwa ein Drittel des Privatwalds in Bayern gehört Frauen. Die Bewirtschaftung - ganz gleich ob das Fällen oder auch nur das Beauftragen von Profis, die die Arbeit erledigen - liegt jedoch vorwiegend in Männerhand. Der Opa, der Mann, der Schwager, die machen die echte Arbeit.

Frauen im Wald dagegen, die machen meist nur die Handlangerarbeit. Und so geht es allen Teilnehmerinnen in diesem nur von Frauen besuchten Kurs ähnlich: Wenig Ahnung bis keine, das ist die Grundlage. Der Chef an diesen beiden Lehrgangstagen ist davon begeistert: "Mir sind die am liebsten, die keine Ahnung haben", verkündet er freudestrahlend. Denn die hören zu.

Eine sichere Technik ist wichtig, 2021 starben in Deutschland 26 Menschen bei der Waldarbeit

Und das Zuhören lohnt sich. Waldarbeit ist nichts für "Schnell mal" oder "Haben wir immer schon so gemacht". Im vergangenen Jahr starben in Deutschland 26 Menschen bei der Waldarbeit, meldet die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau. Die Zahl der Unfälle ist zwar rückläufig, aber mit etwa 4000 noch immer hoch. Das lernt unsere Lehrgangsrunde gleich am ersten Tag. Plus gratis dazu - die hässlichsten Unfälle. Jeder einzelne Unfall ist unnötig, das lernen wir auch. Die Zauberworte beginnen mit "sicher": Sicherheitsbereich einhalten, sichere Fälltechnik.

Gerne machen wir am Abend des Theorietags das, was uns der Kursleiter ans Herz gelegt hat: Ausrüstung überprüfen. Schnittschutzschuhe und -hose, Handschuhe und Helm sind Pflicht. Der Hosenstoff muss an der Vorderseite intakt sein, denn die verarbeiteten Fasern stoppen die Kette der Motorsäge, sollte man bei der Arbeit abrutschen. Der Helm darf nicht älter sein als fünf Jahre, weil Plastik im Lauf der Zeit brüchig wird. Das erste Opfer der abendlichen Inspektion im Schuppen ist somit auch bald gefunden: ein Helm, definitiv älter als fünf Jahre. Er landet umgehend in der Mülltonne.

Das war der leichtere Teil der Übung. Stufe zwei in Sachen Ausrüstung zündet der Kursleiter nach der beeindruckenden Lektion über Unfälle: Die passende Motorsäge finden, und diese auch pflegen. Vollmeißel- oder Halbmeißelkette? Aha, sowas gibt es. Letztere reicht wohl für unsere Zwecke, so viel wird schnell klar. Dann das Schärfen der Kette. Motorsäge an der Werkbank einspannen, die Feile im richtigen Winkel ansetzen und durchziehen. Zahn für Zahn. Erst in die eine Laufrichtung, dann in die andere. Und bitte nicht mit Feilen aus dem Baumarkt ankommen. Es sieht also nach weiteren Opfern im Schuppen aus, so ein, zwei Werkzeuge werden wohl ebenfalls in Richtung Entsorgung wandern.

Aber endlich zur Sache. Das Fällen. Kleine Bäume, ja, da habe ich schon vor dem Kurs gerne mal die Säge angelegt - in der irrigen Annahme, das sei unproblematisch. Dabei bergen gerade diese einiges an Risiko - dürre kleine Fichten etwa, oder angefaulte Bäume. Deshalb müssen wir erst mit dem Baum reden. Der Fachbegriff lautet Baumansprache. Ja, den Baum anschauen, Wuchs und Äste begutachten, dann schauen, ob der Baum beim Fallen nicht oben an anderen Ästen hängenbleiben kann, und schließlich eine mögliche Fallschneise identifizieren.

Jede von uns kauert sich also in die Hocke vor den jeweiligen Baum, die Hände schulterbreit nach unten an den Stamm gelegt, Blick nach oben, nach vorne, nach rechts, nach links. Je nach Baum gibt es unterschiedliche Fällschnitte - aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie ermöglichen ein sicheres Fällen. In meinem Fall grob beschrieben: Fällkerb schneiden, diese maulartige Öffnung, die dem Baum die Fallrichtung weist. Noch mal überprüfen, ob der Kerb passt, und dann erst den größeren Teil des Stammes sägen, einige Zentimeter oberhalb des bereits gesetzten waagerechten Fällkerbbodens. Und bitte die Bruchleiste unangetastet lassen - eine Art Scharnier zwischen Fällkerb und dem Hauptschnitt, über das sich der Baum dann langsam in die gewünschte Richtung neigt, assistiert von ein paar Axtschlägen auf den angesetzten Keil. Alles anstrengend, das Sägen wie das Schlagen.

Es wird spannend. Der Baum neigt sich, neigt sich noch weiter - und rauscht hinunter, genau in die definierte Lücke. Eine gewisse Erleichterung macht sich breit. Der markierende Zweig steht zwar noch aufrecht neben dem liegenden Stamm, aber die kleine Buche, die hat überlebt. Jetzt noch ablängen, also den Stamm in die gewünschten Stücke zersägen. Rückenschonend natürlich. Das heißt, die Motorsäge entweder auf dem Baum aufliegen lassen oder am Oberschenkel abstützen. Hört sich wie immer einfach an, ist in der Praxis aber erst einmal schwierig. Alles nicht so leicht, diese Lektion bleibt. Aber der Anfang ist gemacht. Nun bleibt mir Üben, Üben, Üben. Das Schöne: Jeder Übungsbaum ist weiterer Nachschub für den Ofen, und das ist nicht schlecht in Zeiten einer Energiekrise.

Woran man denken sollte:

  • Schnell geht gar nichts: Wer Bäume fällen will, sollte vorher einen Kurs belegen. Und wer das als sogenannter Selbstwerber im Staatswald tun will, muss ein entsprechendes Zertifikat vorlegen. Kurse finden sich über die jeweiligen Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF).
  • Ausrüstung checken und immer, immer anziehen. Eine Motorsäge schneidet mühelos Schuhe mit Stahlkappen durch. Handschuhe, gleich welcher Art, sorgen für einen sicheren Griff.
  • Zeit lassen: Siehe Tipp eins - nur die Ruhe, auch beim Sägen. Lieber die Fallrichtung einmal mehr überprüfen. Und nie alleine im Wald arbeiten.
  • Hilfe holen: Bei schwierigem Gelände oder Unsicherheit: Profis fragen.
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