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Digitaler Kunstmarkt:Kreative Maschine

Auktions-Rekord für digitales Kunstwerk

Die Collage "Everydays: The First 5000 Days" des Digitalkünstlers Mike Winkelmann, genannt Beeple, erreichte bei Christie's einen Preis von 69 346 250 Dollar (rund 57,8 Millionen Euro).

(Foto: picture alliance/dpa/Christie's)

Die Pandemie brachte dem Kunstbetrieb den teils notwendigen Digitalisierungsschub. Mit neuen Technologien können gerade kleine Galerien und Händler hohe Aufmerksamkeit erzielen.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Man sprach von Zeitenwende und einem neuen Kapitel in der Kunstbranche. Es war zumindest eine Sensation als Anfang März das digitale Werk "Everydays: The First 5000 Days" bei Christie's in New York für fast 70 Millionen Dollar versteigert wurde. Die Collage von Digitalkünstler Mike Winkelmann alias Beeple ist das erste Blockchain-Werk, das bei einem der traditionellen Auktionshäuser versteigert und in Kryptowährung bezahlt wurde.

Hinter dem Digitalkunstwerk stecken sogenannte "Non-Fungible Token" (NFT), also nicht austauschbare Werteinheiten, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Das Besondere: Dank der Verschlüsselung gelten NFT-Bilder als unzerstörbare und fälschungssichere Unikate, was den Preis treibt. "Die Idee des NFT-Bildes finde ich toll. Das bringt den Kunstmarkt ins Gespräch, genau das brauchen wir jetzt", sagt Robert Ketterer, Inhaber des Auktionshauses Ketterer Kunst. Doch ist die NFT-Kunst nun eine Revolution oder nur ein Hype? "Es wirkt wie Science-Fiction. Was da genau passiert ist, werden wir wohl erst viel später richtig einordnen können", sagt Kristian Jarmuschek, Galerist und Vorsitzender des Verbands für Galerien und Kunsthändler (BVDG).

2020 brach der weltweite Kunstmarkt ein

Dass ausgerechnet in der Pandemie ein digitales Werk Furore macht, scheint wenig überraschend zu sein. Die Lockdowns samt Reisebeschränkungen legten die Kunstwelt lahm, für Ausstellungen, Events und Handel blieb einzig der virtuelle Raum. Trotz des zunehmenden Onlinegeschäfts brach 2020 der Kunstmarkt ein. Der weltweite Umsatz fiel um 22 Prozent auf 41,9 Milliarden Euro, wie aus dem Branchenreport der Kunstmesse Art Basel und der Schweizer Bank UBS hervorgeht. Schätzungen zufolge verloren 116 000 Menschen ihren Arbeitsplatz auf dem Markt, der vor der Krise weltweit 2,9 Millionen Menschen beschäftigte.

Die Covid-19-Folgen für die 700 Galerien in Deutschland waren laut dem Verband BVDG mit einem Umsatzminus von 60 Prozent im ersten Halbjahr 2020 dramatisch. "Durch das rege Interesse der Kunstenthusiasten und die temporären Öffnungen im Spätsommer und Veranstaltungen wie die Positions im Rahmen der Berlin Art Week im September konnten wir gut aufholen. Das Minus für Galerien betrug maximal 30 Prozent", sagt Jarmuschek, der auch Geschäftsführer der Berliner Messe Positions ist.

Digitale Formate brachten der Branche wichtige Einnahmen. Die Annahme, dass sich Kunst nur analog verkaufen lässt, wurde in den vergangenen Monaten klar widerlegt. Rasch reüssieren konnten digitale Vorreiter. Besonders die großen Auktionshäuser wie Christie's und Sotheby's sowie Händler wie der US-Galerist deutscher Abstammung David Zwirner oder Ex-Galerist Matthias Arndt, Gründer der Künstleragentur A3, sind seit Jahren digital präsent.

Künstler präsentieren über Live-Cam ihre Arbeit

Der Galeriesektor musste nachrüsten, viele entwickelten erstmals virtuelle Angebote. Via interaktiven Live-Führungen in Zoom oder Jitsi und Chats mit Kuratoren in Club House bleibt man nun in Kontakt mit Kunstliebhabern. Künstler lassen sich über Live-Cam bei der Arbeit zuschauen und präsentieren über Instagram, Wechat & Co ihre Arbeiten. "Digitalisierung ist keine Notlösung und macht den Ausstellungsbesuch nicht unnötig", meint Jamuschek. Online-Räume könnten den Kunden sogar einen leichteren Zugang zu Künstlern und ihren Kunstwerken bieten.

Stark im Trend sind Kunst-Onlineplattformen wie Artnet und Artsy. Händler nutzen die Foren als Multiplikatoren. Käufer können hier mittels Suchfilter zu Epoche, Preis und Größe ihr Lieblingsstück erwerben. Besondere Anwendungen sollen den Kauf erleichtern wie etwa ein Tool, das virtuell zeigt, ob der großformatige Daniel Richter tatsächlich auch ins Esszimmer passt. Für kleine, regionale Galeristen ist der barrierefreie erweiterte Ausstellungsraum attraktiver als teure Auftritte bei Kunstmessen. "Die wahre Herausforderung ist, die Spannung, den Spaß und das Erlebnis von Kunst digital abzubilden", sagt Experte Ketterer.

Eine Galerie am Strand - virtuell möglich

Ein gelungenes Beispiel gibt die Kölner Galeristin Priska Pasquer. Sie hat ihre virtuelle Galerie auf eine Insel im Meer verlegt, wo sie als Avatar Besucher empfängt. Gespräche mit Künstlern, Kuratoren und anderen Gästen sind wie bei einer echten Vernissage möglich. "Menschen aus der ganzen Welt sind bei uns zu Gast. Demnächst wird sich das Team von Artsy zum Meeting am Strand treffen," so Pasquer, die zuletzt vier Werke nach New York verkaufte.

Verhältnismäßig virusresistent zeigte sich das Geschäft der Auktionshäuser. "Der reine Verkaufsprozess ist bereits seit Jahren digital, daher kam die Branche gut durch die Krise. Wir arbeiten laufend an Verbesserungen unserer Online-Formate und investieren jährlich einen sechsstelligen Betrag", so Ketterer, Chef des umsatzstärksten deutschen Versteigerers. Unterm Strich blieb das Münchner Kunsthaus mit 61 Millionen Euro Umsatz nur eine Million unter dem 2019-Ergebnis. Die 16 Online-only-Auktionen brachten mehr als vier Millionen Euro Erlös und viele internationale Neukunden.

Pressefoto - Koo Jeong A, density
(2019), in London at
Frieze Sculpture 2019,
from the series
Prerequisites 7,
augmented reality.
Courtesy of the artist and
Acute Art

Wenn im Sommer ein Eisblock am Himmel erscheint: Die Arbeit mit erweiterter Realität "Density" (2019) des Künstlers Koo Jeong A im Londoner Regent's Park entstand in Zusammenarbeit mit Acute Art.

(Foto: Courtesy of the artist and Acute Art)

"Gefragt sind besonders die großen Namen, denn das Luxussegment ist auf Einkaufstour und setzt auf Sachwerte", so Ketterer. Rekordgewinne im digitalen Geschäft schrieb auch der britische Konkurrent Sotheby's, wo siebzig Prozent aller Versteigerungen online veranstaltet wurden. Besonders die Auktionshäuser profitierten stark vom Ausfall der renommierten Kunstmessen wie Art Basel, FIAC (Paris) und Art Cologne, traditionell wichtige Termine im Kalender von Künstlern, Galerien und Sammler.

Die im Frühjahr abgehaltenen Großevents Arco in Madrid und Tefaf in Maastricht entpuppten sich als Virenschleudern in der Kunstbranche. Online-Ausstellungen, die nach den Messeabsagen rasch kreiert wurden, brachten nicht den erwünschten Erfolg. Angesichts des Stillstands sind hohe Investitionssummen in virtuelle Kunsthallen für die Veranstalter kaum zu stemmen. Die Branche hofft nun auf Impfprogramme und einen Neustart im Herbst.

"Das Konzept eines Premium-Events mit Publikum aus allen Herren Länder ist derzeit kaum denkbar, aber wir wünschen und hoffen, dass die Art Basel im September stattfinden kann", sagt Jamuschek. Generell gehe der Trend eher in Richtung überschaubare, regionale Formate, die kurze Anreise und Austausch im kleinen Kreis ermöglichen.

Pressefoto - Koo Jeong A, density
(2019), in London at
Frieze Sculpture 2019,
from the series
Prerequisites 7,
augmented reality.
Courtesy of the artist and
Acute Art

Virtuelle Kunst mit dem Smartphone erleben: Die Produktionsfirma Acute Art entwirft digitale Kunstprojekte im öffentlichen Raum.

(Foto: Courtesy of the artist and Acute Art)

Am Markt steigt indes das Interesse an digitalen Kunstwerken. Wie radikal neue Technologien die etablierten Strukturen der Kunstwelt verändern können, zeigt die Produktionsfirma Acute Art von Daniel Birnbaum. Der ehemaliger Direktor des Stockholmer Moderna Museet (Museum für moderne Kunst) kuratiert Kunstprojekte mit "virtueller, erweiterter oder gemischter" Realitäten. Sichtbar werden die Werke über das Smartphone, wenn eine entsprechende App heruntergeladen wird oder mit einer virtuellen Realitäts-Brille.

Pressefoto_Daniel Birnbaum, Acute Art (c) John Scarisbrick

Daniel Birnbaum, ehemaliger Direktor des Stockholmer Moderna Museet, kuratiert Projekte mit virtueller Kunst.

(Foto: John Scarisbrick)

So konnten beispielsweise im Januar die Besucher der Londoner Outdoor-Ausstellung "Unreal City" bei einem Spaziergang entlang der Themse mit dem Smartphone QR-Codes scannen und digitale Skulpturen betrachten. Virtuelle Kunst wurde so auch Teil der physischen Welt. (Einen Einblick in den Rundgang gibt Kurator Birnbaum in einem Video unter diesem link: https://acuteart.com/artist/unreal-city/)

© SZ/weka
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