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Digitaler Journalismus:Daten, die uns verraten

Das Smartphone kennt uns besser, als unsere engsten Freunde uns kennen.

(Foto: SZ)

Wie erzählt man eine Geschichte, in der das Handy der Hauptdarsteller ist? Ein Lehrbeispiel für digitalen Journalismus.

Von Elisabeth Gamperl und Hannes Munzinger

Es gibt einen Gegenstand, dem wir unsere dunkelsten Geheimnisse verraten. Ein Smartphone kennt uns besser, als unsere engsten Freunde, Familienmitglieder oder Partnerinnen und Partner uns kennen. Es ist überall bei uns, weiß um unsere Finanzen, kennt unseren Schlafrhythmus und unsere Vorlieben, Ängste und Sorgen. Es hat nur einen Haken: Das Smartphone ist geschwätzig.

Webseiten und vor allem Apps auf dem Handy teilen Daten mit Hunderten Firmen. Datenkonzerne wie Google, Facebook und Amazon bauen aus diesen Informationshäppchen Persönlichkeitsprofile und verkaufen den Zugang zu diesen Profilen an die Werbeindustrie. Für einen normalen Nutzer ist das nicht nur intransparent - es ist kaum möglich herauszufinden, wie mit den eigenen Daten gehandelt wird. Wir wollten diese "Blackbox" ausleuchten und am Ende so davon erzählen, dass jeder den komplexen Datenhandel versteht. Wir begaben uns auf die Datenjagd. Das bedeutete: Auf Erzählseite eine riesige Herausforderung, Monate an Konzeption und Experimentieren mit Recherchemethoden. Eine schweißtreibende Geschichte. Eine Geschichte, die zeigt, was digitaler Journalismus kann.

Am Bildschirm Geschichten anders als in der gedruckten Zeitung zu erzählen oder mit digitalen Werkzeugen Geschichten zu recherchieren, kam in den späten 2000er-Jahren auf. Die Pioniere auf dem Gebiet waren die Kollegen der Tageszeitungen The Guardian und New York Times und des öffentlich-rechtlichen britischen Senders BBC. In den Redaktionen entstand der sogenannte "datengetriebene" Journalismus.

Datenjournalisten suchen Storys oft in Datensätzen und -banken, die teils online verfügbar sind. Viele von ihnen, auch in unserem SZ-Datenteam, können programmieren und nutzen diese Fähigkeit zur Recherche, Analyse oder Visualisierung der Informationen. Aber auch scheinbar klassische Recherchen sind manchmal ohne ein vertieftes Verständnis von Informationstechnik kaum zu bewerkstelligen. Zum Beispiel große Datenleaks wie die Panama Papers. Der SZ wurde vor einigen Jahren ein riesiger Datensatz zugespielt, der mithilfe von uns Datenjournalisten durchsuchbar gemacht wurde. Aber wo fängt man an zu suchen, wenn man vor Millionen von Dateien sitzt? Und wie stellt man sicher, möglichst wenig wichtige Information zu übersehen? Auch hier halfen Automatisierungen und das Abgleichen mit Datenbanken. Datenjournalisten brauchen nicht nur Programmierkenntnisse, sie brauchen auch Kreativität beim Zugang zu Geschichten und Fragestellungen.

Die gute Idee alleine reicht aber nicht, denn wie fängt man an, ein Smartphone zu durchleuchten? Man fragt einen Kollegen, der mehr davon versteht. Im Fall der Datenjagd-Recherche war das Felix Ebert, der eigentlich Software-Entwickler ist, aber in der Entwicklungsredaktion der SZ auch journalistisch arbeitet und für viele Projekte unentbehrlich geworden ist. Bei der Smartphone-Recherche wagte er ein Experiment, das vorher vor allem in der Forschung und von Aktivisten durchgeführt worden war: Er konfigurierte ein Smartphone des chinesischen Herstellers Xiaomi so, dass wir mitlesen konnten, welche Verbindungen das Betriebssystem des Smartphones oder eine genutzte App ins Internet aufbauen und wohin sie Daten senden.

Wir wollten eine Situation schaffen, in der sich das Smartphone möglichst normal verhält. Es brauchte einige Anläufe, bis wir eine Testperson finden konnten, die bereit war, das präparierte Smartphone 24 Stunden lang im Alltag zu benutzen. Wir richteten das Gerät so ein, wie es die Person gewohnt war, und zeichneten den entstehenden Datenverkehr auf. Selbst wenn man, wie unser Entwicklerkollege Felix, mehr von Netzwerkprotokollen und Serveranfragen versteht - einiges, was wir sahen, war schwer verständlich. Auf den ersten Blick vor allem Zeichensalat, auf den zweiten: womöglich sensible personenbezogene Informationen.

Datensalat Datenjagd

Der aufgenommene Datenverkehr des Testhandys sieht für ungeschulte Augen aus wie ein Zeichensalat. Für unsere Entwickler ist es jedoch eine Fundgrube.

(Foto: Felix Ebert)

Was wir daraus lernten: wie viel die Technologiekonzerne verschleiern und verstecken. Manchmal vielleicht sogar in guter Absicht, aber in jedem Fall intransparent. Man braucht eine hohe Frusttoleranz für Recherchen dieser Art, denn vermeintliche Spuren gibt es viele und ihnen zu folgen ist aufwändig.

Man schreibt kleine Programme, die einen Teil der Daten auswerten, und steht immer wieder auch vor der Erkenntnis, einer falschen Fährte gefolgt zu sein. Dann hilft der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die von außen auf die Recherche-Ergebnisse schauen und einordnen, was sie interessiert oder überrascht. Zum Beispiel, dass allein die Anzahl an Verbindungen, die das Smartphone an einem Tag aufbaute, verblüffend ist: Im Testzeitraum wurden 7305 Kontakte mit 636 verschiedenen Servern protokolliert. Auch wenn die Testperson das Handy nicht verwendete, wie etwa in der Nacht, funkte es Informationen an die Außenwelt. Daraus ergaben sich weitere Fragen: Warum ist mein Smartphone so aktiv, während ich schlafe?

Schon während der Recherche arbeiteten Datenteam und Storytelling-Team eng zusammen. Wie Datenjournalismus ist Storytelling eine ziemlich junge Disziplin. Bei der SZ sind wir ein Team aus Designern, Entwicklern und Redakteuren. Wir arbeiten wie Komponisten. Verschiedenste Instrumente - Bild, Text, Video, Ton, Grafik - werden zu einem Gesamtwerk verwoben. Jedes Element ist dabei gleichberechtigter Partner.

Im Mittelpunkt steht für uns nicht nur die Frage "Was ist die Geschichte?", sondern zentral ist auch: Was ist der beste Weg, sie zu erzählen? Wir nutzen dabei immer die Darstellungsform, die sich am besten eignet, eine Geschichte voranzubringen.

Wie erzählt man also eine Geschichte, die sich im Inneren eines Handys abspielt? Wie visualisiert man etwas Abstraktes wie Daten? Wie macht man dem Leser begreiflich, dass es auch ihn betrifft?

Für das Projekt Datenjagd saßen sehr viele Menschen sehr oft an einem Tisch, um gemeinsam den Kern der Geschichte herauszuschälen und an einer Optik wie an der Erzählweise zu arbeiten: eine Designerin, Redakteure, Programmierer, Datenspezialisten, eine Illustratorin, Infografiker, ein Art-Direktor und Storytelling-Experten.

Zu Beginn geht es vor allem darum, den richtigen Ton für die Geschichte zu treffen und einen Erzählstrang zu finden. Die Designerin unseres Teams erstellte sehr früh gemeinsam mit der Illustratorin ein Moodboard. Ein Moodboard ist eine Art Entwurf, um zu definieren, in welcher farblichen Stimmungswelt sich die Geschichte abspielt, wie hier zu sehen ist:

Moodboard

Die Illustratorin und unsere Designerin erarbeiteten ein sogenanntes Moodboard, um für die Geschichte ein Grunddesign festzulegen.

(Foto: Screenshot)

Wir entwickelten unterschiedlichste Konzepte, wie man die Geschichte darstellen könnte. Ein so komplexes Thema, eine so techniklastige Recherche so zu erzählen, dass unsere Leserinnen und Leser sie verstehen: Um das zu gewährleisten, musste zunächst auch jedes Teammitglied die Geschichte erfassen, auch wenn er oder sie selbst nicht mitrecherchiert hatte.

Im Nachhinein lässt sich schwer sagen, wie viele Ideen wir hatten. Wie oft wir zusammensaßen, diskutierten, aufgeben wollten, weitermachten. Wir spielten lange mit dem Gedanken, bei der Illustration mit Händen zu arbeiten, die Daten aus dem Handy ziehen. Eine Idee, die dann in der Printausgabe umgesetzt wurde.

Buch Zwei Vorschau Datenjagd

Die Umsetzung der Recherche in der Prinzeitung.

(Foto: Screenshot)

Für die digitale Umsetzung verwarfen wir diesen Plan aber. Da der Hauptprotagonist das Handy war und Digitaljournalismus via Handy konsumiert wird, wollten wir noch näher dran sein.

Gemeinsam mit dem verantwortlichen Redakteur aus dem Buch-Zwei-Ressort grübelten wir über den besten Aufbau der Geschichte: Es wurde ein chronologischer Tagesablauf aus dem Leben der Versuchsperson mit ihrem Handy. Weil sie anonym bleiben wollte, gaben wir ihr den fiktiven Namen Maria Brandl. Wir gingen die ersten Textversionen durch und markierten jede Stelle, die auch mit visuellen Mitteln erzählbar zu sein schien. Während Grafiken in der Printzeitung neben den Text gestellt wurden, konzipierten wir sie digital so, dass sie sich in den Fließtext integrieren ließen und nach und nach aufbauten.

Wir verstehen Dinge besser, wenn wir sie vor Augen haben. Davon gehen wir im Storytelling aus. Um also die komplizierten Vorgänge des Datensammelns in Smartphones für unsere Leserinnen und Leser leicht verständlich zu machen, arbeiteten wir mit kleinen Icons, die den Inhalt visualisierten. So wie in diesem Beispiel, in dem Maria Brandl in einer Koch-App etwas zum Nachkochen sucht. Während sie dies tut, fließen Daten an Facebook ab.

Wie man auf dem Bild sieht, fließen ständig kleine Datenhäppchen an den Facebook-Konzern.

Zusätzlich legten wir auf alle Visualisierungen für dieses Projekt einen Glitch-Effekt. Der Glitch-Effekt deutet verpixelte Bildfehler an, man sieht ein leichtes Ruckeln. Diese digitalen Fehler hatten einen atmosphärischen Zweck: Der Effekt setzt einen Kontrast zur schicken, glänzenden Optik der Smartphones und deutet an, dass die Geräte Dinge tun, die den meisten Handybesitzern verborgen bleiben.

Neben der Hauptgeschichte, die in der Printausgabe als Buch Zwei erschien, veröffentlichten wir auch auch ein Erklärvideo und mehrere Servicestücke über unsere Recherche; beispielsweise, wie man sich als Nutzer vor Datensammlern schützen kann. Alle Geschichten wurden auf einer sogenannten Landingpage veröffentlicht: Solche Seiten dienen als zentrale Stelle, an der Leserinnen und Leser eine Einführung ins Thema erhalten und alle Artikel dazu ansteuern können. Für diese spezielle Geschichte wollten wir die Problematik des Datenhandels auf der Landingpage darüber hinaus für jeden Einzelnen erlebbar machen. Wir personalisierten sie also. Jeder User wird auf dieser Seite direkt willkommen geheißen. Und wir zeigen, was wir so alles über ihn oder sie wissen.

Dieses Raster an Informationen ist nichts Illegales. Jede Seite im Internet zieht sich daraus Daten, und das ständig. Davor kann man sich schwer schützen. Es ist unheimlich. Genau dieses Gefühl wollten wir unseren Leserinnen und Lesern vermitteln.

Was man bei unserer Arbeit nie vergessen darf: es muss auf allen Geräten gleich gut funktionieren. In unserem Team spielt also Malte eine sehr große Rolle. 20 Stunden die Woche ist er bei uns und testet unsere Geschichten auf allen Geräten. Er hat Adleraugen, Geduld und ist unsere Versicherung dafür, dass am Ende unsere Arbeit nicht umsonst war. Er kontrolliert, ob die Animationen überall richtig dargestellt werden und ob sich nirgends ein technischer Fehler eingeschlichen hat. Und dann gibt er grünes Licht.

Am Tag der Veröffentlichung der Datenjagd-Recherchen klebten wir bis spät abends an unseren Bürostühlen, schliffen an den Formulierungen, korrigierten Illustrationen. Kurz vor der Veröffentlichung um 19 Uhr wurde auch eine Sektflasche herumgereicht. Die Veröffentlichung ist nach so einem langen Vorlauf immer ein eigenartiges Gefühl. Man entlässt ein Projekt in die weite Welt. Als Storyteller bleibt man zurück und wartet gespannt auf Reaktionen. Danach fühlt man sich immer leer und ein wenig erschöpft. Manche von uns tranken an diesem Abend aus der Sektflasche. Eine Situation, die man sich heute, in Zeiten von Corona, gar nicht mehr vorstellen kann. Zwar existieren von diesem Abend Fotos, als Storyteller weiß man aber auch, was man in einer Erzählung lieber weglässt.

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© SZ/isp/fued
Tracking Everything Buch Zwei Teaser

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