Süddeutsche Zeitung

Deutschtürken:Zwischen zwei Welten

Der Fall Mesut Özil zeigt, wie schwierig das Verhältnis zwischen Deutschen und Deutschtürken geworden ist. Leser und Leserinnen diskutieren kontrovers über die Ursachen des gegenseitigen Unverständnisses.

"Mesut Özil tritt aus DFB-Elf zurück" vom 23. Juli, "Es ist eine enttäuschte Liebe" vom 17. Juli und "Bürger auf Bewährung" vom 13. Juli:

Bar jeglicher Selbstkritik

Die öffentliche Stellungnahme von Mesut Özil zu seinem umstrittenen Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan kommt reichlich spät und lässt es vor allen Dingen an Selbstkritik völlig fehlen. Es kann doch nicht sein, dass Özil seine Handlung wirklich für unpolitisch hält und das Foto nur aus Respekt zu seinen türkischen Wurzeln gemacht hat. Auch das Management beim DFB muss sich allerdings fragen lassen, ob der Umgang mit der ganzen Angelegenheit nicht völlig danebengegangen ist und dann wegen atmosphärischer Störungen in der deutschen Nationalmannschaft letztendlich zum vorzeitigen Aus bei der WM geführt hat.

Thomas Henschke, Berlin

Jeder macht mal Fehler

Auch wenn er es vielleicht nicht ganz einsieht, machte Mesut Özil mit dieser Fotoaktion einen Fehler. Jetzt, zehn Wochen später, äußert er sich auf Twitter dazu und zieht seine Konsequenzen. Er schrieb das Ganze wahrscheinlich nicht selbst, es waren Berater im Spiel. Und nun spielt sich jeder als Moralapostel auf und meint, kundtun zu müssen, wie man es besser hätte machen können. Im Nachhinein sind alle schlauer. Auch wenn in der Nationalmannschaft fast nur Millionäre herumlaufen, die Fußball-Deutschland nach außen repräsentieren sollen, kann man nicht immer davon ausgehen, dass das auch klappt. Profi-Fußballer scheinen tatsächlich auch Menschen zu sein, die ab und an Fehler machen oder die Probleme damit haben, sich in der Öffentlichkeit zu äußern bzw. zu rechtfertigen. Begrabt endlich diesen sinnlosen Streit, er führt zu nichts! Es gibt wahrlich andere Probleme, die zu lösen sind.

Achim Bothmann, Nordstemmen

Überrumpelt wurde keiner

Im Interview der SZ mit Fatih Ilhan ("Es ist eine enttäuschte Liebe") versucht dieser, den gemeinsamen Auftritt der Herren Özil, Gündoğan und Erdoğan mit der Frage des Respekts gegenüber dem Abstammungsland und einer gewissen Überrumpelung der Fußballer zu erklären. Aber ist es nicht höchst unpassend, angesichts eines Staatspräsidenten, der offensichtlich Menschen, die nichts Kriminelles gemacht haben, monatelang einsperrt, von Respekt zu sprechen? Wenn es stimmt, dass in der Türkei Menschen, die anderer Meinung sind als Erdoğan, allein aus diesem Grund verhaftet werden, dann kommt man nicht umhin, von einer Diktatur zu sprechen. Und einem Diktator soll man Respekt zollen?

Auch dass die beiden Fußballspieler von der Einladung überrumpelt wurden, scheint in mehrfacher Hinsicht unpassend: Fußballer mit einem Jahresgehalt in Höhe von mehreren Millionen Euro sind PR-Profis mit allerlei Beratern diesbezüglich um sie herum. Zudem: Der Fußballer Emre Can erhielt anscheinend die gleiche Einladung von Erdoğan und lehnte ab.

Sich allein auf das Treffen zwischen Özil, Gündoğan und Erdoğan zu versteifen, greift jedoch zu kurz: Was ist mit dem Treffen von Siemens-Chef Joe Kaeser und Wladimir Putin in Moskau nach der Annexion der Krim, die ja nicht aus einer friedlichen Volksabstimmung resultierte? Neben diesem bewaffneten Konflikt beteiligt sich Putin zusätzlich als aktiver Kriegsherr beim Töten in Syrien an der Seite des Diktators Assad, anstatt endlich einen Frieden für die dortige Region voranzutreiben. Von der Unterdrückung Andersdenkender im eigenen Land ganz zu schweigen.

Hätte dann nicht eigentlich auch das Treffen der Fußballwelt mit Russland als Ganzes verhindert werden müssen? Ist nicht Putin genauso ein Diktator wie Erdoğan? Offensichtlich sind Ignoranz und fehlende Bildung in unserer Weltgesellschaft noch immer so weit verbreitet, dass Brot und Spiele nach wie vor vom Terror mancher Staatssysteme perfekt ablenken können. Obwohl ich das Mitfiebern bei Fußball-Weltmeisterschaften liebe, entschied ich mich diesmal, kein einziges Spiel anzusehen.

Kathrin Schrepfer, Nürnberg

Gegenseitiges Desinteresse

Der im Artikel "Es ist eine enttäuschte Liebe" interviewte Fatih Ilhan hat in vielem recht, und ich möchte als Resultat langjähriger Erfahrungen hinzufügen, dass ein wichtiger Grund für das häufig gestörte Klima zwischen Deutschen und Türken das gegenseitige Desinteresse füreinander ist. Was die deutsche Seite betrifft, muss ich als Privatperson und beruflich mit der türkischen Welt Beschäftigter, immer wieder Folgendes feststellen: Die Türkei und ihre Menschen sind trotz langer, vielfältiger und intensiver Beziehungen zu Deutschland weiten Teilen unserer Bevölkerung erstaunlich fremd geblieben. Dies betrifft vor allem Religion, Sprache und Kultur, aber auch das politische System. Was wissen die meisten von uns von türkischer Geschichte, türkischer Literatur, türkischem Lebensvollzug? Welche Assoziationen kommen bei Deutschen auf, wenn sie die Wörter "Türke/Türkin", "Türkei" hören? Sicherlich nicht huzur ("Seelenfrieden") und hüzün ("Melancholie"), zwei Zentralbegriffe der türkischen Literatur...

Nach meinen Erfahrungen gibt es zudem bestimmte Stereotype, die, nicht immer ausgesprochen, das Bild "der Türken" zumindest beeinflussen: Harems-Fantasien, Atatürk und Erdoğan (andere Politiker sind kaum bekannt) und das latent vorhandene Bild vom "Barbaren", das heißt von Angehörigen einer schwer zugänglichen, "anderen" Kultur. Kaum jemandem wird es auffallen, dass die ehemalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, in den deutschen Medien fast immer völlig falsch "Öhsuss" ausgesprochen wird. Das ist in etwa so, als würde Berlusconi "Beroni" ausgesprochen werden. Von Tschem/Schem Özdemir - Cem (sprich: Dschem) Özdemir - oder Erdoğan (sprich: Erdooan) will ich gar nicht reden. Auffällig ist jedenfalls, dass den Bemühungen, in den Fernseh- und Rundfunknachrichten italienische, spanische, englische oder französische Begriffe und Namen möglichst hyperkorrekt auszusprechen, ein unrühmliches Desinteresse an der korrekten Wiedergabe türkischer Wörter gegenübersteht. Das alles sind Kleinigkeiten, aber in der Summe führen sie zu einem Klima tatsächlicher oder selbstauferlegter Diskriminierung bei den in Deutschland lebenden Türken bzw. zu einem Gefühl des Nicht-ganz-ernst-genommen-Werdens.

Und noch ein Wort zu den sogenannten Deutschtürken: Sie haben die einmalige Chance, als selbstbewusste Vermittler zwischen den Welten zu wirken, aber dazu bedarf es natürlich tiefergehender Kenntnisse sowohl der türkischen als auch der deutschen Kultur. Und diese Kenntnisse vermisse ich leider sehr häufig, wobei mir nur zu bewusst ist, dass sich die deutsche Seite, was die Kenntnisse ihrer eigenen Kultur betrifft, häufig auch nicht mit Ruhm bekleckert.

Prof. Jens Peter Laut, Göttingen

Die Wohnung nicht betreten

Ich habe den Eindruck - ohne zu wissen, wie das besser gehen kann -, dass es wichtig wäre, mehr miteinander als übereinander zu sprechen. Ich denke nämlich, dass es sich insbesondere in der Generation unserer Kinder um eine gegenseitige enttäuschte Liebe handeln könnte. Mein Sohn, heute 26, hatte in seiner Schulzeit einen sehr guten Freund, Abu. Leider durfte Abu nie zu uns nach Hause kommen. Die einzige große Ausnahme war der Geburtstag unseres Sohnes. Beim Abholen hat der Vater unsere Wohnung nicht einmal betreten, sondern den Sohn an der Tür in Empfang genommen. Die Mutter von Abu haben wir leider nie kennengelernt. Unser Sohn hatte nach der Schule noch eine Zeit lang Kontakt zu ihm, aber das wurde weniger und weniger.

Wir wissen natürlich nicht, was hinter dem von uns als schroff und ablehnend erlebten Verhalten der Familie von Abu steckte, und unser Sohn würde die Geschichte sicher auch nicht als enttäuschte Liebe bezeichnen, als enttäuschende Freundschaftserfahrung aber ganz sicher.

Ute Hensel, Hamburg

Der perfekte Sündenbock

Zu Auftritt und Verhalten Mesut Özils kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein. Er ist der perfekte Sündenbock und Blitzableiter für rassistische Bonzen und enttäuschte "echte Deutsche". Differenzierung, Reflexion, Offenheit und Auseinandersetzung sind unsere Sache scheinbar nicht. Aber resignieren geht schon gar nicht.

Elisabeth Rind-Schmidt, Bernried

Warum so vorwurfsvoll?

Nach 40 Jahren Schuldienst an Grundschulen mit von Anfang an hohem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund, als Lehrerin und Schulleiterin im Ruhestand, frage ich mich schon länger bekümmert, was gerade die deutsch-türkische Gruppe zu solch vorwurfsvoller Haltung veranlasst. Im Interview "Es ist eine enttäuschte Liebe" geht es ja um Gefühle. Die haben deutsche Mitmenschen (in meinem Bereich: Schulleiterinnen, Lehrerinnen, Eltern, Schüler) umgekehrt auch. Da gibt es genauso Erfahrungen von Enttäuschung, Ablehnung (insbesondere Frauenfeindlichkeit), Respektlosigkeit, Desinteresse an Kommunikation und Bildung, Absonderung usw.

Annely Ochel, Troisdorf

Hinweis

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Quelle:
SZ vom 24.07.2018
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