Derdiedas Blog "In Mathe bin ich Deko"

Versandhändler Otto verkauft ein T-Shirt, auf dem sinngemäß steht, dass Mädchen schlecht in Mathe sind. Die Bundesregierung verhindert die EU-Frauenquote. Und Bundespräsident Gauck zieht die Empörung von Netzaktivistinnen auf sich, weil er in der Sexismus-Debatte "Tugendfuror" ausmacht. Diese drei Begebenheiten illustrieren pünktlich zum Internationalen Frauentag, warum wir Feminismus dringend brauchen.

Von Barbara Vorsamer

Eine Woche in Deutschland: Kanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder beschließen, die eh schon schwache und nur punktuell wirksame EU-Frauenquote zu verhindern. EU-Kommissarin Viviane Reding hatte zuvor eine 40-Prozent-Quote für Aufsichtsräte vorgelegt. Nach der Ablehnung durch Deutschland hat das Vorhaben allerdings keine Mehrheit mehr und ist faktisch vom Tisch. Bundespräsident Joachim Gauck findet sich unterdessen mit dem Wort "Tugendfuror" in den Schlagzeilen wieder (Mehr dazu hier). Als einen solchen hatte er die Twitterkampagne #Aufschrei bezeichnet, die Begebenheiten von Alltagssexismus und sexueller Belästigung über den Kurznachrichtendienst sammelt.

Sprachbilder und Klischees wie diese halten sich hartnäckig - auch weil sie immer wieder aufs Neue bedient werden. Der Versandhandel Otto hatte bis vor Kurzem ein T-Shirt für Mädchen im Angebot, auf dem steht: "In Mathe bin ich Deko", das er nach einem öffentlichen Sturm der Entrüstung aus dem Sortiment nahm.

'Mädchen können kein Mathe' ist ein Vorurteil, das genauso alt wie falsch ist. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass Mädchen und Jungen etwa gleich gut rechnen können - dass Mädchen aber trotzdem schlechtere Noten bekommen und zusätzlich (oft durch Lehrerinnen) eine Angst vor dem Stoff eingeimpft wird, die sie dann tatsächlich schlechter werden lässt. Heißt: Vor allem, weil Mädchen denken, sie wären in Mathematik weniger begabt, fallen ihre Leistungen ab.

Weniger Gehalt, dafür wesentlich mehr Elternzeit

Einer Achtjährigen ein T-Shirt mit dem Spruch "In Mathe bin ich Deko" anzuziehen, ist daher kein bisschen lustig. Sondern einer von vielen Mosaiksteinen, die am Ende das Bild verfestigen: Mädchen und Frauen sind schlecht in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Ein Mädchen, das das verinnerlicht hat, wird dann später bestimmt nicht Bauingenieurin oder Softwareentwicklerin, sondern möglicherweise Hebamme oder Erzieherin - Berufe, in denen sie deutlich weniger verdient.

Ob eine geringe Bezahlung in diesen Branchen gerecht ist, ist eine ebenso offene Frage, wie die, ob dort so wenig bezahlt wird, weil vor allem Frauen dort arbeiten. Oder ob vielleicht Frauen bei der Berufswahl weniger als Männer auf die Verdienstmöglichkeiten achten. Was immer hier die Henne und was das Ei ist: Auch wenn wir das Gehalt von Frauen und Männern vergleichen, die sich in Branche, Ausbildung und Berufserfahrung nicht unterscheiden, verdienen Frauen im Schnitt etwa 20 Prozent weniger als Männer. In den 200 größten deutschen Unternehmen sind gerade einmal drei Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich.

Dafür bleibt die Kindererziehung fast komplett an den Frauen hängen. 45 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeiten Teilzeit, meldet das Statistische Bundesamt. Im Gegenzug nimmt nicht einmal jeder vierte Vater Elternzeit, und von denen, die sie nehmen, nimmt die große Mehrheit nur die Mindestzeit von zwei Monaten. Und nur 18 Prozent aller Leitartikel in deutschen Medien werden von einer Frau verfasst.

Auch in den Verlagen sprechen also vor allem die Männer. Dieses Blog soll das ändern. Meldungen, wie dass Deutschland die EU-Frauenquote kippt und Diskussionen wie der #Aufschrei werden hier genauso Platz finden wie Randnotizen über Mathe-T-Shirts von Otto.

Früher "Gedöns", heute das Reizthema schlechthin

Themen wie die Frauenquote, Krippenplätze, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Betreuungsgeld, Sexismus und Genderstereotypen haben uns im vergangenen Jahr permanent beschäftigt. Und nicht nur das: Was der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Ende der Neunziger Jahre noch als "Gedöns" abtat, ist inzwischen Stoff für Aufmacherthemen und Leitartikel.

Das werden diese Themen auch weiterhin sein. Dieser Blog soll keinesfalls dazu dienen, alle "Frauenthemen" hierhin abzuschieben. Themen, die wir bisher groß und umfangreich behandelt haben, werden weiterhin in den Ressorts von Süddeutsche.de ihren Platz finden. Zusätzlich werden Sie in diesem Blog Essays und Analysen, Erlebnisberichte, kurze Beobachtungen und Lesetipps zu anderen deutschen und internationalen Medien und Blogs finden.

Wir beschäftigen uns mit der Situation von Frauen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medien - und beschreiben, was uns dazu einfällt und auffällt, missfällt oder gefällt. Dabei ist es uns ein Anliegen, Debatten abzubilden und anzustoßen und mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in Kontakt zu kommen. Wir freuen uns über Themenideen, Diskussionsvorschläge, über Lob und über Kritik. Gerne per Mail an hannah.beitzer@sz.de, barbara.vorsamer@sz.de oder über Twitter an @derdiedasblog.