"Eine Großdemonstration des Bürgersinns" und "Bewegt", beide vom 22. Januar, und "Wie zählt man Teilnehmer von Demonstrationen?" vom 23. Januar:
Ein Weckruf
Das Medium Correctiv deckte nach einem Geheimtreffen rechter Gruppierungen menschenverachtende Gedankenspiele auf. Teilnehmende kamen auch aus Reihen der AfD. Das Publizieren dieser Erkenntnisse war ein Weckruf für die bisher schweigende Mehrheit unserer Gesellschaft. Seitdem versammeln sich in ganz Deutschland Menschen, die gegen Rechtsextremismus demonstrieren. Viele Hunderttausende! Sie verbinden ihr Aufbegehren mit der Hoffnung, dass die AfD an Zuspruch verliert. "Nie wieder ist jetzt", "bunt statt rechts" oder "Demokratie retten" lauten ihre Slogans.
Diese müssen nun auch in den Alltag übertragen werden. Im Freundeskreis, bei der Arbeit, bei Sportveranstaltungen und so weiter. Das heißt: Aufstehen gegen rassistische, gegen rechtsextremistische Äußerungen. Ich nahm an der Demonstration in Hannover teil. Statt der angemeldeten 10 000 Demonstrierenden kamen 35 000 Menschen aller Altersstufen. Es herrschte eine friedliche, fast euphorische Stimmung. Alle Redner und Rednerinnen trafen den Nagel auf den Kopf. Lasst Euch also nicht durch rechtsextremistische Parolen in die Irre leiten. Sie haben keine Substanz!
Achim Bothmann, Hannover
Hass ist keine Lösung
Ich bin die richtige politische Mitte: parteilos, Wechselwähler, mal SPD, mal FDP, mal CSU, faul, leichter Bauchansatz und seit Jahren auf keiner Demo gewesen. In München war ich dabei, weil ich genug habe von den Sprüchen der AfD und anderer Extremisten, vor denen man mich im Geschichtsunterricht gewarnt hatte.
Ich bin überzeugt, dass die Mitte nun laut werden muss, um gegen Hass und Hetze in der politischen Auseinandersetzung und gegen den Rechts- und Linkspopulismus aufzutreten. Umso unangenehmer war es mir, dass eine hörbar junge und wahrscheinlich unerfahrene Versammlungsleiterin Hunderttausende zum Skandieren des Slogans "Ganz München hasst die AfD!" aufrief.
Es ist zum Haareraufen. Hass ist keine politische Kategorie! Wann kapiert man das endlich? Und widersinnig wird es besonders, wenn man die sogenannte Zivilgesellschaft zum Engagement gegen Hass und Hetze der anderen aufruft, und selber dann solche Sprüche ins Mikrofon spuckt.
Der Rechts- und Linkspopulismus muss politisch bekämpft werden. Es ist kontraproduktiv, die AfD zu "hassen" oder zu verbieten, das führt nur zu deren Stigmatisierung, die wieder ein falsches Heldentum generiert. Lasst diese Leute reden, damit sie sich selbst disqualifizieren. Hört ihnen zu - auch wenn es wehtut - damit ihr wisst, warum ihr sie nicht wählt.
Hans Jahreiss, München
1:0 für die Guten
Man hätte es schon vor den Demos wissen können: Die schweigende Mehrheit ist nicht rechtsextremistisch und homogen, wie die AfD es sich einbildet, sondern eher mittig und vielfältig. Deshalb muss schon einiges passieren, bevor sie auf die Straße geht. Das Potsdamer Geheimtreffen der rechten Remigrationsstrategen war anscheinend der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Jetzt müsste eigentlich die AfD ihrerseits zur Demo aufrufen. Das wird sie nicht tun, jedenfalls nicht in München, weil allzu sichtbar würde, dass sie nicht annähernd so viele Menschen auf die Beine bringen kann wie ihre Gegner.
1:0 für die Guten, könnte man also befriedigt feststellen. Und die Initiatoren denken schon fieberhaft darüber nach, wie sie weitermachen wollen. Aber selbst wenn es gelingen sollte, auf 2:0 oder 3:0 zu erhöhen, wird die Partie am Ende nicht auf offener Straße entschieden, sondern im Schutz der Wahlkabine. Erst wenn die Wähler dort ihr Kreuzchen wieder an der richtigen Stelle setzen, hat die Demokratie gesiegt.
Der demokratische, liberale Rechtsstaat ist eine spröde und komplizierte Angelegenheit. Er kann nur überleben, wenn er die Kraft aufbringt, sich besser, das heißt teilweise neu aufzustellen. Die Abtrünnigen nur missionieren zu wollen, genügt nicht. Es liegt vor allem an der Attraktivität des Angebots, wenn es immer weniger angenommen wird.
Axel Lehmann, München
Einigkeit und Recht und Freiheit
Wir sind zu alt für Demos, haben aber einen Vorschlag. Die Teilnehmer könnten doch unsere Nationalhymne singen: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland ... - eine bessere Zusammenfassung für unser aller Anliegen gibt es doch nicht.
Ursula und Guido Albrecht, Nördlingen
"200 000 und vielleicht etwas mehr"
Nach Angaben der Polizei gingen in München 100.000 Menschen, laut den Veranstaltern 250.000 Menschen (am Ende sogar korrigiert auf 320.000; d. Red.) auf die Straße. Diese unterschiedlichen Einschätzungen habe ich schon oft gelesen. Der Veranstalter hat ein Interesse, eine möglichst hohe Zahl zu nennen und damit den Erfolg in ein gutes Licht zu rücken. Was ist das Interesse der Polizei? Objektivität?
An meiner ersten großen Demonstration nahm ich zum NATO-Nachrüstungsbeschluss 1982 in Bonn teil. Damals meldete die Polizei offiziell 350.000 Teilnehmer und die Veranstalter 500.000. Was mich allerdings stutzig machte, dass ich während der Demonstration zufällig über den Polizeifunk die Teilnehmerzahl von 500.000 bis 600.000 Teilnehmern mithörte.
Bei der Demo am vergangenen Sonntag fragte ich deshalb am Schluss der Demo bewusst eine Polizistin, von wie vielen Teilnehmern im Funk gesprochen wurde. Sie gab mir die Auskunft: "200.000 und vielleicht etwas mehr".
Manfred Kerber, Olching
Zivilcourage auch im Alltag
Deutschland ist und bleibt bunt. Das haben die berührenden Demonstrationen in vielen deutschen Städten deutlich gezeigt. Eine bisher schweigende Mehrheit geht auf die Straße und dokumentiert, dass es keine Alternative zu unserer pluralistischen Demokratie gibt.
Björn Höcke, der wirkliche Kopf in der AfD, plant mit anderen Rechtsradikalen ein großangelegtes Remigrationsprogramm, um in Deutschland wieder eine ethnische Homogenität herzustellen. Als Geschichtslehrer müsste er eigentlich wissen, dass es diese nie gegeben hat, dass nur genetische Vielfalt Überleben sichert. Ob er weiß, dass er genetisch schon seit der Mittelsteinzeit mit asiatischen Steppenvölkern verwandt ist?
Hierbei muss nach seiner Ansicht eine "wohltemperierte Grausamkeit" angewendet werden, um Migranten, um Deutsche mit Migrationshintergrund und andere Missliebige deportieren zu können. Das Potsdamer Treffen und Höckes Ausführungen in seinem Buch führen bisher aber nicht dazu, dass Umfragewerte der AfD sinken.
Deutsche Leitkultur ist eben nicht der Weihnachtsbaum, wie es Herr Merz gerne sähe, sondern Antisemitismus, Rassismus, Demokratiefeindlichkeit und eine geradezu mythische Sehnsucht nach einem autokratischen Staat - zumindest bei 20 bis 30 Prozent der Wahlwilligen. Wer immer noch glaubt, dass darunter viele Protestwähler seien, der ist naiv! Außerdem wäre es sehr hilfreich, wenn Herr Merz, Herr Frei und Herr Aiwanger ihre Sprachkurse für die AfD einstellten. Denn sie dienen bisher eher als Blaupause für eine rassistische Verschärfung.
Und Deportationen finden ja schon seit geraumer Zeit statt. Und zwar in unseren Parlamenten im Sprachgebrauch der AfD. Das ist alles in den Zwischenrufen, Reden und sprachlichen Tabubrüchen nachzulesen.
Was folgt nach den Empörungen der vergangenen Tage? Ministerpräsident Weil hat es vortrefflich formuliert. Wir alle sind jetzt Verfassungsschutz und müssen im Alltag für den Erhalt unserer Republik eintreten, wann immer sich Rassismus der AfD zeigt. Ich hoffe, dass auch ich mich trauen werde, die nötige Zivilcourage aufzubringen.
Manfred Landsmann, Braunschweig
Raus aus der Komfortzone
Respekt vor den deutschlandweiten Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und der Freude, dass wir als Volk doch noch aus unserer Komfortzone kommen, aufstehen und ein Zeichen setzen können. Doch trotz aller Freude sollten wir nicht den Blick auf die eigentlichen Probleme verlieren, beziehungsweise, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Denn nicht nur das Volk muss aus der Komfortzone, sondern endlich auch die Regierung.
Diese gewählten Bürgervertreter haben die Interessen der Bürger zu vertreten, je nach politischer Ausrichtung. Das ist im Moment definitiv nicht der Fall. Die Parteien wollen ihre ideologischen und selbstverliebten Projekte durchsetzen und handeln nicht zum Wohle des Staates.
Sie schauen den Leuten nicht aufs Maul, nehmen ihre Sorgen und Nöte nicht ernst und treiben gefühlt jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf. Die Menschen fühlen sich abgehängt und nicht von der Politik mitgenommen. Sie sollten gut regieren, tun es aber nicht. Wen wundert es da, dass sich ein Teil des Volkes abwendet und ihr Heil in neuen Heilsbringer-Parteien sucht.
Man möchte den Regierenden zurufen: "Fangt endlich an und macht Euren Job." Allein der Ruf wird verhallen. Sie können oder wollen es nicht. Schade.
Alexandra Weichselgartner, Ebersberg
Hinweis
Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung , gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de . Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.
