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Datenschutz:Wenn Fortschritt unmündig macht

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Den Weg finden, Uhr umstellen, Fakten wissen - das Smartphone nimmt uns vieles ab, wenn wir es mit genügend Daten füttern. Leser warnen vor den Risiken.

Zu "Homo digitalis" vom 31. Oktober / 1. November:

Mit dem fast unaufhaltsamen Schwinden der Privatsphäre wird auch unsere politische, bürgerliche Freiheit verschwinden. Es ist tragisch, dass dies nicht breiter gesehen und noch deutlicher publiziert und propagiert wird. Weil es so ein schleichender und "bequemer" Verlust ist, merken es die Menschen nicht in gleicher Weise wie bei einem plötzlichen Freiheitsverlust durch eine Verhaftung, ein diktatorisches Regime oder die aktuellen Eingriffe wegen Corona.

Dazu eine geradezu subtile Episode: Am Morgen des 25. Oktober sind mir in München zwei junge Menschen begegnet, die gar nicht mitbekommen haben, dass in der Nacht die Zeitumstellung vollzogen wurde. Der eine war der junge Bäckereiverkäufer, der sich wunderte, warum an dem Tag schon früh um sieben, kurz nach der Eröffnung, so ungewöhnlich viele Kunden gekommen waren. Tja, deren innere Uhren waren noch auf Sommerzeit eingestellt. Aber das hat er bis Mittag, als ich die letzten noch vorhandenen Teigwaren mitnahm, nicht realisiert.

Viele junge Menschen besitzen gar keine analogen Uhren mehr, die man händisch umstellen muss, sondern schauen nur aufs Smartphone. Er hatte seinen Dienst pünktlich angetreten, weil sein Smartphone (und vermutlich der daran hängende Wecker) in der Nacht unbemerkt per Funksignal umgestellt wurden.

Das ist natürlich bequem, aber es ist ein noch vergleichsweise harmloses Beispiel, wie die Homines digitales jetzt schon und demnächst noch mehr im Sinne des Wortes "ferngesteuert" werden.

In gleicher Weise sind viele junge Menschen inzwischen völlig von GPS-Navigationssystemen abhängig, auch ihre Fähigkeit zum Kartenlesen schwindet. Genau wie diese Convenience-Techniken schafft auch der seit Jahrzehnten betriebene systematische Bildungsabbau jene hohlen Köpfe, in die sich ja nach kommerziellem oder politischem Bedarf später beliebige Inhalte einfüllen lassen. Mangels autonomem Wissen und autonomer Erfahrung sind sie nicht mehr kritikfähig, und werden alles nachplappern oder mitmachen, wozu sie ferngesteuert werden. Genauso wie die jungen Convenience-Food-Esser heutzutage kaum mehr in der Lage sind, etwas anspruchsvollere Gerichte selbst zuzubereiten, ja nicht einmal die dafür benötigten Lebensmittel zielsicher einzukaufen. Diese Tendenz ist die sichere Geschäftsgrundlage der großen Nahrungsmittelkonzerne. Es ist ein immer breiter und schneller werdender Strom der Enttüchtigung mit der Gefahr des Verlusts der Autonomie.

Seit der Jungsteinzeit lagern wir natürlich Dinge an "Spezialisten" aus und schustern unsere Schuhe nicht selbst, bauen unsere Autos nicht selbst zusammen und schmieden auch den Schmuck für unsere Frauen nicht selbst. Das ist die Arbeitsteilung, eine Grundvoraussetzung jeder Zivilisation. Nur solange man die Kontrolle über diese Vorgänge behält oder wenigstens genügend Anbieter da sind, zwischen denen man auswählen kann, kann man sich ein Grundmaß an Autonomie und Freiheit bewahren.

Wolfgang Seidel, München

Es gibt schon eine weitere Auflösung des privaten zugunsten des "öffentlichen" Raums. Soeben wurde das "Patientendaten-Schutzgesetz" verabschiedet, das die Auswertung aller zentral gespeicherten Gesundheitsdaten von circa 73 Millionen gesetzlich Krankenversicherten durch Krankenkasse und andere Gesundheitsdienstleister erlaubt. Es sind nicht die großen Tech-Konzerne, obwohl auch Bertelsmann mit der Firma Arvato einen der großen Player bei der Digitalisierung unseres Gesundheitssystems stellt, es ist unser Gesundheitsminister, der in Pandemie-Zeiten die Streichung der Einwilligungserfordernis vonseiten der Patienten für die Auswertung ihrer Daten im oben genannten Gesetz vor der finalen Lesung durchsetzt.

Digitale Mitbestimmung durch das blöde Volk, das stört doch nur! Der Bundesdatenschutzbeauftragte, Professor Ulrich Kelber, läuft deshalb Sturm.

Dr. med. Thomas Lukowski, München

© SZ vom 16.11.2020
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