Datenklau Jeder sein eigener IM

Ein Schüler machte jüngst private Daten von Politikern und Prominenten öffentlich. Leser hoffen, dass manche nun zur Vernunft kommen und weniger von sich preisgeben. Dass Grünen-Chef Robert Habeck diese Konsequenz zieht, möchte einer aber nicht auf Seite 1 lesen.

"Das Beben aus dem Kinderzimmer" vom 9. Januar, "Grünen-Chef verlässt soziale Medien" vom 8. Januar sowie "Daten Hunderter Politiker gestohlen" und "Terror im Netz" vom 5./6. Januar:

Katastrophale Medienkompetenz

Da wurde ein "größerer Hacker-Angriff" vermutet, und dann stellte sich heraus, dass tatsächlich die Sammelwut eines fleißigen Schülers dahintersteckte. Was jedoch ganz sicher dahintersteckt, ist die katastrophale Medienkompetenz unserer Prominenten und Politiker, die schlampig mit den eigenen Daten umgehen und diese weder mit sicheren Passwörtern schützen noch verschlüsseln. Hinzu kommt die egozentrische Eitelkeit: Schaut, was ich kann, was ich habe, wo ich war. Die Stasi des MfS der DDR hatte etwa 200 000 formelle und informelle Mitarbeiter zur Informationsbeschaffung, heute trägt jeder seine Informationen selbst ins Netz, bezahlt hierfür auch noch das technische Equipment, und dann wundert er sich über Datenklau ...

Klaus Bechtold, Darmstadt

Mehr Gelassenheit, bitte

Als ich heute den Aufmacher "Grünen-Chef verlässt soziale Medien" las, hat es mir die Sprache verschlagen. Was hat Ihre Redaktionskonferenz dazu bewogen, eine solche Lappalie auf die erste Seite zu heben? Ist es die Person des Grünen-Chefs Robert Habeck, den manche Medien schon als Messias betrachten, oder ist es die Bedeutung der Internet-Medien, die Sie zu der ungewöhnlichen Platzierung auf die Titelseite bewogen haben? Und nicht nur das: Mussten Sie eine solche Meldung, die meines Erachtens zehn Zeilen auf der Panorama-Seite unter der Meldung, dass Prinzessin Beatrice Händchen gehalten hat, verdient hat, auch noch mit einem "Streiflicht" und einem Kommentar veredeln? Werde ich demnächst auf Ihrer ersten Seite lesen, wenn Horst Seehofer verkündet, dass er keine Weißwürste mehr isst oder dass Angela Merkel ihren Friseur gewechselt hat? Machen Sie das Medium der Tageszeitung nicht klein, wenn Sie Facebook und Twitter eine solche Bedeutung zumessen? Fragen über Fragen. Ich hätte von Ihrer Redaktion mehr Gelassenheit erwartet.

Ernst Neubronner, Bad Homburg

Arg naiv

In der SZ vom 5./6. Januar wurden in dem Artikel "Terror im Netz" die - teils kriminellen, teils vielleicht bloß dubiosen - Aktivitäten von Hackern im Internet mit den Anschlägen von Terroristen verglichen. Es erscheint mir aber doch recht verstiegen, Verbrechen mit inzwischen unzähligen Todesopfern mit kriminellen oder unerlaubten Hacker-Künsten zu vergleichen, die vielleicht zum Leerräumen von Bankkonten führen können.

Allgemein habe ich für das derzeitige Getue von Journalisten und Politikern um die "gehackten sensitiven" Daten wenig Verständnis. So etwas gab und gibt es doch seit Jahren immer wieder. Die jetzt so beklagten "Leaks" haben bisher offenbar niemandem geschadet - und sie wurden zum Teil erst nach und nach überhaupt entdeckt. Also, was soll's? Was ist überhaupt "sensitiv", wenn man überlegt, was manche Leute alles in Facebook und anderswo im Internet an Details von sich preisgeben? Und Telefonnummern konnte schon früher jeder im Telefonbuch nachschlagen.

Außerdem: Wer sich dessen nicht bewusst ist, dass alles , was er irgendwie direkt oder indirekt "ins Netz stellt" (Fotos, "Chats", Handynummern, Konto-/Kreditkartennummern, Adressen, Google-Verläufe usw. usf.), sozusagen "öffentlich" ist oder halt "gehackt" werden kann, der ist, milde ausgedrückt, arg naiv. Man sollte den derzeit aktuellen Hackern geradezu dankbar sein, dass sie die Öffentlichkeit wieder einmal mit der Nase auf diese Erkenntnis gestoßen haben.

Dr. Christof Faber, Gröbenzell

Hoffentlich kehrt Einsicht ein

Den Hackern sei Dank. Erst durch solche Datendiebstähle, wie diesen jetzt bei Prominenten und Politikern, wird deutlich, wie fragil und anfällig die heutzutage hypeartig gepriesene Internetvernetzung von allem und jedem ist. Hoffentlich war auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betroffen, der derzeit den Zugriff von Patienten auf ihre Daten aus zwangsdigitalisierten Arztpraxen über Smartphone und Tablets forciert.

Hoffentlich war auch die Digitalisierungsbeauftragte Dorothee Bär betroffen, die kürzlich Abstriche beim Datenschutz forderte, weil Deutschland der Digitalisierung ja so hinterherhinke. Und schließlich mögen auch persönliche Daten des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach betroffen sein, der Anfang November allen Ernstes vorgeschlagen hatte, Patienten könnten spezielle Behandlungsvorschläge erhalten, wenn sie denn ihre Daten freigäben oder auch ihre Suchverläufe im Internet. Meist erst bei eigener Betroffenheit oder sinnlicher Wahrnehmung des Problems wird gelernt und reagiert - so tickt nun mal der Mensch. Siehe Fukushima oder Dürresommer. Daher sollte angesichts dieses Cyberangriffs nicht nur nach mehr Datensicherheit, Strafverfolgung der Hacker oder gar präventiver Überwachung potenzieller Cyberkrimineller (die wir alle sein könnten) gerufen werden, sondern eher Einsicht einkehren, dass wir tunlichst nicht alles - Haushaltsgeräte, Stromversorgung, Telefone, Radio, Autos, Züge, Schüler und Schulen, Arztpraxen - ans Internet anschließen sollten: besser Vielfalt statt Einfalt! So gesehen wäre es auch keine Schande, rundum digitalisierten Überwachungsstaaten wie China oder Singapur hinterherzuhinken. Auf diesen Teil des Bruttosozialproduktes kann verzichtet werden.

Dr. Andreas Meißner, München