Das dritte Geschlecht Historisches Urteil - aber auch akzeptiert?

Mann, Frau und etwas Dazwischen: Nach Meinung von Lesern bleiben Fragen zur Entscheidung des Bundes­verfassungsgerichts. Manchen ist sie unbegreiflich, andere zweifeln an der Umsetzung.

"Mann, Frau, divers" vom 11. / 12. November sowie "Ja zum dritten Geschlecht" und "Als Mann und Frau und als Drittes schuf er sie" vom 9. November:

Alle sind gleichberechtigt

Das Bundesverfassungsgericht hat in einem historischen Urteil die Rechte intersexueller Menschen gestärkt. Dass nun ein "drittes" Geschlecht neben "männlich" und "weiblich" bei behördlichen Eintragungen wählbar sein wird und damit der Eindruck fehlender Geschlechtlichkeit vermieden wird, ist ein Meilenstein der Persönlichkeitsrechte der Menschen dieses Landes. Dieses Urteil kann aber nur der Anfang sein. Die gesamte Rechtsordnung muss in diesem Geiste reformuliert werden. Das gilt insbesondere für das Grundgesetz (GG). Nachdem das höchste deutsche Gericht das Grundrecht des allgemeinen Persönlichkeitsrechts (abgeleitet durch den Menschenwürdegrundsatz in Art. 1 GG und der Norm der freien Persönlichkeitsentfaltung in Art. 2 GG) neu interpretiert hat, ist nun auch zwingend Art. 3 Abs. 2 GG zu ändern. Der binäre Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" sollte einer Revision unterzogen werden: "Alle Menschen sind gleichberechtigt" wäre eine angemessene Formulierung. Gleiches gilt für die weiteren Bestimmungen jenes Grundgesetzartikels.

Entgegen möglicher Einwände, eine solche Grundgesetzänderung befördere eine Gleichmacherei kommunistischer oder faschistischer Provenienz, sei gesagt: Die rechtliche Gleichheit und Gleichberechtigung der Menschen ist die notwendige Voraussetzung für Freiheit und Individualität. Eine liberale Gesellschaft mit einer entsprechenden Rechtsordnung kann ihre freiheitliche Gestalt nur unter Berücksichtigung dieser egalitären Elemente erhalten. Gregor Bloch, Gießen

Wo leben wir eigentlich?

Das ist eine totale Fehlentscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Und ich kann auch den Kommentar von Heribert Prantl nicht begrüßen. Was kommt als Nächstes? Forderungen nach Unisextoiletten. Natürlich sind SPD und die Grünen von diesem Urteil gleich begeistert. Für mich besteht immer noch Mann, Frau und Kind. Familie und nichts Weiteres. Drittes Geschlecht, Ehe für Alle - wo leben wir eigentlich? Rüdiger Semm, Olbersdorf

Bitte ganz genau überlegen

Spektakulär und wegweisend nennt Heribert Prantl dieses Urteil. Das ist es gewiss, aber es fragt sich, wohin dieser Weg weist. Ich fürchte, nur zu mehr Diskriminierung dieser Intersexuellen, wie man die Zwitter aufs politisch Korrekteste neuerdings nennt. Der junge Intersexuelle, der sich dieses Urteil erstritten hat, hat alles Recht der Welt darauf, sich als ein solcher bezeichnen zu dürfen und es ist gut, dass ein solches nun kommen muss.

Aber ein Gesetz, das darauf besteht, dieses dritte Geschlecht ins Geburtenregister zu schreiben, wird mit größter Wahrscheinlichkeit mehr schaden als nutzen. Es wird stigmatisierend wirken und vermutlich die meisten Eltern dazu bringen, sich nach wie vor für M oder W zu entscheiden, um ihr Kind zu schützen. Zunächst einmal - es kann wohl ausgeschlossen werden, dass ein solcher Eintrag allein auf den Angaben der Eltern beruhen darf. Ein Gutachten wird erforderlich sein. Dann steht da also I oder D, in der Geburtsurkunde eines hilflosen kleinen Wesens. Und so, wie es bislang aussieht, für alle Zeiten. Das Kind hat später keine Möglichkeit, sich für Mann oder Frau zu erklären, was ganz zweifellos viele Zwitter bisher getan haben. Auch der Prozessgewinner ist äußerlich nicht von einem Mann zu unterscheiden, und da er erwachsen ist, wird er sich wohl bewusst für dieses Aussehen entschieden haben.

Wie es jedoch Kindern gehen wird, die mit einem solchen Stigma später in die Schule kommen, kann man sich leicht vorstellen. In Zeiten, in denen es genügt, die falschen Klamotten zu tragen oder übergewichtig zu sein, um gemobbt zu werden, werden sie mit Sicherheit Mobbingopfer werden, wenn ihr "drittes Geschlecht" bekannt wird. Und dass es bekannt wird, lässt sich nicht ausschließen, es ist sogar sehr wahrscheinlich. Wo - beispielsweise - sollen I- oder D-Personen am Sportunterricht teilnehmen? Soll eine eigene Gruppe eingerichtet werden? Sollen sie Buben oder Mädchen zugeordnet werden? Bei etwas mehr als 10 000 Hermaphroditen in ganz Deutschland ist es höchst unwahrscheinlich, dass es einen zweiten Zwitter in einer Klasse gibt. Und wie ist es mit der Toilette? Kein Problem, eine dritte einzurichten, aber was passiert, wenn jemand sie tatsächlich benutzt? Ein solches Gesetz muss mehr als gut überlegt und darf nicht im Hauruckverfahren abgehandelt werden, weil Genderisierung und Intersexualität gerade sehr en vogue sind.

Ich fände es vernünftiger, dass man den erwachsenen Angehörigen des dritten Geschlechts die Möglichkeit gibt, sich nach dem Erreichen der Volljährigkeit umentscheiden zu können und zwar in alle drei Richtungen. Man sollte ihnen dann die Freiheit geben, als Mann, Frau oder Zwitter zu leben und dies auch im Personalausweis bestätigt zu bekommen. In Zeiten, in denen biologisch eindeutig zuordenbare Menschen sich ins andere Geschlecht umwandeln lassen können und dies auch in ihrem Ausweis bestätigt bekommen, wäre das nur fair. Renate Seitz, München

Alte Regelung war recht und billig

Es zeugt von bloßer Naturvergessenheit in Zeiten der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, zu meinen, auch ein noch so hohes Gericht wie das Bundesverfassungsgericht könne einmal eben willkürlich ein "drittes Geschlecht einführen". In der vorgegebenen Natur beziehungsweise in Gottes Schöpfungsordnung gibt es beim Menschen und bei den meisten Tieren aber eben nur zwei Geschlechter. Zwar ist es eine nicht nur wissenschaftlich belegte, sondern auch selbst mit gesundem Menschenverstand überprüfbare Tatsache, dass es immer wieder Menschen gibt, die aufgrund phänotypischer oder genotypischer Merkmale keinem dieser beiden Geschlechter zugeordnet werden können.

Das ist sich ein schweres Schicksal für Eltern, Familien und Betroffene, das immer wieder medizinischen, psychologischen und seelsorgerlichen Beistand erforderlich macht. Richtig ist auch, dass Zwangsoperationen meistens keine gute Lösung des Problems darstellen. Auch darf der Rechtsstaat sicher keinen Zwang ausüben, sondern muss die Eltern und später die Betroffenen selbst entscheiden lassen.

Aber die bisherige gesetzliche Regelung war bereits angemessen und verfassungstreu, recht und billig. Sie hat aus gebotenem Respekt vor den Betroffenen die Option ermöglicht, keines der beiden Geschlechter zu wählen. Das war gut! Dr. Ulrich Diehl, Heidelberg

Toilettenfrage ist leicht zu lösen

Neben allem sprachlichen und alltäglichen Handlungsbedarf, der nach dem Karlsruher Urteil entstehen dürfte, sollte die Sache mit den Toiletten doch am schnellsten gelöst sein: Was spricht dagegen, die in allen öffentlichen Gebäuden vorhandenen Behindertentoiletten kurzerhand zur "Toilette für alle" zu erklären? Sie sind ja bereits jetzt "unisex"! Und damit die Mobilitätseingeschränkten nicht allzu lange warten müssen, können wir ihnen einen Vorrang einräumen. Wiebke Becker, Hamburg

Neue Wörter braucht das Land

Das Juristische wäre nun so gut wie geklärt: Das dritte Geschlecht gibt es. Aber wie steht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen? In vielen Sprachen grüßt man sich mit Bonjour Madame bzw. Monsieur, buenos días Señora/Señor usw. Als ich vor 50 Jahren nach Deutschland kam, lernte ich, dass eine solche Formulierung hier überhaupt nicht statthaft ist und dass man unbedingt einen Namen oder einen Titel hinzufügen muss (Guten Morgen Herr Dr.). Leider sagt heute fast niemand mehr zu einer Dame "Küss' die Hand, gnädige Frau".

Was also muss man in Zukunft zu den "neuen" MitbürgerInnen sagen? Wird es sogar zukünftig eine dritte Endung geben? Die Sprachen sind reich an Begriffen wie Zwitter und Hermaphrodit, aber werden wir sie benutzen dürfen oder sind sie tabu geworden? Werden wir in Zukunft im Bundestag "Meine sehr verehrten Damen, Herren und LGBT" hören? Schade im Übrigen, dass in Ihrem Artikel über die inklusive Schrift in Frankreich der "point médian" nicht gedruckt wurde. In Amerika gibt es neuerdings in der inklusiven Schrift den Begriff Latinx für Latinas und Latinos. Jean-Patrick Donzey, München