SZ: Fang mich doch, du Eierloch! Frau Havryliv, Sie sind Schimpfwortforscherin. Bitte klären Sie uns auf: Was ist ein Eierloch?
Oksana Havryliv: Da fallen mir drei Sachen dazu ein. Eierloch ist erstens ein super Fantasiewort. Ein Loch im Ei? Ein Ei im Loch? Jedenfalls keine gute Fängerin! Zweitens ersetzt Eierloch hier das Wort Arschloch - und passt dabei auch noch vom Versmaß besser. Kinder lieben Reime! Das Lustige ist ja, und da sind wir beim Dritten, dass es stimmt: Hühner haben nur einen Ausgang: Von Kacke bis Ei kommt da alles raus.
Sie sagen einfach so "Kacke", "Arschloch"?
Ja. Nicht so wild für mich.
Weil Sie ständig damit arbeiten?
Ein Schimpfwort besteht immer aus zwei Teilen. Dem Begriff, also etwa einem Körperteil, und zweitens den Gefühlen, die wir mit dem Wort verbinden. Diese Gefühle werden in der Kindheit geprägt. Wir wachsen mit Schimpfwörtern auf - und mit dem, was sie mit uns und anderen tun. Es ist noch nicht so lange her, da haben Kinder für ein laut ausgesprochenes "Scheiße" eine Ohrfeige kassiert. Ich bin in der Ukraine groß geworden. Deutsch ist meine Zweitsprache. Ich habe all diese Wörter bis ins Kleinste untersucht - als Wissenschaftlerin. Ich sehe, was daran vulgär ist. Aber wenn ich so etwas höre, laufen bei mir nicht diese ganzen kindlichen Erinnerungen Sturm.
Vulgär klingt wie Vulkan. Was meinen Sie?
Das Wort kommt aus dem Lateinischen, heißt eigentlich alltäglich, gewöhnlich. Bei Wörtern bezeichnet es diejenigen, die wir als schlimm und schmutzig empfinden.
Sie haben ein Buch geschrieben. Es heißt "Nur ein Depp würde dieses Buch nicht kaufen". Welcher Buchtitel war sonst noch so im Rennen?
Alles Arschlöcher.
Was sind absolute Lieblingsschimpfworte?
Erwachsene sind da eher langweilig, bleiben bei dem, was sie kennen. Ich habe Untersuchungen gemacht, da hat sich in Österreich über zehn Jahre überhaupt nichts verändert. Trottel, Arschloch, Idiot waren die drei häufigsten. Jugendliche schimpfen fast jedes Jahr anders.
Nämlich?
Da mischen sich verschiedene Sprachen und Kulturen. Vor ein paar Jahren kam "AMK" auf. Das ist eine Abkürzung für amına koyım, eine extreme Beleidigung im Türkischen. Oder aber "Blyat", das der Sänger Capital Bra benutzt. Das ist ein deftiges Schimpfwort im Russischen, wird aber häufig so wie "verdammt" gebraucht. "NPC" aus der Gaming-Sprache, ein non-playable character, eine Figur also, die vom Computer gesteuert wird.
Klingt kompliziert. Es gibt eine britische Studie, die sagt, dass Schimpfen klug macht...
Ja, ich sehe da aber keinen Zusammenhang. Eher das Gegenteil: "Blödmann" ist oft auch der Ausdruck dafür, dass man nicht genau genug sagen kann, was einen eigentlich stört.
Was kann Schimpfen?
Mit Schimpfen lassen wir Dampf ab. "Himmel, Arsch und Zwirn!" Wir witzeln damit auch. Also etwa: "Komm mal her, du Riesenhirsch." Etwas, was Kindern und vor allem Jugendlichen dabei wichtig ist: das Provozieren. Und ja, Schimpfworte sind ganz oft auch Beleidigungen - und die verletzen.
Kann man schimpfen, ohne zu verletzen?
Das ist schwierig, geht aber. Wir müssen weg von der Person, hin zur Situation. Also nicht: "Du mieses Aas, gib mir den Fußball!", sondern "Verdammt noch mal, gib mir endlich den Ball!" Schimpfen entlastet denjenigen, der schimpft. Aber Schimpfen verletzt eben auch, gerade, wenn es vulgär wird. Mit "Du Tomate", "Goldfisch", "Geodreieck" muss man vielleicht erst mal lachen. Einfacher geht das mit einem Pilzbestimmungsbuch.
Ein Pilzbestimmungsbuch?
Ja, einfach aufschlagen, losschimpfen: "Semmelstoppel!" "Buckeltäubling!" "Gemeiner Glimmertintling!"
Aha. Aber ist ein in Wut gebrülltes "Du Eier-Wulstling!" grundsätzlich besser?
Schon klar, wenn die Wut auf jemanden in den Vordergrund rückt, dann hilft der Pilz wenig. Dann wird Schimpfen zum Beschimpfen. Meine Empfehlung, übrigens auch für Erwachsene: Wir sollten alle mehr Fluchen und weniger Beschimpfen. Das nämlich geht gegen eine Person, Fluchen regt sich über eine Situation auf.
Blau-grüner Eier-Wulstling!
Dazu die Hände gen Himmel gereckt. Wirkt Wunder.
