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Corona:Umstrittene Maßnahmen und Proteste

Die Beschränkungen machen Menschen zu schaffen. Einige Leser kritisieren das Vorgehen der Politik im Einzelnen, andere wünschen sich einen anderen Tonfall von Behörden, einer sorgt sich um den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Demonstration gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung, Leipzig, 21.11.2020 Blick von oben auf die Demonstra

Freiheit der Andersdenkenden: Demonstration in Leipzig gegen Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie.

(Foto: imago images/opokupix)

Zu "Triumph der Frechheit" vom 24. November, "Gegen die da oben" vom 20. November, "Die Wucht von drei Wörtern" vom 16. November und der weiteren SZ-Berichterstattung zu Corona-Maßnahmen:

Ankündigung provoziert Feiern

Kein Zweifel: Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln sind unabdingbar zur Verlangsamung der natürlichen Durchseuchung der Bevölkerung mit dem Covid-19-Virus bis zum erhofften Impferfolg, um die Gesundheits- und Wirtschaftssysteme nicht zu überlasten. Aber: Entscheidend ist das verantwortliche persönliche Verhalten jedes Einzelnen, und erst in zweiter Linie sind es technische Maßnahmen und staatlich angeordnete Kontaktbeschränkungen! Zumal die angeordneten Beschränkungen de facto offensichtlich kaum stringent durchzusetzen sind und die "Unvernünftigen" und damit "Gefährlichen" sich gerade erst recht nicht daran halten.

Was nützt die verordnete strenge Kontaktbeschränkung den vielen gesunden "Vernünftigen", wenn sich die "unvernünftigen" Spreader nicht darum scheren? Ein echter Schildbürgerstreich war die zweitägige Ankündigung des "Lockdown light" ab dem 3. November 2020: Da wurde allenthalben zuvor noch mal kräftig gefeiert, gemeinsam gegessen und getrunken in geschlossenen Räumen und in Parks, "bevor es zu spät ist"! Der so provozierte Infektionsanstieg wirkt bis heute nach, und erst ab jetzt kann dieser "Lockdown light" überhaupt Wirkung zeigen!

Aber schon wurde, mit zweifelhaften Argumenten, eine weitere Verschärfung der Kontaktbeschränkungen angekündigt und schon verfügt, also derselbe Fehler wiederholt.

Norbert M. Hien, München

Ermutigen statt bestrafen

Was macht das mit uns, wenn manche Politiker in ihren Reden und Aussagen der Bevölkerung drohen, es könnten härtere Maßnahmen folgen, oder herumpoltern, so, als wäre die gesamte Gesellschaft ein Heer aus unreifen Schuljungen, die alle etwas angestellt hätten? Wir haben aber nichts angestellt. Ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der sich nicht ganz vernünftig an die Regeln und Vorgaben in solidarischer Weise hält, und zwar aus einer Haltung von Verständnis für die gemeinsam zu bewältigende Situation heraus.

Der Ton und die Art der Aussagen sind nicht mehr demokratisch. Rutschen wir also in ein System von Reglementierung und Sanktion, nur weil uns ein zugegebenermaßen uneinschätzbarer Virus bedroht? Vielleicht mag ein solcher Ton ja bei manchen Bevölkerungsgruppen angemessen sein, weil sie keine andere Sprache verstehen, aber beim Großteil eben nicht.

So wünsche ich mir Differenzierung, Mitgefühl und eine grundsätzliche Haltung der Empathie, da wir alle in einer auch psychisch schwierigen Lage sind. Wohlgemerkt wünsche ich mir keine Lockerung der möglicherweise notwendigen Maßnahmen, sondern dass wir, die wir alle mit im Boot sitzen, auch mitgenommen werden. Das Ordnungsamt verschickt Anordnungen, die klingen, als ob jemand, nur weil er in Quarantäne gehen muss, eine strafbare Handlung begangen hätte. Androhungen, dass ein Kleinkind zwangsweise in einer geeigneten "geschlossenen Einrichtung abgesondert werden" kann (wörtlich zitiert). Weder das Kind noch dessen Mutter haben etwas verbrochen. Im Gegenteil: Sie sind in eine besondere, schwer zu stemmende Situation geraten.

In diesen Zeiten ist mehr denn je ein Zusammenhalten, Solidarität mit Schwachen, Mitmenschlichkeit vonnöten, und zwar nicht nur an der Basis, sondern auch von den oberen Etagen aus! Haben jemandem, der angeschlagen ist, jemals scharfe Worte, Drohungen und Sanktionen geholfen? Haben sie je anderes bewirkt als Gegenwehr und Opposition? Wir müssen zusammenhalten. Nur so kommen wir durch.

Sprache ist Haltung! Wo man doch sonst überall, etwa wenn es um Rassismus geht oder um Geschlechtergleichheit, extremen Wert auf eine politisch korrekte Sprache legt. Ich wünsche mir Ermutigung, Verständnis, Hilfe. Hilfsmaßnahmen sind durchaus viele vorhanden. Danke dafür! Aber wie soll ich als Bürger eine entsprechende Haltung entwickeln, wenn sie mir von oben her nicht vorgelebt wird?

Martin Schmitt, Karlsruhe

Klatsche für Regeltreue

Querdenken heißt anders denken. Es handelt sich dabei um eine Methode, bei der bestimmte Kreativitätstechniken zur Ideenfindung oder zur Lösung von Problemen verwendet werden. Hört sich eigentlich gut an, oder? Problem ist allerdings, dass die Querdenker in Leipzig nicht anders, sondern eher gar nicht dachten! 20 000 Menschen versammelten sich (überwiegend ohne Maske) zur größten Corona-Fete in Deutschland. Nebenbei boten sie Hooligans und rechten Demonstranten eine tolle Plattform, um verfassungsfeindliches Gedankengut ungehindert zu verbreiten. Ich kann ja nachvollziehen, dass es nervt, die ganzen Corona-Regeln zu beachten. Aber derartige Superspreader-Events bei steigenden Fallzahlen abzuhalten, ist schlicht gefährlich. Es ist zudem eine Klatsche für alle, die sich an die Regeln halten!

Achim Bothmann, Hannover

Bürger unter Generalverdacht

Die "Querdenken"-Bewegung ist eine aus naiven bis gefährlichen Menschen zusammengewürfelte Protestgemeinde. Weil sich in ihr auch extremistische Gruppen tummeln, muss sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Wenn nun aber Herr Blume besorgt traditionelle Wurzeln dieser Bewegung entdeckt und zu diesen die Neigung zählt, sich "gegen Autoritäten aufzulehnen und sich ein eigenes Weltbild zu zimmern", hat er in der falschen Richtung gesucht. Weil er Landesbeauftragter gegen Antisemitismus ist, kann man ihm gute Absichten unterstellen. Aber es zeugt von einer fragwürdigen Einstellung, wenn die größten Tugenden eines mündigen Bürgers in den Verdacht geraten, demokratiefeindliche Umtriebe zu begünstigen.

Das Problem, das die Demokratie mit dieser Protestgemeinde hat, liegt in der großen Aufmerksamkeit, die Medien diesem Häufchen schenken. Der Anteil der Bürger, die den abwegigen Mythen von QAnon-Anhängern, Reichsbürgern etc. glauben, liegt vielleicht bei 0,1 Prozent der Bevölkerung. Dieser winzige Prozentsatz setzt die Republik in Aufruhr.

Nicht die Neigung, kritisch mit Autoritäten umzugehen und selbständig zu denken ist das Problem, sondern Denkfaulheit und die naive Bereitschaft von Lämmern, getarnte Wölfe in der Herde zu dulden.

Dr. Hans-Joachim Schemel, München

Sorge um Zerfall der Gesellschaft

"Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!" (Friedrich Schiller: Don Carlos) Seit Jahrhunderten kämpfen Menschen mutig für Aufklärung und Freiheit, gegen Aberglauben, Dogmen, Unterdrückung, Unrecht, Tabus und Willkür. Wir profitieren heute davon, denn Bildung, medizinischer und technologischer Fortschritt erleichtern unser Dasein. Der Rechtsstaat garantiert Grundrechte und Menschenwürde. Die Demokratie bleibt lebendig, wenn auch Argumente von Minderheiten einbezogen werden.

Wer nicht mit Argumenten, sondern mit Gewalt seine Ansichten und Interessen durchsetzen will, Andersdenkende bedroht und Meinungsvielfalt ablehnt, muss mit Sanktionen rechnen. Hass ist keine Basis für ein friedliches Miteinander und gefährdet das Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft. Wenn Menschen sich in ihren Rechten missachtet fühlen oder bei Entscheidungen nicht beteiligt werden, können sie in Initiativen oder Parteien politisch aktiv werden oder vor Gericht gehen.

Mancher, der diese Möglichkeiten nicht erkennt oder ablehnt, wird sich einer Gemeinschaft Gleichgesinnter anschließen, wo man sich aufgehoben fühlt und anerkannt glaubt. Man verzichtet auf quälende Zweifel und die mühsame Hinterfragung von Nachrichten, erlangt dafür im Wir-Gefühl absolute Wahrheit und innere Stabilität in dieser komplizierten Welt.

Zerfällt die Gesellschaft durch "Aussteiger" in viele Gruppen, die sich abschotten und bisher anerkannte Regeln der Auseinandersetzung missachten, kann das zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Wird die Suche nach Kompromissen nicht mehr akzeptiert, entstehen Feindbilder. Andersdenkende werden von Gegnern zu bedrohlichen Feinden.

Rolf Sintram, Lübeck

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Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen. Bei Veröffentlichung werden Vor- und Nachname sowie Wohnort benannt.

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© SZ vom 02.12.2020
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