Süddeutsche Zeitung

Corona-Politik:Die heikle Frage nach dem Impfstatus

Wie umgehen mit Ungeimpften im Job? Keinerlei Nachteile, das wirke spaltend, finden die einen, lieber eine ehrliche Impfpflicht und eine Auskunftspflicht aller Berufe fordern andere.

Zu "Sind hier alle geimpft?", "Raus mit der Sprache", "Geschlossene Gesellschaft" vom 4./5. September sowie zu "Sind Sie geimpft? Eine äußerst heikle Frage" vom 2. September:

Keine Strafen für Ungeimpfte

Die Ideen, was bezüglich Covid-19 alles gegen ungeimpfte Bürger unternommen werden soll, werden täglich mehr. Angefangen von der Abschaffung der kostenlosen Tests zum 11. Oktober beziehungsweise die Verpflichtung eines PCR- statt Schnelltest in verschiedenen Bereichen, über die Einführung der 2-G-Regel in diversen Bundesländern bis hin zur Ablehnung der Lohnfortzahlung, wenn man als Ungeimpfter in Quarantäne muss.

Ich bin keine Impfgegnerin, aber ich bin Gegnerin eines genbasierten Impfstoffes. Da die Bundesregierung bisher keine herkömmlichen Impfungen anbieten kann, ist es meiner Ansicht nach zu früh, ungeimpfte Bürger anders behandeln zu wollen als die geimpften. Vor Covid-19 war eine Impfung mit einem genbasierten Impfstoff von staatlichen Regulierungsbehörden in Deutschland nicht zugelassen. Zudem ist inzwischen bekannt, dass geimpfte Personen das Virus durchaus auch weitergeben können, nicht nur ungeimpfte.

Wer geht noch zum Test, wenn die kostenlosen Tests abgeschafft werden? Wie werden wir dann auf eine Covid-19-Infektion aufmerksam, bei mildem Verlauf? Ich habe den Eindruck, dass sich der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht impfen lässt aus Angst vor dem Virus, sondern weil die Menschen einfach nur ihr gewohntes Leben zurück haben möchten.

Ich bin eine pflichtbewusste Bürgerin und halte mich an die AHA-Regeln, nutze die Tests meines Arbeitgebers ein- bis zweimal wöchentlich und teste mich unaufgefordert selbständig mit einem Schnelltest, bevor ich mich mit mehreren Personen treffe. Es muss doch meine freie Entscheidung bleiben, ob ich mich mit einem genbasierten Impfstoff impfen lassen möchte (über den wir viel zu wenig wissen), ohne dass ich dadurch andere Repressalien erfahre als geimpfte Personen. Ist ein nachgewiesener Negativtest nicht ein Grund, mich gleich, wenn nicht sogar besser zu behandeln bei einer Veranstaltung, als mich von vorn herein (2 G) einfach auszuschließen? Die notwendige Impfquote in Deutschland wäre meiner Meinung nach längst erreicht, wenn herkömmliche Impfstoffe zugelassen würden. Nicht umsonst hat sich die EU 200 Millionen Dosen des Novavax-Impfstoffs vorab gesichert.

Yvonne Schohe, Grossostheim

Damit Präsenzarbeit wieder geht

Wenn ich die "Tagesschau" sehe oder die SZ lese, dann habe ich das Gefühl, dass nicht so richtig klar wird, dass es beim Impfschutz gegen das Coronavirus um ein Anliegen geht, dass aus Sicht der Arbeitnehmer genauso wünschenswert ist wie für die Arbeitgeber. Beispiel: In einem großen Besprechungszimmer, normalerweise für zwölf Personen, dürfen gemäß der aktuellen "Gefährdungsbeurteilung" oft nur zwei oder drei Mitarbeiter sitzen. Das gilt selbst dann, wenn alle Teilnehmer der Besprechung geimpft sind.

Das ist natürlich völlig absurd. Es führt dazu, dass die Mitarbeiter, obwohl die meisten geimpft sind, daran gehindert werden, wieder zu einer normalen Zusammenarbeit zurückzukehren, die wir uns alle nach 18 Monaten Corona so sehnlichst wünschen. Stattdessen sitzen jetzt die Mitarbeiter, die eine Besprechung machen wollen, in ihren Büros oder im Homeoffice und machen eine Videokonferenz. Absurd!

Dr. Erk Thorsten Heyen, Starnberg

Nachteile im Job durch Auskunft

Der Diskurs in unserer Gesellschaft ist von Angst geprägt, soweit er überhaupt noch stattfindet. Angst ist eine starke Emotion, die das klare Denken verstellt und zu einem reinen Vermeidungsverhalten führt, das auch aggressiv sein kann wie der Titel, mit dem der Kommentar von Frau Slavik überschrieben ist: "Raus mit der Sprache". Will sie wirklich, dass Arbeitgeber in Zukunft so mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sprechen?

Die Kommentatorin möchte die Auskunftspflicht an die epidemische Lage knüpfen und sieht darin einen Schutz für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zum einen sehen wir im Augenblick, wie schwammig die epidemische Lage definiert ist, wie leicht es der Regierung fällt, sie einfach zu verlängern. Zum zweiten möchte ich fragen,was die Personalabteilungen und Vorgesetzten mit dem Wissen über den Impfstatus machen, oder mit dem Bekenntnis, dass man eben zu krank ist, um sich impfen zu lassen.

Wie können wir uns darauf verlassen, dass nach Beendigung der epidemischen Lage niemandem daraus ein Nachteil erwachsen wird, nicht direkt und auch nicht indirekt, etwa durch weniger Wertschätzung, durch schlechtere Bewertungen, durch den Ausschluss von der Möglichkeit, eine interessante Position zu bekommen?

Was ich mit sehr viel Aufmerksamkeit beobachte, ist der Zweckrationalismus, mit dem in dieser Pandemie unsere Grundrechte eingeschränkt werden und der jetzt auch den Schutz der hoch sensiblen Gesundheitsdaten von Mitarbeitern zur Disposition stellt. Ich möchte zurück zu einem Diskurs, der von Werten und Vernunft geleitet ist, nicht von Angst und Irrationalität.

Babette Nilshon, München

Eine Impfpflicht wäre ehrlicher

Menschen haben viele Gründe, sich nicht impfen zu lassen. Die meisten verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Aber was passiert, wenn der Arbeitgeber oder der Vorgesetzte davon erfährt, jemand ist nicht geimpft? Der Mitarbeiter bekommt Druck, sich doch impfen zu lassen, oder zumindest soll er dem Arbeitgeber begründen, warum nicht. Dann weiß er, dass der Mitarbeiter "komische" Meinungen hat, vielleicht sogar eine verschwörungstheoretische Haltung hat - oder genauso gut, dass eine medizinische Indikation besteht. Beides kann dazu führen, dass man kein ernst zu nehmender Mitarbeiter bleibt.

Ehrlicher ist es, tatsächlich über eine Impfpflicht zu diskutieren, wie es sie bei diversen Krankheiten gab/gibt. Diese auch zu überprüfen, ob sie mit dem Grundgesetz vereinbar ist, und sie dann gegebenenfalls durchzusetzen. Das, was gerade passiert, entzweit die Gesellschaft, und Gesundheitsdaten in Händen von jemandem, von dem Arbeitnehmer abhängen, ist gefährlich, davon halte ich nichts, auch nicht jetzt.

Jörg Faber, Neubiberg

Datenschutz muss für alle fallen

Wieder soll medizinisches Personal fast selektiv benachteiligt werden. Zunächst war es das mindestens hundertfach erhöhte Risiko, an Covid zu erkranken, gefolgt vom Applaus der Deutschen auf den Balkonen, zunächst ohne finanziellen Ausgleich. Auch jetzt stehen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer noch am unteren Ende der Einkommen, bei höchstem Risiko. Und jetzt müssen fast allein Mediziner, Schwestern und Pfleger in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen und Arztpraxen ihren Impfstatus preisgeben? Warum dürfen die ungeimpften Mitarbeiter im Großraumbüro von Unternehmen die Geimpften gefährden, weil sie schweigen dürfen und damit den Kollegen nahe rücken können? Warum soll das Personal im Restaurant ohne Impfung nahe an Gäste herankommen?

Nein, liebe Politiker, schafft nicht wieder selektive Datenschutzlücken: Alle sollen sich Arbeitgebern oder Behörden gegenüber offenbaren müssen! In einer Pandemie muss der Datenschutz dem Schutz der Allgemeinheit untergeordnet werden.

Dr. med. Klaus-Detlev Jost, München

Rechtsstaat hat das Maß verloren

Kein Zweifel, die Mutationen des Coronavirus gibt es, und die Auswirkungen sind ernst zu nehmen. Kein Zweifel besteht zudem daran, dass sowohl das Virus als ebenso die Impfung vor einer (weiteren) Infizierung schützen, aber auch zu schweren Krankheiten und zum Tode führen können. Kein Zweifel besteht weiterhin daran, dass noch keine Langzeitstudien (Entwicklungsdauer 10 bis 20 Jahre) für die derzeit angebotenen Impfstoffe verfügbar sind.

Laut aktueller Zahlen sind weltweit, also inklusive aller Länder, in denen bislang kaum Impfungen verabreicht wurden, 2,07 Prozent der Menschen an einer Corona-Infektion gestorben. Vor diesem Hintergrund haben auch rechtsstaatliche Demokratien gesamtgesellschaftlich meiner Ansicht nach in erschreckender Weise viel an Maß und Mitte verloren.

Ohne Zweifel ist jeder schwere Krankheitsverlauf, ist jeder Corona-Tote einer zu viel. Dennoch stellt sich mir sehr die Frage, ob wir auf dieser Erkenntnisbasis die grundgesetzlich zugesicherte Freiheit des Einzelnen sozialisieren und somit de facto den Impfzwang einführen, mithin die Möglichkeit der persönlichen Gesundheitsnutzen- und Risikoabwägung versagen dürfen.

Matthias Bartsch, Lichtenau

Mehr Toleranz bitte

Meine Mutter hatte, während sie mit mir schwanger war, eine Schachtel Contergan auf dem Nachtisch liegen, hat sie aber nicht geschluckt. Hätte sie auf den ärztlichen Rat gehört, ich hätte jetzt vermutlich Stummelarme und bräuchte eine andere Tastatur als die, vor der ich jetzt sitze. Ich habe mir meine Corona-Impfung zwar schnellstmöglich besorgt, aber mein Fall ist trotzdem ein gutes Beispiel, dass wir die Ängste und die Skepsis der nicht Impfwilligen in jedem Fall respektieren müssen. Auch wenn in der Ecke ein Haufen Blödsinn geredet wird.

Wer sich nicht impft, trägt das Risiko im Wesentlichen selbst, genau wie der Raucher oder Motorradfahrer. Möchte daran erinnern, dass man in den 90er-Jahren immer wieder diskutierte, sogenannte "Risikosportgeräte" wie Skier oder Kletterausrüstung mit einer Sonderabgabe höher zu besteuern, auch mit dem Totschlagargument von Solidargedanken. Wenn ein Freund mir wie bei einem Coming-out "gesteht", dass er nicht geimpft ist, und ängstlich fragt, ob ich noch bereit bin, mit ihm im Auto zu fahren, so zeigt dies, dass die Impfbefürworter deutlich zu aggressiv auftreten. Klar wäre eine höhere Impfquote eine feine Sache, aber mehr Toleranz ist unumgänglich.

Malte Roeper, Traunstein

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Quelle:
SZ vom 27.09.2021
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