Medizintechnik:Plötzlich systemrelevant

Pressefoto B Braun

Das Medizintechnikunternehmen B. Braun stattet Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte aus. Zum Portfolio gehören 5000 Produkte.

(Foto: B. Braun Melsungen AG)

Seit der Pandemie genießen Medizintechnikunternehmen einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft. Wie stehen sie zu der Freigabe von Patenten für Corona-Impfstoff?

Von Marcel Grzanna

Die Corona-Pandemie hat dem Medizintechnikunternehmen B. Braun aus dem hessischen Melsungen einen neuen gesellschaftlichen Stellenwert verschafft. Während noch vor zwei Jahren die breite Masse der Bevölkerung eigentlich gar nicht so genau hinschaute, was in der Branche alles produziert wird, interessieren sich Politik und Zivilgesellschaft heute gleichermaßen für das Portfolio der Hersteller. Die große Lehre aus Corona zeigt: Wenn es darauf ankommt, muss Deutschland in der Lage sein, sich mit lebenswichtigen Produkten selbst zu versorgen.

Das Land muss sich dabei verlassen können auf Unternehmen wie B. Braun, die all das produzieren und vertreiben, was im Kampf gegen ein tödliches Virus benötigt wird. 5000 Produkte groß ist das Portfolio des Unternehmens. Nicht jedes einzelne ist deshalb gleich systemrelevant, aber Spritzen, Kanülen, Desinfektionsmittel, persönliche Schutzausrüstung oder Infusionspumpen sind es in Zeiten einer Pandemie schon.

"Unser Kundenspektrum umfasst beim Thema Impfen auch den Bund und die Länder. Wir haben zudem medizinisches Fachpersonal versorgt sowohl in den Krankenhäusern als auch niedergelassene Ärzte. Das hat zu einer steigenden Nachfrage in bestimmten Bereichen unseres Portfolios geführt. Produkte, wie sie für die Covid-Impfungen oder für die intensivmedizinische Behandlung benötigt werden, waren stark nachgefragt", sagt Unternehmenssprecherin Christine Bossak. Dass B. Braun deshalb zu den ganz großen Gewinnern der Corona-Krise zählt, ist dennoch ein Trugschluss.

Pressefoto B Braun

Die Produktion am Standort Berlin der B. Braun Melsungen AG. Hier werden Injektionslösungen hergestellt.

(Foto: Thomas Rosenthal/B. Braun Melsungen AG)

Denn während die Nachfrage auf der einen Seite deutlich anzog, ließ sie auf der anderen Seite ebenso deutlich nach. Die chirurgische Sparte des Unternehmens erlebte beispielsweise starke Einbrüche. Der Bedarf an chirurgischen Instrumenten oder Implantaten ließ zwangsläufig nach, weil die Krankenhäuser planbare Operationen verschoben haben. Die Kapazitäten der Kliniken mussten vorsichtshalber für coronabedingte Notsituationen bewahrt werden. Am Ende stand das Unternehmen "stabil da".

Insgesamt verzeichnete es im Geschäftsjahr 2020 einen Umsatz von rund 7,43 Milliarden Euro und damit nur knapp weniger als 2019 (7,47 Milliarden). Die EBITDA-Marge, die Auskunft gibt über die Rentabilität eines Unternehmens hinsichtlich seiner Betriebsabläufe, kletterte um 0,5 auf 14,9 Prozent. Das Ergebnis vor Steuern lag 2020 bei 416,1 Millionen Euro, im Vorjahr bei 309 Millionen Euro.

Seit Corona herrscht ein Mangel an Chips

Systemrelevant, aber vor Rückschlägen in der Krise nicht gefeit. Das Beispiel B. Braun zeigt, wie unerwartet die Pandemie die deutsche Industrie getroffen und dabei ihre Schwächen schonungslos offengelegt hat. Die Abhängigkeit von Drittmärkten wurde besonders auch in der Medizintechnik deutlich. Diese Lehre wurde nicht nur branchenintern gezogen, sondern lieferte gleichzeitig eine Diskussionsgrundlage in der gesamten Gesellschaft. "Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass es einen freien Warenverkehr braucht, wenn es um globale Gesundheitsversorgung geht. Andererseits müssen kritische Produkte auch in Europa produziert werden, was B. Braun von jeher macht", sagt Bossak.

Beispiel Chips: Die Produktion von Infusionspumpen konnte die große Nachfrage nicht bedienen, weil die nötigen elektronischen Kleinteile außerhalb der Europäischen Union gefertigt werden. Als die Grenzen dicht waren, blieben auch die Chips draußen.

Dieser Aha-Effekt erfasste große Teil der gesamten deutschen Wirtschaft. Dabei geht es nicht nur um die Vorbereitung auf die nächste Pandemie, sondern auch darum, gewappnet zu sein angesichts möglicher geopolitischer Risiken. Besonders die Volksrepublik China beweist seit Jahren, dass sie sich nicht davor scheut, reibungslose wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Europa im Bedarfsfall an Bedingungen zu knüpfen. Diese Erpressbarkeit kann sich Europa allerdings nicht leisten, um im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben. Doch alternative Beschaffungskanäle für dringend benötigte Produktteile waren auf die Schnelle kaum aufzubauen. Weder für B. Braun noch für andere. Zumindest aber wurde das Bewusstsein für dieses Problem in den Unternehmen und in der Politik geschärft.

Zudem sei es wichtig, die Freigabe der Impfstoff-Patente, wie sie unter anderem der Mainzer Hersteller Biontech besitzt, an hohe Bedingungen zu knüpfen. "Die Aushebelung des Patentschutzes halten wir für falsch und kontraproduktiv - zumal es strittig ist, ob eine Aussetzung der Patente kurz- und mittelfristig zu einer Erhöhung der Produktion führen würde", meint Sprecherin Bossak. Viele Wissenschaftler, 100 Regierungen weltweit und 400 Parlamentarier in Europa dagegen fordern eine Freigabe der Corona-Impfstoff-Patente und sehen sie sogar als besonders dringlich an (siehe auch Interview oben). B. Braun ist zwar kein Zulieferer der Impfstoffproduzenten, dennoch sprechen sich die Nordhessen für den Patentschutz aus. "Deswegen begrüßen wir die Haltung der EU-Kommission und des Rates des EU, die sich grundsätzlich gegen eine Patentfreigabe ausgesprochen haben."

Wirtschaftliche Interessen spielten dabei natürlich immer eine Rolle, weil geistiges Eigentum und Innovationen die Grundlage für erfolgreiches Unternehmertum bildeten. Die Frage, die sich die Industrie daher stellen sollte, sei, ob es mit einer Patentfreigabe tatsächlich mehr Impfstoffe geben würde. Das sei aber nicht der Fall, meint Bossak. Das Unternehmen B. Braun folgt damit der Argumentation des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, der eine Patentfreigabe als nicht erfolgversprechend ansieht.

Zielführender hält B. Braun Ansätze wie in Senegal, in Südafrika oder Ruanda, "wo Planungen für den Aufbau eigener Produktionskapazitäten langfristig eine bessere und schnellere Verteilung von Impfstoffen ermöglichen - ohne Freigabe von Patenten."

Wenn dies tatsächlich auch realisiert werden würde, bliebe den Unternehmen auch die Diskussion um eine moralische Verpflichtung erspart, die Entwicklungsländer nach Kräften bei der Impfstrategie zu unterstützen. Denn eines weiß auch das Unternehmen B. Braun: "COVID-19 kann nur besiegt werden, wenn es weltweit unter Kontrolle gebracht wird."

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