Architektur:Ein Dach aus Corona-Masken

Masken-Pavillon

Freiburg, Platz der Alten Synagoge: Hier soll der sechs Meter hohe Bau im Oktober stehen - mitten in der Stadt. Bis dahin ist aber noch viel zu tun.

(Foto: Acute)

Zwei Freiburger Architekten planen einen Pavillon, der aus 20 000 gebrauchten FFP2-Exemplaren bestehen soll. Warum nur?

Von Julian Erbersdobler

Die meisten tragen sie vernünftig, manche unter der Nase, andere überhaupt nicht: Die Maske ist das Accessoire der Krise. Joschka Kannen und Matthias Fehrenbach, zwei Freiburger Architekten, haben sich überlegt, was man sonst noch alles mit ihr anstellen könnte. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Pavillon, der aus 20 000 aneinandergeklebten FFP2-Masken besteht? Das emotional aufgeladene Stückchen Stoff als Kuppel für ein rundes Zelt, acht Meter breit, sechs Meter hoch.

Entstanden ist die Idee im Rahmen der trinationalen Architekturtage, organisiert vom Europäischen Architekturhaus Oberrhein. Diesjähriges Thema: Wie kann Architektur Alternativen aufweisen? Wenn alles nach Plan läuft, soll der Pavillon erst in Freiburg stehen, später dann in Straßburg. Möglich ist auch ein Zwischenstopp in Basel.

Aber warum ausgerechnet Masken? Eine Zahl hat die beiden Planer besonders beeindruckt: Während der Pandemie werden jeden Monat weltweit etwa 129 Milliarden Masken verbraucht, so eine Studie im Fachmagazin Environmental and Science Technology aus dem vergangenen Jahr. Die meisten landen irgendwann im Müll, andere werden auf Gehwegen oder in U-Bahnen plattgetreten. Warum also nicht aus einem Wegwerfartikel einen Baustoff machen? Das ist die Idee. "Bei unserem Projekt steht der Recycling-Aspekt im Vordergrund", sagt Kannen. Er könne sich auch vorstellen, dass FFP2-Masken wegen ihrer Beschaffenheit vielleicht sogar als Dämmstoffe taugen könnten. Aber das müsse noch erforscht werden.

6000 Masken haben sie schon, ein Großteil fehlt aber noch

Joschka Kannen, 35, und Matthias Fehrenbach, 32, kennen sich aus dem Studium in Karlsruhe. Kannen hat anschließend in Paris und Brüssel gearbeitet, Fehrenbach in Basel. Kurz vor dem ersten Lockdown 2020 haben sich die beiden Architekten gemeinsam selbständig gemacht. "Wir wissen gar nicht, wie Gründen ohne Pandemie geht. Corona hat uns von Anfang an begleitet - und damit auch die Maske." Eines ihrer ersten Projekte im gemeinsamen Büro war die Gestaltung einer Pflege-WG, inklusive Gedanken über Luftzirkulation und Sicherheitsabstände. Krisen-Architektur.

Neben ihren üblichen Aufträgen kümmern sie sich um den Pavillon. Weil es sich um ein gemeinnütziges Projekt handelt, mussten sie erst mal Sponsoren suchen, und Menschen, die ihnen gebrauchte Masken besorgen können. "Wir haben mittlerweile mehr als zehn Pflegedienste, die für uns Masken sammeln, und dann noch eine Schule." Kannen und Fehrenbach haben im Großraum Freiburg mit der Suche begonnen. Dann habe sich aber auch darüber hinaus herumgesprochen, was die beiden vorhaben.

Aktuell haben sie etwa 6000 Masken beisammen, schätzt Joschka Kannen. Es fehlt also noch eine ganze Menge. Damit das Dach am Ende möglichst stabil ist, werden die Masken mit einem speziellen Zwei-Komponenten-Kleber zusammengehalten und in Anlehnung an die Schwarzwälder Schindelbauweise ineinandergesteckt. Ein lokales Unternehmen stellt den Klebstoff zur Verfügung.

Am Anfang haben sie es mit einem Lötkolben probiert, später mit doppelseitigem Klebeband. Alles ohne Erfolg. "Wir wollten es auch nicht tackern oder nähen. Der Fokus soll auf den Masken liegen und nicht auf einem verbindenden Element", sagt Kannen. Bevor die beiden Architekten die Masken verkleben, werden sie von einer Freiburger Reinigung gewaschen, die auf Hygieneartikel in Krankenhäusern spezialisiert ist. Neben den üblichen weißen FFP2-Modellen bekommen die Architekten auch immer wieder bunte Masken. Noch ist unklar, wie sie die in das Gesamtkonzept einfügen, vielleicht als farbiges Muster.

Wenig TÜV-Geprüftes, viel "Learning by Doing"

Ob es am Ende durch das Dach aus Masken regnen wird, wissen Joschka Kannen und Matthias Fehrenbach auch noch nicht genau. Die FFP2-Masken seien zumindest wasserabweisend, Kannen sagt aber auch: "Ob der Pavillon einen langen Starkregen aushalten würde, lässt sich schwer beurteilen." Es sei eben ein Experiment, wenig TÜV-Geprüftes, viel "Learning by Doing". Für den Transport wird das Dach, bestehend aus acht Teilen, auf eine Art Schablone gelegt und erst vor Ort zusammengebaut.

In Freiburg soll der Pavillon dann im Oktober auf dem Platz der Alten Synagoge stehen, mitten in der Stadt. "Ein Ort der Reflexion und des Dialogs." Im Pavillon könnten beispielsweise Podiumsdiskussionen zwischen Pflegekräften, Schülern oder Kulturschaffenden stattfinden. Reflexionsrunden unter einem Dach aus FFP2-Masken. "Wir wollen mit dem Pavillon versuchen, noch mal einen ganz anderen Blick auf das kleine Stückchen Stoff zu werfen", sagt Joschka Kannen. "Und damit auch auf die Pandemie."

Hoffentlich passt dann auch das Wetter, sonst könnte es passieren, dass Pflegekräfte und Kulturschaffende mal wieder im Regen stehen.

© SZ/mai
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