Corona-Impfung:Moral und Verantwortung

Der Ton wir rauer, es wird polarisiert: Die einen halten die für asozial, die sich der Impfung verweigern. Andere warnen vor zu viel Polemik in der Debatte, manche sogar vor einer Diskriminierung Ungeimpfter.

Corona-Impfung: Zwei Personen auf dem Weg zu einem Impfzentrum: Wer einen Termin hat, sollte zuverlässig hingehen - oder rechtzeitig absagen. Sonst verfällt der Impfstoff.

Zwei Personen auf dem Weg zu einem Impfzentrum: Wer einen Termin hat, sollte zuverlässig hingehen - oder rechtzeitig absagen. Sonst verfällt der Impfstoff.

(Foto: dpa)

Zu "Denn Verweigerung ist asozial" vom 15. Juli und "Finger weg" vom 13. Juli:

Spalterische Wortwahl

Wenn Nils Minkmar zu dem Schluss kommt, dass Impfverweigerung asozial ist und unsere Gesellschaft wissenschaftlich fundierte Unterscheidungen bräuchte, muss er sich an diesen Ansprüchen messen lassen: Ist es nicht auch asozial, die Gesellschaft durch überzogene Pamphlete zu spalten? Ist seine Zusammenfassung (Impfung ist wirksam, verfügbar, verträglich) so fundiert, dass er sie so absolut formulieren kann? Übersieht er da nicht die Menschen, die wochenlang nach einer Impfung krankgeschrieben sind, die auf Impftermine warten oder trotz Impfung das Virus weiterverbreiten?

Statt dem Geschrei der Corona-Leugner ein ebensolches entgegenzuschreien, sollte lieber eine wirklich wissenschaftliche Zusammenfassung entgegengestellt werden, kein Schwarz-Weiß-Gemälde. In einer Zwei-Lager-Gesellschaft hat es auch das Virus leichter als bei Zusammenhalt.

Holger Nachtigall, Sachsenried

Marodes System jetzt erneuern

Ich finde die Wortwahl "Impfverweigerer" oder "asozial" schockierend und gefährlich. Es besteht jetzt schon eine Spaltung in der Gesellschaft, die nicht noch weiter befeuert werden muss. Das Hauptargument ist doch immer die Überlastung des Gesundheitssystems.

Ich bin Altenpfleger seit 15 Jahren. Die Krankenhäuser waren schon immer überlastet und hatten jedes Jahr im Winter Aufnahmestopps. Es war immer zu wenig Personal, was die Privatisierung und die Gewinnorientierung noch verschlimmert haben. Das und die demografische Entwicklung sind seit Jahrzehnten bekannt. Trotz Pandemie wurde bisher keine Entlastung für die Pflege beschlossen. Kein zusätzliches Personal, keine Ausbildungsinitiativen, keine signifikante Lohnsteigerung, um mehr Personal zu generieren ... nichts. Ein ernst gemeinter Diskurs über unser marodes Gesundheitssystem wäre jetzt dringend nötig.

Björn Roller, Vogach

Politik ist noch zu vorsichtig

"Ja genau!" dachte ich bei der Lektüre des Artikels von Nils Minkmar. Ergänzen würde ich, dass es keinen Zwang oder Appelle an die Adresse der Impfskeptiker braucht, sondern nur eine abgestufte Bewertung des Risikos, das von dem Einzelnen ausgeht: am wenigsten von Geimpften oder Genesenen, etwas mehr von negativ Getesteten, am meisten von Ungetesteten. Es ist keine "Impfpflicht durch die Hintertür", wenn die Gruppe, von der objektiv das geringste Risiko ausgeht, die größte Bewegungsfreiheit genießen darf. Bisher war die Politik zu vorsichtig, diesen Schritt zu gehen.

Axel Lehmann, München

Ächtung ist der falsche Weg

Weil es in der Wissenschaft kaum ein nur wahr oder nur falsch gibt und sich viele renommierte Wissenschaftler kritisch sowohl mit Maßnahmen als auch mit Impfstoffen auseinandersetzen, muss es jedem Bürger freistehen, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden. Auch der ungeimpfte Mensch wird seiner sozialen Verantwortung gerecht, wenn er bei aufkommenden Symptomen zu Hause bleibt. Schließlich hat niemand Geringeres als die WHO verlauten lassen, dass auch, wer symptomfrei ist, niemand anderen anstecken kann. Überhaupt wird in der Debatte fast nie erwähnt, dass gerade die Ungeimpften das Risiko einer Infektion auch mit schwerem Verlauf tragen.

Mit der These "Impfverweigerung ist asozial" ruft der Autor Erinnerungen wach, als Kriegsdienstverweigerer mit eben diesem Etikett versehen und gesellschaftlich geächtet waren. Sie mussten sich damals, um anerkannt zu werden, einem hochnotpeinlichen und unwürdigen Tribunal stellen, dessen Urteil viele junge Männer in Verzweiflung gestürzt hat.

Leopold Henneberger, Grafing

Freiheit für die Geimpften

"Je mehr wir geimpft sind, umso freier werden wir wieder sein, umso freier können wir wieder leben." Dieser Satz der Bundeskanzlerin ist aus der Sicht der Politik fast genial. Bedeutet er doch zweierlei: Erstens wird unser zukünftiges Leben von denen bestimmt, die sich nicht impfen lassen wollen. Zweitens bedeutet er auch, dass die Politik in Zukunft ein Argument hat, um weitere Beschränkungen der Grundrechte zu erlassen. Beides ist abzulehnen! Grundrechte sind keine Privilegien und müssen denen zurückgegeben werden, die ihrer Verantwortung gerecht werden und sich impfen lassen.

Allerdings frage ich mich auch, warum Herr Janisch im Leitartikel "Finger weg" schreibt, es habe sich "erwiesen, dass Ge- und Verbote besser wirken als Empfehlungen". Ge- und Verbote hatten wir mehr als genug - und gleichzeitig eine zweite Welle, eine dritte Welle. Im Gegenteil: Eine verbotsbasierte Politik kann nicht erfolgreich sein, da sie von der Prämisse ausgeht, dass sich alle an die Regeln halten. Leider haben Teile unserer Gesellschaft bewiesen, dass dies nicht der Fall ist.

Fahrlässig ist die Aussage, dass man bei den Corona-Impfstoffen "nicht auf jahrelanger Erprobung aufbauen kann". Zwar ist die Aussage per se korrekt, lässt allerdings außer Acht, dass in Deutschland mehr als 35 Millionen Personen vollständig geimpft sind. Auf der Welt wurden mehr als drei Milliarden Impfdosen verabreicht. Dabei traten Nebenwirkungen extrem selten auf. Dies zeigt überzeugend, dass diese Impfstoffe sicher sind. Mit seiner Aussage leistet Janisch den Impfskeptikern Vorschub. Zuletzt stimme ich mit dem Autor überein, dass für diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, "stärkere Einschränkungen zumutbar" sind. Wie er richtig feststellt: Ein Impfangebot ist "ein Angebot, seine Freiheit wahrzunehmen - und seine Verantwortung für alle".

Alexander Engel, Brüssel/Belgien

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© SZ vom 17.07.2021
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