Corona:Auf den Schultern unserer Kinder

Lesezeit: 6 min

Schulschließungen, Einschränkung des Kindersports und ähnliche Entscheidungen treffen Poliktiker - und treffen dabei die Unschuldigsten, die Kinder, viel zu hart. Finden SZ-Leserinnen und -Leser.

Verfassungsgericht billigt Schulschließungen in der dritten Welle

Lasst die Schulen offen, fordern viele Eltern, auch unter Journalisten und Journalistinnen.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Zu "Den Kürzeren ziehen" vom 24. November", zu "Die Leerprüfung" vom 20./21. November, zu "Hände weg vom Kindersport" vom 17. November und zu "Lasst die Schulen offen!" vom 13./14. November:

Schwer zu ertragen

Abgesagte Laternenumzüge in Hamburg, Wechselunterricht in Berlin, Reduzierungen der Gruppengrößen in Kitas in München, Karneval mit Hunderttausenden auf den Straßen und in den Kneipen von Köln - hier den Fehler zu finden, ist eigentlich nicht besonders schwer. Und dennoch scheint es, dass man blind ist oder sein möchte bei den politisch Verantwortlichen angesichts der Ungleichheit, mit der noch immer, mehr als ein Jahr nach Pandemiebeginn, Kinder und Jugendliche im Verhältnis zu Erwachsenen behandelt werden.

Wir nehmen Kindern kulturelle Angebote, beschränken sie in ihrer Bewegungsfreiheit, trennen sie von Sozialkontakten, verkleinern ihren Radius und erschweren ihren Alltag, während all das bei Erwachsenen möglich ist, schlimmer noch - bis zum Äußersten ausgereizt werden kann wie zum 11. November in Köln. Dass zeitgleich Kindern ihre Freiheit genommen wird und Erwachsene sich so frei fühlen können wie nie seit Beginn der Pandemie, ist diskriminierend, unsolidarisch und eine komplette Verfehlung des Ziels der Pandemiebekämpfung.

Wir wissen, dass es Erwachsene sind, die Kinder schützen müssen, nicht andersherum. Wir wissen, dass kleine Kinder keine Pandemietreiber sind. Wir wissen, dass Kinder psychisch häufiger leiden als vor der Pandemie, Verhaltensauffälligkeiten nehmen zu. Und dennoch entziehen wir ihnen wieder und weiter all die Dinge, die sie für eine gesunde Entwicklung brauchen. Dinge, bei denen wir selbst nicht zum Verzicht bereit sind. Wir, die Verantwortlichen. Noch immer tragen wir auf den Schultern derer, die wir beschützen müssen, unser politisches und soziales Versagen aus. Was ist das für eine Generation, die wir da heranziehen? Was sind das für Werte, die wir ihr vermitteln? Warum müssen wir Eltern einschränkende Maßnahmen für unsere Kinder tragen, während diese in vergleichbarer Form nicht auch für Erwachsene gelten? Es ist falsch und unwürdig, dass Schutzbefohlene zur Verantwortung gezogen werden, während mündige Impfunwillige Schutz erleben - durch Geimpfte.

Als Eltern haben wir Angst vor dem Winter. Wir sind weit über uns hinausgewachsen im letzten. Homeschooling, Kitaschließungen - die Aussicht darauf, dass uns das wieder bevorstehen kann, während wir sehenden Auges und dennoch blind in die Katastrophe laufen, ist schwer auszuhalten. Für uns Eltern ebenso wie für unsere Kinder.

Anuschka Rattunde, München

Die falschen Prioritäten

Vielen Dank an Vera Schroeder für ihren Kommentar, der mir aus der Seele spricht! Unsere zwei Grundschulkinder waren im November eine Woche in Quarantäne, dann genau vier Tage in der Schule, und ab Montag folgt wieder Wechselunterricht. Auf unbestimmte Zeit, nur drei Stunden Unterricht, kein Sport, kein Kunstunterricht, keine Nachmittagsbetreuung. Ach ja, Online-Unterricht gibt es natürlich auch nicht, weil der Internetanschluss der Schule es nicht hergibt. Armes Deutschland! In Frankreich und Belgien wurden die Grundschulen im letzten Schuljahr nicht geschlossen. Wir haben andere Prioritäten und diskutieren lieber, ob 2 G die Freiheit der Ungeimpften einengt.

Judit Goldstein, Berlin

Kinder leiden am meisten

Ich möchte mich sehr für die beiden oben zitierten Artikel sowie für den Artikel von Alex Rühle in der vergangenen Woche bedanken. Sie beschreiben klar und folgerichtig die Situation der Kinder und Jugendlichen in unserem Lande. Wir haben drei Kinder/Jugendliche, von denen zwei vollständig geimpft sind. Wir Eltern sind auch vollständig geimpft und planen gerade den Booster. Es ist tatsächlich unfassbar und sehr traurig, wie wenig Vertrauen ich als Mutter in die Worte der Politik habe - so sehr ich Geduld, Hoffnung und Resilienz versucht habe zu zeigen, so wenig fühle ich mich gehört und geschweige denn verstanden.

Es ist so, wie Frau Schroeder sagt, die Bevölkerungsgruppe, die am wenigsten unter dem Virus leidet, leidet am meisten unter den großteils undurchdachten Anordnungen der Politik. In Italien hat Herr Draghi bereits zu Beginn der Schule nach den Sommerferien eine Impfpflicht für Lehrende durchgesetzt - getragen von einer großen Mehrheit und zum Wohle der Kinder. Wie gering achtet die deutsche Politik die nächste Generation? Ich würde mir sehr wünschen, in der nächsten Bundesregierung eine kompetente Person im Familienministerium zu sehen! Die Diskussion um das Finanzministerium zeigt jedoch ernüchternd, worauf der Schwerpunkt gelegt wird. Ich persönlich rate meinen beiden größeren Kindern dringend zu Auslandserfahrungen nach ihrem Schulabschluss.

Marlene Neumann, München

Hände weg von unseren Kindern

Entgegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) werden Jugendliche nun doch benachteiligt, wenn sie nicht geimpft oder genesen sind. Seit dem 8. November gibt es für sie kein Kino, keinen Club-Besuch und auch keinen Aufenthalt im Fußballstadion, ja nicht einmal mehr einen Zoobesuch. Auf vehementen Protest hin hat sich Markus Söder zwar scheinbar großzügig breitschlagen lassen, bis Jahresende das Hallensportverbot für nicht geimpfte oder genesene Jugendliche auszusetzen. Dies jedoch mit dem Kalkül, dass sich sportwillige Jugendliche vor Jahresablauf gerade noch ganz schnell impfen lassen können, um dem zu entgehen. Nachdem Moderna fast zeitgleich hierzu von der Stiko für männliche Jugendliche wegen der erhöhten Gefahr von Herzmuskelentzündungen nicht mehr "verimpft" werden soll, bleibt ja immerhin noch der Impfstoff von Biontech/Pfizer, der jedoch ebenfalls im (Ver-)Ruf steht, ähnliche Nebenwirkungen aufzuweisen.

Und wieder haben wir damit in Bayern ein paar Impfkandidaten dazugewonnen. Aber ist es den Preis wert oder nur blinder Aktionismus, damit "Team Vorsicht" seinem Namen gerecht wird? Es ist bekannt, dass nicht schwer vorerkrankte Kinder und Jugendliche im Normalfall nicht stark unter einer Infektion leiden. Ja, würden wir in den Schulen und Kindergärten nicht testen, dann fielen viele Infektionen in dieser Altersgruppe oft nicht einmal auf.

Auf der anderen Seite werden nun ungeimpfte Kinder und Jugendliche ausgegrenzt und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Es wird in das grundgesetzlich garantierte elterliche Fürsorge- und Erziehungsrecht eingegriffen, Sportvereinen fallen Teamspieler weg, weshalb diese nun versuchen, auf Eltern und Kinder einzuwirken, insgesamt wird der Vereinssport damit weiter ausbluten. Aber auch Musikschulen und ähnliche Einrichtungen leiden massiv unter diesen neuerlichen Einschränkungen, da sie ebenfalls Kinder und Jugendliche verlieren werden.

Was wird am Ende passieren? Ungeimpfte Kinder werden sich in eine virtuelle Welt zurückziehen. Vielleicht werden sich diese Kinder dann nicht mit Corona infizieren und niemand anstecken. Stattdessen sind hier jedoch Mediensüchte programmiert, die Beziehungsfähigkeit geht verloren, ja im schlimmsten Falle führt dies zu Aggressionen, weil sich diese Kinder ausgeschlossen fühlen. Aus ihnen werden so sicher keine mündigen Staatsbürger, die bereit sind, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, da sie die Gemeinschaft ausgestoßen hat. Denjenigen Eltern, die sich noch in Sicherheit wiegen, weil ihre Kinder unter zwölf Jahre sind, sei gesagt, Pfizer und Moderna arbeiten schon an der Zulassung von Impfstoffen für unter Zwölfjährige. Diese Impfung kommt. Dann sind die Kleinkinder und Säuglinge dran.

Eines nicht allzu fernen Tages steht dann neben der Hebamme im Kreißsaal der Impfarzt. Statt dem Klatscher auf den Po, der sich dann damit erübrigt, gibt es den kleinen "Piks". Wollen wir die Impfung um jeden Preis? Oder sagen wir Eltern jetzt: Hände weg von unseren Kindern?

Doris Gehrke, Augsburg

Untätige Regierung

Wer hofft, das Bundesverfassungsgericht könnte Schulschließungen oder Ausgangssperren für verfassungswidrig erklären, dürfte enttäuscht werden. Wahrscheinlich wird das Gericht Kriterien formulieren, die bei der Abwägung der Rechtsgüter zu berücksichtigen sind. Vielleicht wird es auch feststellen, dass diese Abwägung in der Pandemie nur ungenügend stattgefunden hat. Trotzdem stellen selbst sachlich falsche Entscheidungen der Politik per se noch keinen Verstoß gegen das Grundgesetz dar. Untätigkeit der Regierung hingegen hielte ich für eine echte Gefährdung der verfassungsmäßigen Ordnung.

Axel Lehmann, München

Aussagekräftige Zahlen

Zwei grundsätzliche Fragen fehlen mir bei der Diskussion über Schulschließungen: Einerseits müsste doch über die Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter relativ eindeutig nachzuweisen sein, wie viele Kinder und Jugendliche sich wirklich innerhalb der Schule anstecken. Trotzdem konnte ich darüber noch nirgends aussagekräftige Zahlen lesen. Da in den Schulen (im Gegensatz zu privaten Treffen und Schulbussen) sehr viele und strenge Maßnahmen gelten und kontrolliert werden, ist eine Ansteckungswahrscheinlichkeit vermutlich recht gering. Schon bei der wieder eingeführten Maskenpflicht in den Klassenzimmern fehlt mir eine stichhaltige, also datenbasierte Begründung, ob dadurch die eh schon niedrige Infektionswahrscheinlichkeit noch relevant gesenkt werden kann.

Zum anderen werden zwar im Artikel "Die Leerprüfung" die negativen Folgen der Sportverbote auf die körperliche Gesundheit der Kinder erwähnt, vor Kurzem wurde trotzdem beschlossen, die ungeimpften Kinder in Zukunft vom Freizeitsport auszuschließen. Ist denn dort das Infektionsrisiko wirklich so viel höher als beim Schulsport, obwohl es sich meist um kleinere Gruppen handelt, sodass trotz der von den letzten Lockdowns bekannten Nachteile diese Maßnahme gerechtfertigt ist? Für mich sieht das nicht so aus, als ob wir es ernst meinen, dass besonders Kinder und Jugendliche nun "in den Fokus gestellt" und geschützt werden sollen.

Holger Nachtigall, Sachsenried

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