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Corona-App:Große Skepsis

Dass das Virenwarn-Programm ausgerechnet über Anwendungen von Apple- und Google geladen wird, macht viele misstrauisch. Einige sorgen sich um den Datenschutz, andere halten die App für unzureichend, solange sie freiwillig ist.

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

Zu "Gesundheitsschutz darf kein Eliten-Projekt sein", 19. Juni, "Und jetzt alle zusammen" und "Bitte mal Handy herzeigen" vom 17. Juni, "Der Freiwilligkeits-Schwindel", Videokolumne vom 11. Juni auf sz.de, "Ideale Corona-App", 8. Juni:

Datenschutz besteht nicht

Die Bereitstellung der Corona-Warn-App dauerte wegen Datenschutzbedenken in Deutschland sehr lange. Nun ist die App verfügbar, aber über die Datenkrake Goggle-Play erhältlich. Sorry, aber genau die habe ich bisher nicht gewollt und nicht gebraucht. Vor diesem Datensammler wird regelmäßig gewarnt. Jetzt verschafft die Bundesregierung - vertreten durch das RKI - der Datenkrake auch noch Neukunden. Was lernen wir: Der Zweck heiligt die Mittel. Ich nenne das: Hirn ist alle.

Detlev Oster, Königsbronn

Eine App für die Oberschicht

Ich finde es sehr bedenklich, wenn Gästen in Lokalen und Kunden in Geschäften ohne App der Zutritt verwehrt werden kann. Denn diese App ist nur einer digitalen Oberschicht zugänglich. Wer ein älteres Gerät besitzt oder ein Billiggerät aus China, kann die App gar nicht nutzen, selbst wenn er will. Daher finde ich es sehr bedenklich, wenn ohne App der Zutritt verweigert würde. Damit wird letztendlich Kunden der Zutritt verwehrt, die sich nicht eine neues Gerät der Oberklasse leisten können oder wollen.

Michael Oberseider, München

Vorschriften für Industrie nötig

Da die Corona-Warn-App nur unter bestimmten technischen Bedingungen überhaupt installiert und genutzt werden kann, ist die potenzielle Reichweite laut den SZ- Artikeln auf 60 Prozent der Smartphones in der Bevölkerung begrenzt. 40 Prozent der Bevölkerung werden somit von der Nutzung von vornherein aus technischen Gründen ausgeschlossen. Unter diesen Umständen ist der Appell, "möglichst alle" mögen diese App nutzen, nur ein schöner Schein. Denn wenn App-Entwickler und Smartphone-Hersteller nicht sicherstellen, dass diese App unabhängig von der Betriebssystem-Version und dem Telefonmodell wirklich von jedem Smartphone aus genutzt werden kann, ist die Wirksamkeit massiv eingeschränkt.

Ich verstehe noch, dass diese App vielleicht nicht mehr auf uralten Smartphones von Herstellern läuft, die seit mehr als zehn Jahren aus dem Endgerätemarkt ausgeschieden sind und spezielle Betriebssysteme genutzt haben. Aber damit die App die Chance hat, so breit eingesetzt zu werden, wie es alle Beteiligten wünschen und wie es vom Effekt her notwendig wäre, müsste sie tatsächlich auf allen und nicht nur auf neueren Modellen der wichtigsten Hersteller laufen können - Samsung, Apple, Huawei und wie sie alle heißen. Mit einer Abdeckung von maximal 60 Prozent wird das angestrebte Ziel verfehlt, hier müsste das Bundesgesundheitsministerium dringend weiter Einfluss auf die Industrie nehmen, dass auch alle älteren Modelle, die ja offensichtlich in der Bevölkerung noch weithin genutzt werden, mit einbezogen werden.

Friedrich-Karl Bruhns, München

Privilegien für Tracing-Nutzer

Wenn mit der Nutzung der Corona-App gewisse Lockerungen verbunden wären, würde die Installation und Nutzung sicherlich eine größere Akzeptanz haben. Wenn Personen, die diese App auf ihrem Smartphone geladen haben und vorschriftsmäßig nutzen, zum Beispiel erlaubt würde, in einem Chor in geeigneten Räumen zu singen, wäre das ein Anreiz, sie zu nutzen.

Christine Katz, Oberschleißheim

Verpflichtung als kleineres Übel

Was ich bei der Corona-Bekämpfung nicht verstehen kann: Man konnte mich zwingen, sämtliche wirtschaftliche Aktivitäten zu beenden, auch wenn es den Ruin von mir und vielen anderen bedeutete, alle Reisen und kulturellen Vorhaben abzusagen, meine Kinder und Partnerin nicht mehr zu treffen, mir verbieten, mich im Freien zu bewegen oder nur auf eine Parkbank zu setzen - aber die Verwendung einer von allen Seiten approbierten App zur Covid-19-Prävention darf die sakrosankte Schranke der Selbstbestimmung nicht überschreiten?

Abgesehen davon, dass der Rückfall in nationalistische Reflexe - sowohl in Bezug auf Grenzschließungen als auch bei der Entwicklung einer App - nicht unbedingt als effizientester Ansatz erscheint, da eine kontrollierte Bewegungsfreiheit zumindest innerhalb der EU viele Kollateralschäden vermieden hätte, betrachte ich eine Verordnung zur Nutzung einer App als kleinstes Übel, angesichts der katastrophalen Folgen der Virusbekämpfung bisher. Zumal mit der App im Falle einer zweiten "Welle" ein erneuter Lockdown vielleicht verhindert werden kann, und spätestens dann die Verwendung wohl ohnehin obligatorisch werden sollte.

Christian Schneider, Wien/Österreich

Für Rentner das falsche Mittel

Die Corona-App ist da, juhu! Nur leider nicht für alle! Bitte, welchen Sinn macht das denn, welche Auswahl wurde hier von den Entwicklern und dem Bundesministerium getroffen? Trotz verschiedener Bedenken wäre ich an der App interessiert, auch weil ich aufgrund meines Alters zur Risikogruppe gehöre. Aber wer bitte besitzt oder kauft sich zeitnah ständig neue Handys? Sicher nicht die Rentner und auch nicht die, die Ressourcen einsparen wollen, weil das alte Handy noch gut seinen Dienst tut! Wie sinnvoll ist eine App, die von einem großen Teil der Bürgerinnen und Bürger nicht benutzt werden kann, wozu dann dieser finanzielle Aufwand? Alles nur ein Werbegag? Ich bin empört!

Heidemarie Monneuse, Neufahrn

Erpressung geht so

Ich möchte Herrn Prantl meinen Dank aussprechen, dass er die Sachlage in "Freiwilligkeits-Schwindel" so klar und kritisch bewertet. Auch mir fiel von vornherein auf, dass die Freiwilligkeit erlischt, sobald eine Konsequenz droht, wenn nicht in eine bestimmte Richtung entschieden wird. Dies muss benannt werden!

Ich war alleinerziehend mit meinen beiden Töchtern. Hätte ich denen gesagt: "Entweder ihr tragt den Müll freiwillig runter, oder xyz droht!", hätten die das sogleich durchschaut - ab einem zweistelligen Alter. Dass dies heute bei der App-Einführung offensichtlich nicht so ist, erscheint mir bedenklich. Von daher empfinde ich den Beitrag, so selbstverständlich er auf mich wirkt, ebenso notwendig wie aufklärend.

Jörg Borchardt, München

Digitaler Wahn

Die Corona-App ist Ausdruck des allgemeinen digitaltechnischen Massenwahns, einer Entwicklung, die niemand mehr im Griff hat, auch die nicht, die diese Entwicklung noch glauben steuern zu können. Natürlich ist es sinnlos, das hier zu schreiben, man wird als verrückt abgestempelt oder als Anhänger einer kruden Verschwörungstheorie. Trotzdem tue ich es! Es ist eine moralische Pflicht, auch im Sinne "westlicher Werte"!

Friedhelm Buchenhorst, Grafing

Orwell lässt grüßen

Da gibt es jetzt also die neue App, um Infizierte zu finden. Ich bin ihr nicht mal abgeneigt, allerdings habe ich kein Smartphone. Also kann ich mir diese App gar nicht herunterladen. Mein Partner hat ein altes Smartphone. Er hat Angst, dass dann dauernd wegen eingeschaltetem Bluetooth sein Akku leer ist. Und jetzt muss ich lesen, dass Wirte und Ladenbesitzer Leute ohne diese App aussperren können. Das kommt einer eklatanten Diskriminierung gleich. Aber ich habe sowieso die Befürchtung, dass die meisten Behörden denken, alle Menschen haben ein Smartphone. Ich brauche so ein Ding nicht, werde aber so langsam dazu gezwungen, mir so ein für mich nutzloses Teil zulegen zu müssen. George Orwells "1984" lässt schon ganz schön grüßen.

Irmgard Schmidt, Haar

© SZ vom 11.07.2020

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