„Wo leben wir denn?“ vom 20. Mai:
Fehlendes Rückgrat
Der Vorfall an der Carl-Bolle-Grundschule in Berlin ist unfassbar und zeigt, dass unser Wertesystem wirklich in Gefahr ist, wenn Schulleiter und Schulleiterinnen kein Rückgrat haben. Der Lehrer Oziel Inácio-Stach ist nur zu bewundern, dass er trotz dieser Schikanen und dieses Mobbings seinen pädagogischen Idealismus behalten hat.
Unser demokratischer Staat darf nicht vor den orthodoxen Ansichten von Muslimen einknicken. Das tut hier aber die Schulleitung, ist wohl zudem noch verbeamtet, steht aber offensichtlich nicht hinter den Werten unserer Verfassung. So lässt man dem islamistischen Gedankengut freien Lauf.
Was läuft da schief in unserem Bildungssystem, das doch demokratische Bürgerinnen und Bürger erziehen soll und will? Und wie kann es sein, dass Eltern solchen Einfluss haben, die sich nicht integrieren wollen und unsere Kultur infrage stellen? Denn das bringen die Kinder hier doch in der Schule zum Ausdruck.
Gut, dass in Ihrer Zeitung darüber berichtet wurde, obwohl der Leiter des Referats der Schulaufsicht Mitte Inácio-Stech gewarnt hat, die Presse einzuschalten. Das zeigt, dass auch in der Schulbehörde jemand agiert, dem Stillhalten wichtiger ist, als sich für demokratische Werte einzusetzen.
Ingrid Sauter-Ehmann, Gerlingen
Dieser Satz
Vielen Dank für diesen Artikel und die bestimmt mühevolle Recherche. „Wo leben wir denn“ – ein Satz meiner Eltern, der immer Ausdruck für großes Missfallen an der politischen Situation war und den ich immer gleichgesetzt habe mit einer gewissen Arroganz und Festhalten am Ewiggestrigen.
Nach der Lektüre Ihres Artikels kann ich ihn leider nur wiederholen.
Unfassbar das Verhalten der Schüler, die aber nur Spiegel ihres Elternhauses sind. Aber noch unfassbarer ist die Tatenlosigkeit der Schulleitung, der Referatsleitung – insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um Beamte handelt, die einen Diensteid abgelegt haben auf unser Grundgesetz. Leitungskräfte, die darauf achten sollten, dass unsere Verfassung befolgt wird, und hier offensichtlich den Weg des geringsten Widerstandes gehen auf Kosten eines Einzelnen. Das erinnert mich leider an dunkle Zeiten in Deutschland.
Machen wir uns bereits in den Schulen zu Handlangern von Extremen, die Frauen lange Röcke aufzwingen und Menschen diskriminieren? Die für mich einzig tolerable Reaktion von Schulleitung/Referatsleiter wäre ein Rundbrief an alle Eltern gewesen, mit Verweis auf unser Grundgesetz (die Würde des Menschen ist unantastbar), unsere Verfassung und rechtsstaatlichen Prinzipien, an die sich jeder zu halten hat, der in diesem Land lebt.
Dr. Annette Szliska, Sulzbach
Ganz normal in Berlin?
Der Süddeutschen Zeitung und Autor Thorsten Schmitz vielen Dank für diesen Artikel, der auf eindrucksvolle, erschreckende Weise aufzeigt, wie das so geht, wenn wir unsere Werte nicht verteidigen. Und dass das offensichtlich ganz normal ist in Berlin. Denn auch wenn die fundamentalistisch-islamischen Schüler und deren Eltern Auslöser der Probleme sind, sind die Schulleitung und die Schulbehörde diejenigen Beteiligten, deren Verhalten der eigentliche Skandal ist. Weder werden sie ihrer Fürsorgeverpflichtung gegenüber einem Mitarbeiter gerecht, noch erfüllen sie ihre Pflicht, für unsere Werte einzustehen. Es macht mich so sauer, das zu lesen.
Was soll denn das ganze Gerede von Toleranz und Diversität, wenn es offensichtlich nur in bestimmte Richtungen gilt? Wie kann es sein, dass die Schulleitung die entsprechenden Eltern bis jetzt nicht einbestellt und die Schüler nicht verwarnt hat? Wollen sie dabei zusehen, wie Schwulenfeindlichkeit und Frauenverachtung propagiert werden, und nichts dazu sagen? Wir können doch auf die ganzen Demos für Diversität und so pfeifen, wenn die verbeamteten Schulleiter es nicht im Kreuz haben, an ihrer eigenen Schule klare Kante zu zeigen. Ist es Angst oder sind es versteckte eigene Ressentiments gegen Schwule?
Man stelle sich nur mal kurz vor, es gäbe einen Überhang an Opus-Dei-Anhängern in der Elternschaft, die dem entsprechenden Treiben ihrer Kinder Vorschub leisteten. Da wäre aber was los in Berlin! Aber gegen die militant-konservativen Islamanhänger scheint man sich nicht mehr zu trauen. Im Gegenteil, da wird ein Lehrer abgemahnt, weil er einem entkräfteten Kind im Ramadan rät, Wasser zu trinken! Verdammt noch mal, sollen denn alle nur zusehen, wie eine bestimmte Ideologie die Kinder schädigt – und nun auch noch dazu veranlasst, andere zu mobben? Ich hoffe sehr, Ihr Artikel hat Folgen in Berlin.
Carola v. Paczensky, Hamburg
Kompromissbereitschaft?
Diese Geschichte erinnert mich an den Fall „Mahmoud v. Taylor“, welcher derzeit vor dem US-Supreme Court verhandelt wird. Dort fordern Eltern mit Migrationsgeschichte, dass ihre Kinder im Unterricht nicht mit LGBTQ konfrontiert werden. Bemerkenswert finde ich die These von Megan K. Stack in der New York Times vom 18. April 2025, die sich für einen Kompromiss zwischen den Anliegen der verschiedenen Identitäten ausspricht. Vielleicht wäre ein Kompromiss die am wenigsten schlechte Lösung in einer Einwanderungsgesellschaft?
Dr. Holger Schmidt-Endres, Gröbenzell
Ein schrecklicher Fehler
Der Artikel verstört und empört in vielerlei Hinsicht. Beschränkung ist daher geboten. Der Kollege Oziel Inácio-Stech, dem all meine Sympathien, mein Mitgefühl und mein Respekt für seine berufliche Leistung gehören, hat einen schrecklichen Fehler gemacht. Jeder Lehrer weiß, dass seine Schüler zwanghaft neugierig auf sein Privatleben sind. Gleichzeitig gilt, dass selbiges die Schüler nichts angeht. Wer zum Teufel hat dem Kollegen geraten, seinen Schülern sein Intimleben zu offenbaren?
Die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) tut es, das entnehme ich dem Text, ganz offiziell. Ich empfinde das als unerhörte gedanken- und empathielose Anmaßung. Der einzig menschlich vertretbare Rat an einen Kollegen in dieser oder einer ähnlichen Situation wäre, er möge die Frage nach allen Richtungen gründlich durchdenken – und nicht zuletzt dahin gehend, ob ein Lehrer, der findet, dass sein Privatleben niemand etwas angeht, ein schlechterer Lehrer ist als der, der seinen Schülern sein Privatleben aufdrängt und damit sämtlichen Teufeln Tür und Tor aufreißt – den Teufeln unter den Schülern, Eltern, Kollegen und nicht zuletzt in der Schulleitung.
Über der Empörung, die sie verdienen, sollte man nicht die Schreibtischtäter bei der GEW vergessen, die ganz grundsätzlich finden, dass ein homosexueller Lehrer sich für den gesellschaftlichen Fortschritt zu outen und zu opfern habe. Ihnen gilt meine besondere Kritik.
Klaus Büchler, München
Fehlende Konsequenzen
Ich war selbst fast 40 Jahre im Schuldienst, habe zwölf Schulen kennengelernt, Gymnasium, Realschule, IGS, KGS, in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Frankreich, Spanien und Algerien. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre gelangte ein libanesischer Clan nach Neustadt am Rübenberge. Die Mädchen blieben zu Hause, die Jungs erschienen im Unterricht, sie waren offensichtlich mit der Situation überfordert und erkannten nicht, dass sie einen mühevollen Weg des Lernens und der Anpassung vor sich hatten.
Ich musste diese Jungs unterrichten, es war eine unerträgliche Situation für beide Seiten … Sie waren nicht darauf vorbereitet, dass eine junge Frau Respektsperson war und das Sagen hatte. Zum Glück hatte ich immer gute, verständnisvolle und kooperative Schulleiter. Nach einigen Wochen verschwand dieser Clan, wir Kollegen und Kolleginnen waren heilfroh …
Ich bin entsetzt über die Schulleitung der Carl-Bolle-Grundschule in Berlin-Moabit. Und auch über den zuständigen Referenten Detlev Thietz. Der Elternschaft müsste von oberster Stelle klargemacht werden: Benehmen sich eure Kinder nicht nach internationalen Regeln der Menschlichkeit und des universellen Menschenrechts: sofortige Versetzung in eine Parallelklasse, Relegation, Verkleinerung der Klassen, Erhöhung der Lehrerzahl.
Meine letzte Dienststelle bis 2009 war eine integrierte Gesamtschule (IGS) im Süden Hannovers. Als sich ein arabischstämmiger Schüler mir gegenüber während der Mittagsaufsicht extrem respektlos verhielt, wurde er nach einer Klassenkonferenz am nächsten Tag sofort parallel versetzt. Schulleitung und Lehrerschaft der IGS Mühlenberg kooperierten vorbildlich, es herrschte eine friedliche Atmosphäre.
Mein Rat an Oziel Inácio-Stech: Such dir deine nächste Arbeitsstelle genau aus. Nicht du bist schlecht, sondern monotheistische Gemeinschaften, die ein anachronistisches Geschlechterverständnis gewalttätig ausleben – sie sind eine Katastrophe für die Menschheit. Die Eltern dieser Kinder müssen zur Rechenschaft gezogen werden, sie haben ihre Kinder furchtbar manipuliert. Halte durch, arbeite wieder mit Kindern, lass dich nicht von diesen Menschen, die in einem fatalen 1400 Jahre alten Wertesystem und Rollenverständnis stecken geblieben sind, unterkriegen.
Annette Ottens, Einbeck
Noten fürs Verhalten
Während in Italien und Südtirol mittlerweile Verhaltensnoten gegen Gewalt und Disziplinlosigkeit an Schulen eingeführt wurden, die bis zum Ausschluss von Abschlussprüfungen führen können, debattieren die deutsche Lehrerschaft und die zuständigen Behörden über den richtigen Umgang mit respektlosen Schülerinnen und Schülern.
Wir haben in der Tat ein komplettes Systemversagen, und nicht ohne Grund ermöglichen Eltern, die es sich leisten können, ihren Kindern den Besuch auf Privatschulen, auf denen Sozialverhalten, Vorbildfunktion und ein Leistungsprinzip zum Kodex gehören.
Solange hier kein Umdenken einsetzt, wird alles so bleiben, wie es ist. Der Lehrerin, die sagt, wir müssen Schule neu denken und Demokratieunterricht ab der 2. Klasse einführen, ist vollumfänglich zuzustimmen. Wir benötigen dazu jedoch auch Lehrkräfte, die sich gegen Demokratieverächter durchsetzen und diese notfalls der Klasse oder der Schule verweisen.
Jan-Patrick Jarosch, München
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