Bundeswehr:Eine Geschichte der Verdrängung

Kasernen, die weiterhin nach Wehrmachtsoffizieren benannt sind, Offiziere, die NS-Devotionalien horten: Ein Leser berichtet aus seiner eigenen Erfahrung als ehemaliger Reserveoffizier der Luftwaffe.

Bundeswehr: Unselige Traditionspflege: Die Kaserne in Rotenburg (Wümme) beispielsweise ist weiterhin nach Oberst Helmut Lent benannt, der im Zweiten Weltkrieg noch 1944 zum Durchhalten aufrief und den "Endsieg" anpeilte.

Unselige Traditionspflege: Die Kaserne in Rotenburg (Wümme) beispielsweise ist weiterhin nach Oberst Helmut Lent benannt, der im Zweiten Weltkrieg noch 1944 zum Durchhalten aufrief und den "Endsieg" anpeilte.

(Foto: dpa)

"Differenzieren, bitte" vom 22. Mai und "Im Graubereich" vom 12. Mai:

"Rote Sonne fertig gemacht"

Die Empörungsdebatten über Devotionalien der Wehrmacht in den Bundeswehrkasernen oder in den Soldatenköpfen sind so heuchlerisch wie die Diskussion über die problemlosen Nachkriegskarrieren der fürchterlichen NS-Juristen. Die Politiker, die über die Realisierung der Bundeswehr entschieden, waren mehrheitlich Nationalsozialisten, SS-Aktivisten und Wehrmachtssoldaten. Jeder Wehrpflichtige konnte von 1958 an miterleben, wie Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht in "demokratischen Uniformen" so weitermachten, wie sie es "auf dem Felde der Ehre" gelernt hatten. Die Wehrmachtsoffiziere Steinhoff, Kammhuber, die Partisanenbekämpfer Heusinger und Foertsch waren Inspekteure der Bundeswehr. Der Legion-Condor-Aktivist Trettner war bis 1966 Generalinspekteur. Er wollte Atomminen an der innerdeutschen Grenze verlegen.

Die Wehrmachtsoffiziere der Bundeswehr trugen alle Orden des NS-Regimes an ihren Uniformen weiter. Wer mit diesen Herren eine "demokratische" Bundeswehr aufbauen wollte, musste wissen, dass das wie in der Politik endet. Der Bundestag hat erst 2009 die Todesurteile gegen die Widerstandsgruppe "rote Kapelle" aufgehoben. Erinnert sei auch an das Niveau, auf dem Politiker den Verfassungsrichter Dieter Grimm wegen seines "Soldaten sind Mörder"-Urteils, dessen Inhalt sie gar nicht kannten, angegriffen haben.

Bei den Bundes-Fallschirmjägern, bei denen ich von 1960 bis 1965 zuletzt als Reserveoffizier unterwegs war, haben Ritterkreuzträger und Feldwebel als "alte Kämpfer" Brigaden und Bataillone geführt. Unser Kommandeur hatte Mussolini aus der Bergfestung geholt. Zur Traditionspflege mit den Rekruten gehörte die Verherrlichung der "Fallschirmjägerhelden des Zweiten Weltkrieges", der Laufschritt in Springerstiefeln mit aufgekrempelten Ärmeln, Liegestützen über aufgeklappten Fahrtenmessern, und das öffentliche Singen von "Rot scheint die Sonne, fertig gemacht..." In regelmäßigen Treffen mit dem Fallschirmjägergeneral Ramcke hat dieser vor staunenden Jungoffizieren die Schlacht um Kreta oder seine Verteidigung von Brest noch einmal befehligt.

Alle Verteidigungsminister haben opportunistisch verdrängt, dass Wehrmachtsoffiziere als "völkisches Kollektiv" zugleich eine "Konzeptualisierung von Männlichkeit" in der Bundeswehr installiert haben. Die von Wehrmachtsoffizieren gesäten angeblichen soldatischen Pflichten und Tugenden wurden von der Bundeswehr mangels anderer Vorbilder vereinnahmt. Diese aufgegangene Saat ist bisher nur mit Alibiveranstaltungen - etwa Umbenennung von Kasernen - kaschiert worden.

Ein Symbol ist der stürzende Adler der Wehrmachts-Fallschirmjäger mit einem Hakenkreuz in seinen Fängen. Derselbe Adler auf den roten Baretts der Bundes-Fallschirmjäger stürzt sich immer noch auf den Feind - nur ohne Hakenkreuz.

Was Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen jetzt als materielle Bereinigung angeordnet hat, ist wieder eine Public-Relations-Nummer. In der Universität der Bundeswehr wurde ein Foto Helmut Schmidts in Wehrmachtsuniform abgehängt. Geht's noch alberner? Auch diese Ministerin hat nicht verstanden, dass in den Heeresoffiziersschulen, Führungsakademien und den Soldatenköpfen bis heute die "Helden der Wehrmacht" ihre gedanklichen Inhalte zementiert haben, die nur durch Fortbildung und Aufklärung bereinigt werden können. Die Initiative "Breaking the Silence" ehemaliger israelischer Soldaten könnte ein gutes Vorbild sein.

Dr. Christoph Graf von Stillfried, Tutzing

Und Pfui!

Nach dem Kriege erbten wir einen noch in der Nazi-Zeit geprägten Papagei, der auf Klopfen laut schrie: "Herein!" und "Heil Hitler!". Er ahmte den Briefträger nach - ganz unpolitisch! Wir haben ihm aber nicht den Hals umgedreht (aus Tierschutz-Gründen), sondern nur ein nachträgliches "Pfui" angewöhnt. Gut, dass er schon lange tot ist, sonst müsste unser Nazi-Papagei angesichts der gegenwärtigen Wehrmachtsbesorgnis wohl verhaftet und diskret beseitigt werden.

Reiner Dassel, Gröbenzell

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