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Transparente Lieferkette:Der Code für mehr Transparenz und Fairness

Vom Entwicklungshelfer zum Unternehmer: Tahira Nizari und Henrik Buermann wollen mit ihrer Tee-Firma Kazi Yetu die heimische Landwirtschaft von Tansania stärken.

(Foto: Kazi Yetu)

Eine Tee-Firma aus Tansania will mit der Blockchain Einblick in die gesamte Lieferkette geben und so heimische Anbieter stärken.

Von Marcel Grzanna

Henrik Buermann schwört auf die lokale Erdnussbutter aus dem örtlichen Supermarkt: keine Zusatzstoffe, alles bio, ein Fest für den Gaumen. Eigentlich schade, dass es der erstklassige Brotaufstrich bislang nicht über die Grenzen von Tansania hinaus geschafft hat. Aber auch nicht wirklich verwunderlich. Er ist stinklangweilig verpackt, wird schlecht vermarktet und ist somit auch für kein internationales Vertriebsnetz attraktiv. Die tansanischen Produzenten haben unter diesen Bedingungen gegen die massenhaft angerührte Pampe der großen Lebensmittelkonzerne auf dem Weltmarkt nicht den Hauch einer Chance. Da kann ihre Erdnussbutter noch so gut schmecken.

Entwicklungshelfer Buermann möchte das ändern - mit dem Einsatz der Blockchain-Technologie. Sein Ziel ist es zunächst, die gesamte Wertschöpfungskette eines Produktes im Land aufzubauen. Die Blockchain soll dabei nachzeichnen, welchen Weg ein Produkt vom Rohstoff zum fertigen Lebensmittel genommen hat. Konsumenten können dann, wenn sie den QR-Code auf der Verpackung abrufen, anhand der gesammelten Daten die Konsequenzen ihrer Kaufentscheidung erkennen. Ziel ist es dabei, die lokale Wertschöpfung in Entwicklungsländern zu stärken.

Buermann ist sicher, dass es genug Verbraucher gibt, die bereit sind, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Denn gegen die günstige Massenproduktion der multinationalen Konzerne können kleine Unternehmen preislich nicht mithalten. "Der Konsument in Deutschland soll den positiven Effekt eines ethischen Konsums erkennen können. Er soll wahrnehmen, dass der Kauf eines solchen Produktes Arbeitsplätze und neue Perspektiven im Land der Wertschöpfung schafft", sagt Buermann.

Der gebürtige Lübecker hat bereits gemeinsam mit seiner Frau eine eigene Teeproduktion in Tansania aufgebaut, die all die Defizite der lokalen Wertschöpfung im Bereich Branding, Verpackung, Marketing ausmerzen soll: "Der Tee aus Tansania geht normalerweise auf die Großmärkte und wird in alle Welt verschifft. Die Wertschöpfung findet dann ganz woanders statt, und die Bauern profitieren nicht mehr davon", sagt er. Sein Unternehmen Kazi Yetu, das er mit seiner Frau Tahira Nizari gegründet hat, soll das ändern.

Kazi Yetu ist Suaheli und heißt übersetzt "unsere Arbeit". Die Firma ist nicht nur Teeproduzent, sondern auch Exporteur, Vertriebsunternehmen, Beraterfirma und Vermarkter in einem. Tanzania Tea Collection heißt das Label, unter dem der Tee im Land angebaut, dann von rund einem Dutzend Mitarbeiterinnen zu diversen Mischungen verpackt und inzwischen in einigen Weltshops in deutschen Großstädten verkauft wird. "Was mit unserem Tee funktioniert, kann mit jedem anderen landwirtschaftlichen Produkt aus Tansania gelingen", sagt Buermann. Es ist eine Art digitale Entwicklungshilfe.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen am Ort gewinnt Kazi Yetu auch dadurch, dass Geschäftsführerin Nizari selbst tansanische Wurzeln hat. Sie ist es, die den Unternehmergeist mitbringt, der nötig ist, um Risiken zu wagen, gibt Buermann zu. Kennen gelernt haben die beiden sich in Afghanistans Hauptstadt Kabul, wo sie als Entwicklungshelfer tätig waren. Seit fünf Jahren leben sie jetzt in Tansania, 2018 gründeten sie Kazi Yetu.

Das Unternehmen benötigt Geld, um sein Marketing und den Vertrieb im Ausland erweitern zu können. Seit einer Weile läuft die Suche nach Wagniskapital. Doch viele Investoren, auch aus dem Bereich des nachhaltigen Impact Investing, erwarten einen siebenstelligen Umsatz als Grundvoraussetzung für ihren finanziellen Einstieg. So weit sind die Gründer noch nicht. Doch mit dem anvisierten Einsatz der Blockchain will Kazi Yetu seine eigene Marke für mögliche Investoren attraktiver gestalten.

Die Rückverfolgung bei der Lebensmittelproduktion ist ein wachsender Markt. Eine Studie von Research and Markets geht davon aus, dass das Volumen von Dienstleistungen in der Branche auf Basis der Blockchain-Technologie von 133 Millionen US-Dollar im Jahr 2020 in den kommenden fünf Jahren um mehr als das siebenfache auf 948 Millionen US-Dollar steigen wird.

Ein Anbieter solcher blockchainbasierter Rückverfolgungssysteme im Lebensmittelbereich, der auch in Deutschland aktiv ist, ist TE-Food. Gerd Schick kümmert sich in Albstadt in Baden-Württemberg um das Deutschland-Geschäft von TE-Food. "Die Blockchain erhöht die Informationsdichte rund um die Wertschöpfung eines Lebensmittels und erlaubt die wichtigen Plausibilitätsprüfungen. Je mehr Informationen in der Lebensmittel-Kette revisionssicher zur Verfügung stehen, desto leichter fallen Unregelmäßigkeiten auf, die möglicherweise durch unlautere Mittel in die Rückverfolgung eingeflossen sind", sagt Schick, der auch Vertreter des Branchenverbundes Blockchain Valley ist.

Das erhöht die Glaubwürdigkeit eines Produktes, von der auch Kazi Yetu profitieren möchte. Doch Schick kennt auch die Hürden, die auf Unternehmen warten, die Blockchain für die Rückverfolgung einsetzen wollen. "Die Informationen, die über die Blockchain gesammelt werden sollen, müssen akkurat und vollständig erfasst werden. Sonst bleibt die Rückverfolgung bruchstückhaft und die Systeme verfehlen ihre Wirkung", sagt Schick. Viele interessierte Produzenten würden nach der ersten Euphorie feststellen, dass sie diese Informationen nicht verlässlich bieten können.

Henrik Buermann weiß um das Problem. "Die Landwirtschaft in Tansania ist sehr informell. Zudem gibt es Probleme mit der Netzabdeckung in ländlichen Gebieten", sagt er. Außerdem brauchen die Bauern für eine Abwicklung mit der Blockchain ein Smartphone. Viele Kleinbauern hätten aber noch alte Mobiltelefone ohne Internetzugang. Eine mögliche Lösung sei der Zusammenschluss mit anderen Unternehmen, um die Defizite zumindest teilweise zu beheben und dabei die Kosten zu teilen.

Am Ende soll ein QR-Code auf den Teepackungen den Konsumenten alle Informationen preisgeben, um ihnen Gewissheit über Herkunft und Produktion zu vermitteln. Bis dahin muss Kazi Yetu auf die Überzeugung der Kunden hoffen, dass der Wertschöpfungsprozess auch ohne Blockchain das Resultat ausschließlich lokaler Ambitionen in Tansania ist.

© SZ/weka
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