Bild-Zeitung:Der Fall Reichelt

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Hat sich das Verhalten der Springer-Presse in den letzten Jahrzehnten gewandelt, fragt sich ein SZ-Leser. Und wie werden deutsche Sitten am Arbeitsplatz beeinflusst?

Bild - Julian Reichelt

"In zwanzig Minuten am Telefon entsorgt": Julian Reichelt.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Zu "Affären mit Folgen" vom 29. Oktober und zu "Kein Spaß mehr" vom 22. Oktober:

Springers Dampfdrucktopf

Die Analyse des Bild-Insiders Georg Streiter trifft den Kern der vorherrschenden Situation im moralisch porösen Springer-Verlag sehr genau. Und wer die Bild aus den 60er- und 70er-Jahren kennt, ist nicht nur relativ alt, sondern auch erstaunt, dass dieses Pendler-Pausen-Blatt immer noch eine hohe soziokulturelle Bedeutung zu haben scheint. Denn wer die Bild als diffamierendes Hetzblatt gegen langhaarige Studenten, Feministinnen oder gegen die Politik von Willy Brandt kennengelernt hat und nicht in den intellektuellen Untergrund abgetaucht ist, der hatte in späteren Jahren das Gefühl, dass in den Redaktionen das Spiel mit offenem Feuer vordergründig unterdrückt wurde. Und als sich dann 2007 ehemals desavouierte Prominente wie Alice Schwarzer in einer plakatierten Werbekampagne für ihren publizistischen Gegner honoriert zur Schau stellten, hat man zwar den Kopf geschüttelt, aber auch an eine marginale Verbesserung der boulevardjournalistischen Zutaten in Springers Dampfdrucktopf gehofft.

Erst in den letzten Jahren, seit die mediale Lava im Internet fließt, merkt man, dass die Verlagsleitung mit ihren Chefredakteurinnen und Chefredakteuren einen Fuß auf je eine Seite dieses heißen Flusses gestellt hat: hier seriös und dort ungeniert an den Grenzen der Wahrheit. Die letzten Herren Chefredakteure haben ohne Scham die Weichen gestellt, um aus ihrer veröffentlichten Meinung eine öffentliche Meinung zu machen, was sich ausgerechnet in den politisch und menschlich brisanten Zeiten der steigenden Migration und der lebensbedrohenden Corona-Pandemie zu einem gefährlichen Faktor entwickeln konnte. Es ist traurig zu sehen, dass trotz der bedrückenden Vorgänge in Welt- und Klimapolitik die Wirtschaftsinteressen eines derart mächtigen Medienkonzerns immer noch vor Ehrlichkeit und dem Bestreben nach gesellschaftlicher Solidarität gehen.

Gregor Ortmeyer, Mönchengladbach

Globalisierte Sitten

Das sexuelle Fehlverhalten deutscher Manager wird eher als normal akzeptiert, so Katja Hoyer in der Washington Post. Sibylle Haas ging am 5. November 2019 in der SZ einen Schritt weiter: "Wer mit wem eine Affäre hat, geht den Arbeitgeber nichts an, ja, ein Verhaltenscodex wie bei Coca-Cola oder Walmart wäre ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen. Die Freiheit, eine einvernehmliche Affäre einzugehen, steht hierzulande unter dem Schutz des Grundgesetzes." Da fragt man sich doch, weshalb Mathias Döpfner den tüchtigen Herrn Reichelt entließ. Sollte die Globalisierung eine Verfeinerung auch unserer Sitten bewirken? Ein anderer Aspekt wird völlig ignoriert: Asymmetrische Affären sind kein Zufall, sie dienen - und das wissen alle - dem Hochcharmieren. Last, but not least, "einvernehmlich" könnte auch einmal näher untersucht werden. Ein Großteil der (Büro-)Affären wird von verheirateten Kolleginnen und Kollegen gelebt. Wurde denn immer das Einverständnis der betroffenen Ehepartner oder Ehepartnerinnen eingeholt?

Barbara Koops, Bassenheim

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