Kriminalität:Clash of Clans

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Kriminalität: Anis Ferchichi, besser bekannt als Bushido, sitzt zu Beginn eines Prozesses gegen das Clan-Mitglied Arafat Abou-Chaker im Gerichtssaal.

Anis Ferchichi, besser bekannt als Bushido, sitzt zu Beginn eines Prozesses gegen das Clan-Mitglied Arafat Abou-Chaker im Gerichtssaal.

(Foto: Paul Zinken/picture alliance/dpa)

Berlin ist die Hauptstadt des organisierten Verbrechens. Einen Großteil davon macht die sogenannte Clan-Kriminalität aus. Wie man mit einem Phänomen umgeht, das mit vielen Schlagzeilen, aber auch mit vielen Klischees verbunden ist.

Von Verena Mayer

Wenn man aus Berlin berichtet, hat man immer wieder mit Verbrechen zu tun. Mit Drogenhandel, Geldwäsche, Cyberattacken, Waffenschmuggel oder der Schleusung von Menschen - Berlin ist auch die deutsche Hauptstadt der organisierten Kriminalität. Und die ist so vielfältig wie Berlin selbst. Bei einem Hintergrundgespräch im Landeskriminalamt zählte ein Beamter einmal die Nationalitäten auf, mit denen er schon zu tun hatte. Es waren unzählige. Verbrechen ist immer ein Spiegel der Gesellschaft, und in einer internationalen Stadt ist auch das Verbrechen international.

Zur organisierten Kriminalität gehört auch, dass sie im Verborgenen arbeitet und man dementsprechend wenig von ihr mitbekommt. Bis auf eine Ausnahme: die sogenannten Clans. Auf ihre Kappe geht nicht nur ein Teil des Schadens von zwei Milliarden Euro, den die organisierte Kriminalität dem Bundeskriminalamt zufolge 2020 in Deutschland angerichtet hat. Die Clans haben auch ein fast schon öffentlichkeitswirksames Auftreten.

"Der Pate von Berlin"

Die Familie R. zum Beispiel wird mit Museumseinbrüchen in Verbindung gebracht, wie man sie aus Filmen kennt. Familienmitglieder wuchteten 2017 eine hundert Kilogramm schwere Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum. 2019 sollen sie ins Grüne Gewölbe in Dresden eingebrochen sein und Juwelen im Wert von 113 Millionen Euro mitgenommen haben.

Arafat Abou-Chaker wiederum steht in Berlin vor Gericht, weil er in eine Auseinandersetzung mit seinem früheren Geschäftspartner geriet, dem Rapper Bushido. Er soll ihn bedroht und drangsaliert haben, als der aus dem gemeinsamen Musiklabel aussteigen wollte.

Und das Oberhaupt der Familie Al-Z., deren Mitglieder unter anderem 2014 das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe überfielen und jede Menge Uhren und Schmuck raubten, hat sogar ein Buch über sein Leben geschrieben. Es heißt "Der Pate von Berlin".

Die Berichterstattung über Clans trägt auch zu deren Selbstinszenierung bei

Für manche Journalisten ist dies natürlich das Beste, was einem passieren kann. Spektakuläre Coups vor den Augen aller, begangen von Leuten, die allen Klischees von Kriminellen entsprechen: harte Typen mit Goldketten, die in Luxusautos durch die Straßen brettern und halbe Stadtviertel terrorisieren. Prozesse wie der gegen Arafat Abou-Chaker können zudem mit jedem Event auf dem roten Teppich mithalten. Kaum ein Berliner Rapper, den man hier noch nicht als Zeugen im Gerichtssaal sah, und der berühmteste von allen, Bushido, sagte über Monate über sein Leben aus. Über die Beziehung zu seinem früheren Kumpel Arafat Abou-Chaker, seine Ehefrau, seine Villa oder einen Nachbarschaftsstreit wegen eines Gartenzauns.

Wenn man sich journalistisch mit Clans beschäftigt, sollte man im Kopf haben, dass die Berichterstattung über kriminelle Großfamilien auch zu deren Selbstinszenierung beiträgt. Sätze, die Clan-Mitglieder irgendwann in Fernsehkameras sagten, haben in der Szene Kultstatus, Clan-Leute posten in den sozialen Medien wie Influencer. Dazu kommt, dass die Clans durch Serien wie "4 Blocks" oder "Dogs of Berlin" zur Popkultur gehören. Wie das endet, weiß man von der italienischen Mafia. Als die Filmreihe "Der Pate" herauskam, gefiel sie den Mafiosi so gut, dass sie sich benahmen wie die Gangster aus den Filmen. Der Schauspieler Kida Khodr Ramadan, der einen Neuköllner Clan-Chef spielte, erzählte einmal, dass er auf der Straße von Jungs angesprochen werde, die für ihn arbeiten wollen.

Über kriminelle Clans zu recherchieren bedeutet vor allem: sitzen

Vor allem aber muss man aufpassen, dass man sich nicht in den Klischees verliert, die mit den Schlagzeilen kommen. Sondern sich mit den mafiaähnlichen Strukturen beschäftigt. Da wird Geld von Straftaten in Läden oder Immobilien investiert, um die Geldflüsse zu verschleiern. Es gibt Verbindungen ins Ausland, die kaum aufzudröseln sind. Die Täter selbst sind schwer zu fassen, und wenn es einmal zu Strafverfahren kommt, werden Zeugen eingeschüchtert. In einem Mordprozess gegen Mitglieder der Familie R. sprang plötzlich das Familienoberhaupt im Zuschauerraum auf und brüllte minutenlang den Staatsanwalt an.

Über kriminelle Clans zu recherchieren, ist oft nicht sehr spektakulär. Es bedeutet vor allem: sitzen. In Gerichtsprozessen gegen Familienmitglieder, die sich über Jahre hinziehen. In Büros von Kriminalbeamten, Politikerinnen, Staatsanwältinnen oder Forschern wie dem Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba von der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, der mit unzähligen Clan-Mitgliedern gesprochen hat.

Den wenigsten sei klar, was ein Clan überhaupt ist

Jaraba findet schon den Begriff "Clan-Kriminalität" fragwürdig, den das Bundeskriminalamt eingeführt hat, es definiert Clans als "ethnisch abgeschottete Subkulturen", die patriarchalisch-hierarchisch organisiert seien und einer eigenen Werteordnung folgen würden. Das suggeriert, dass die Clans wie eine Pyramide aufgebaut sind, ähnlich der Cosa Nostra, mit einem Capo an der Spitze. Doch in den kriminellen Großfamilien laufe vieles durcheinander, sagt Jaraba, legale und illegale Geschäfte, und vieles seien Gelegenheitsverbrechen.

Vor allem aber sei den wenigsten klar, was ein Clan überhaupt ist, sagt Jaraba, während er Zettel mit Pfeilen und Kästchen ausbreitet, auf denen er die Familienstrukturen aufgezeichnet hat. Jaraba zufolge stammen alle Clans, die in Deutschland leben, von ein paar Tausend Leuten aus der Provinz Mardin im Südosten der Türkei ab. Von dort wurden sie vertrieben und gingen etwa in den Libanon. Als dort in den Siebzigerjahren der Bürgerkrieg ausbrach, flüchteten viele nach Deutschland. Heute sind die Clans in viele Untergruppen verästelt, die oft nicht einmal mehr miteinander verwandt sind, sagt Jaraba und tippt auf die Kästchen auf seinen Zetteln. Und in diesen Untergruppen gibt es wiederum noch kleinere Teile, die kriminell sind.

Allen ist gemeinsam, dass sie dieselben Probleme haben. Als sie nach Deutschland kamen, durften sie nicht arbeiten, ihre Kinder nicht zur Schule gehen, viele haben bis heute nur eine Duldung. Jaraba erzählt von einem Mädchen, das sich nicht auf die Schule konzentrieren kann, weil es alle drei Monate zur Ausländerbehörde muss. "Wir sprechen von einer dritten und vierten Generation mit vielen Problemen", sagt Jaraba, "die Kriminalität betrifft aber nur einen kleinen Teil".

Khalil O. erzählt, wie er irgendwann einen "Gangster-Burnout" bekam

Jaraba schlägt vor, dass man statt "Clan-Kriminalität" lieber den Begriff verwendet, den die Forschung für diese Art der Verbrechen gefunden hat: familienbasierte Kriminalität. Und dass sich die Politik auch dem allergrößten Teil der Clans zuwendet, der nicht kriminell ist. Den sozialen Verwerfungen etwa. So würden von hundert Kindern aus diesen Familien nur vier einen Schulabschluss schaffen, sagt Jaraba.

Wenn man als Journalistin viel herumgesessen und mit vielen Leuten gesprochen hat, lernt man irgendwann Männer wie Khalil O. kennen. Der hält am S-Bahnhof die Autotür auf, er will nur beim Fahren reden, O. hat Angst, in seinem alten Kiez erkannt zu werden. Denn O. hat sich vom kriminellen Teil seiner Großfamilie gelöst, und das nehmen ihm einige übel. Während O. durch Neukölln kurvt, erzählt er, wie er früher im Zug Drogen aus den Niederlanden nach Deutschland geschmuggelt hat. Wie er so viel Geld verdiente, dass er die Scheine in Plastiktüten tragen musste und irgendwann einen "Gangster-Burnout" bekam, wie er sagt. O. holte die Schule nach und wurde Jugendsozialarbeiter. Jetzt hat er mit Jungs zu tun, die wie er aus großen Familien kommen, keine Zukunft haben, sich aber von der Faszination krimineller Clans angezogen fühlen. Ihnen will er in seinem kräftezehrenden und schlecht bezahlten Job beibringen, dass Verbrechen keinen Sinn hat. Dass es sich lohnt, etwas anderes zu versuchen. Solche Geschichten aus der Welt der Clans sind dann durchaus spektakulär. Auch wenn sie nicht für Schlagzeilen sorgen.

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