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Benedikt XVI.:Bitte dogmatisch abrüsten

Ein Beileidsbrief des zurückgetretenen Papstes bei der Trauerfeier für den erzkonservativen Kardinal Meisner? Das hat Leser empört - aber nicht überrascht.

"Benedikt gegen Franziskus" vom 18. Juli und "Kirchenkritik im Kölner Dom" vom 17. Juli:

Restlos desavouiert

Joseph Ratzinger ist mit dem Anspruch angetreten, die Lehre der katholischen Kirche als wahr und mit Vernunft und Logik vereinbar nachzuweisen. Damit ist er gescheitert. Seine Enzykliken blieben selbst innerhalb der Kirche weitgehend unbeachtet, und mit seinem Jesus-Buch hat er sich bibelwissenschaftlich restlos desavouiert. Der Rücktritt war insofern logisch - und verdiente Respekt.

Dass er jetzt nachtritt, ist seinem Nachfolger gegenüber respektlos. Franziskus setzt ganz auf Seelsorge und Pastoral, und wer das tut, muss dogmatisch abrüsten. Das ergibt sich aus der radikal integrativen Botschaft Jesu, die aber über Lehre (Tora), Kult und Tempel weitgehend schweigt - weil diese typisch religiösen Institutionen damals wie heute zu Ausgrenzung und Unterdrückung missbraucht werden.

Eine Kirche, die sich der Gesellschaft vor allem als Hort religiöser Traditionen und klerikalen Anspruchsdenkens präsentiert, ist nur attraktiv für Personen mit exklusiven Ambitionen. Das zeigt sich leider verstärkt im Priesternachwuchs. Der wird nicht nur weniger, er wird auch immer ungeeigneter. Einer der jüngst in München geweihten Neupriester hat der Pastoralreferentin seiner Pfarrei, einer Ordensschwester, schon vor seiner Primiz erklärt, bei ihm hätten Frauen am Altar nichts verloren. Papst Benedikt sollte sich fragen, ob das in seinem Sinne ist.

Dr. Markus Zehetbauer, Uffing

Vielfalt als "Diktatur"?

Der als intellektuell so hochgepriesene Altpapst Benedikt XVI. beschwört den Widerstand gegen die "Diktatur des Zeitgeistes" und desavouiert damit seinen Nachfolger Franziskus. Was soll diese unsinnige Formel? Nie war der "Zeitgeist" lebhafter und

breiter aufgefächert als heute und damit weniger fähig zu irgendeiner Form der "Diktatur" in geistig-intellektueller, politisch-ideologischer oder künstlerischer Hinsicht.

Vielfalt als "Diktatur"? Und das aus der Feder des Ex-Oberhauptes einer Kirche, deren innere Struktur immer noch autoritärer geprägt ist als jedes andere - westliche - System. Si tacuisses, hättest du doch geschwiegen, sollte Franziskus seinem Amtsvorgänger ins Ruhestandsbrevier schreiben!

Klaus Warnecke, München

© SZ vom 28.07.2017

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