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BDS-Kampagne:Die Besatzung beenden

Der Artikel "Hauptsache dagegen" über die gegen Israels Besatzung der Palästinensergebiete gerichtete Kampagne BDS hat bei Lesern zu Verärgerung geführt. Sie werfen dem Autor, Thorsten Schmitz, tendenziöse Berichterstattung vor.

04 06 2018 Berlin Deutschland GER der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ISR zu Bes

Streitet für die Rechte der Palästinenser: <NM1>D<NM>die BDS-Kampagne, hier junge Anhänger in Berlin.

(Foto: imago/Stefan Zeitz)

"Hauptsache, dagegen" vom 28. Januar:

Hilflose Empörung

"Wie konnten Aktivisten des Netzwerks BDS in der deutschen Kulturszene so viel Platz einnehmen?", fragt Thorsten Schmitz sich und seine Leser über eine ganze Seite der SZ. Er zitiert einige Stimmen, bedenkenswerte wie (vorzugsweise) ihm bedenklich erscheinende, aber zu einer Antwort auf diese Frage kommt sein langer Artikel eher nicht. Dabei liegt diese Antwort auf der Hand: die Sympathien für die Boykottbewegung erklären sich aus der hilflosen Empörung über die brutale israelische Kolonialpolitik im besetzten und zunehmend annektierten Westjordanland.

Dass diese Politik das Völkerrecht bricht, einschlägige UN-Resolutionen ebenso wie die Rechte der Palästinenser in den besetzten Gebieten missachtet, tut ihr seit Jahrzehnten keinen Abbruch: Kanzlerin Angela Merkel schaut lächelnd zu und US-Präsident Donald Trump klatscht Beifall. Was im Fall der Krim zu harschen Sanktionen und Protesten führte (die völkerrechtswidrige Annexion eines Territoriums), hat im Fall des Westjordanlands allenfalls milde Ermahnungen zur Folge, Israel möge es nicht zu wild treiben. Nicht einmal der Mauerbau, der die illegale jüdische Besiedlung des Westjordanlands absichert und die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung unerträglich einschränkt (der erste seit dem Fall der Berliner Mauer!), hat irgendwelche Reaktionen der deutschen oder internationalen Politik ausgelöst - trotz seiner Verurteilung durch den Internationalen Gerichtshof.

Diese Verlogenheit der politischen Reaktionen und die offenbare Lizenz für den Staat Israel, Völker- und Menschenrechtsverletzungen nach Belieben zu begehen, ist es, die das große Echo für BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) befördert. Da mögen einzelne Reaktionen oder Stellungnahmen überzogen oder auch fragwürdig erscheinen. Das ändert nichts daran, dass der Boykottaufruf, der sich wohlgemerkt ja nicht gegen Israel, sondern gegen dessen Kolonien im Westjordanland richtet, als eine der wenigen Möglichkeiten erscheint, dagegen einen Protest zu artikulieren.

Dr. Hartmut Stenzel, Gießen

Entrechtet und vertrieben

Ein Lob an die SZ: Sie gibt der Debatte um die palästinensische Menschenrechtskampagne BDS in ihrem Feuilleton Raum. München verbietet diese Debatte in seinen städtischen Räumen - Menschenrechte sind hier ähnlich suspekt wie in der Türkei. In der SZ darf immerhin die afroamerikanische Autorin und BDS-Unterstützerin Alice Walker erwähnt werden, während München selbst einer Ikone wie Desmond Tutu Redeverbot erteilen würde wegen seiner BDS-Unterstützung.

Leider diskreditiert Thorsten Schmitz aber bereits in der Überschrift seines Artikels "Hauptsache, dagegen" die BDS-Bewegung. Er unterstellt ihr "Krawall statt Dialog", obwohl sie nichts weiter als die Umsetzung bestehender Uno-Resolutionen und Gleichberechtigung fordert. Das ist weder "Krawall" noch antiisraelisch oder antisemitisch. Auch die südafrikanische Anti-Apartheid-Bewegung war weder antiweiß noch antisüdafrikanisch - sondern prodemokratisch und betrachtete schlicht alle Bürger des Landes als gleichwertig. Schmitz argumentiert, Israel sei kein Apartheidstaat, weil jüdische neben arabischen Ärzten arbeiten. Er unterschlägt aber, dass im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948 von 900 000 dort lebenden arabischen Palästinensern 750 000 vertrieben, entrechtet und ausgebürgert wurden und deren Landbesitz enteignet, um ihn jüdischen Einwanderern zur Verfügung zu stellen.

Für den israelischen Anthropologen Uri Davis ist deswegen die israelische Apartheid gravierender, da 93 Prozent des Landes für rein jüdische Nutzung zur Verfügung stünden, während in Apartheid-Südafrika 87 Prozent des Landes "nur für Weiße" bestimmt waren. Wenn Schmitz sich die Uno-Resolutionen genau ansehen würde, wäre ihm klar, dass Israel ohne die Vertreibung der Palästinenser ein gemeinsamer jüdisch-palästinensischer Staat wäre, so wie es die Uno-Resolutionen 181 und 194 vorgesehen haben. Es wäre kein mehrheitlich jüdischer Staat im Sinne des politischen Zionismus, sondern ein binationaler Staat, wie ihn Kulturzionisten wie Hannah Arendt und Martin Buber wollten und wie es den moralischen Werten des Judentums entspräche.

Mit dieser Form des Zionismus und des Judentums ist die BDS-Bewegung sehr wohl kompatibel und deswegen wesentlich konstruktiver für ein gleichberechtigtes Miteinander als die israelische Regierungspolitik.

Sabine Matthes, München

Aus dem Kontext gerissen

Thorsten Schmitz liefert ein Paradebeispiel an tendenziösem Journalismus und setzt dabei gekonnt alle Mittel der Kunst ein: Auslassungen und Betonungen, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und geschickte Montage gewisser Inhalte erzeugen bei Leser*innen den gewünschten Effekt: BDS ist böse, schlecht und abzulehnen. Auch wenn ich persönlich als "Sympathisantin" halbwegs gut wegkomme - meine Zitate sind ebenso aus dem Kontext gerissen wie ein Satz aus der Website des von mir mitbegründeten Bündnisses BIB, das sich dezidiert gegen die Besatzung ausspricht. "Wer wäre das nicht?", fragt Thorsten Schmitz. Es bleibt eine rhetorische und damit scheinheilige Frage. Schmitz weiß das. Schade, dass er nicht das Rückgrat seines Kollegen Zumach hat, den er lieber diffamierend zitiert, als ihm unvoreingenommen zuzuhören. Zuhören und in Dialog treten - das würde allen gut zu Gesichte stehen. Auch die SZ könnte dazu einen Beitrag vor allem in München leisten.

Nirit Sommerfeld, Grafing

Klar gegen Antisemitismus

Der Artikel "Hauptsache, dagegen" fügt sich ein in eine Reihe von SZ-Beiträgen, die den Leser glauben machen wollen, dass die BDS-Kampagne antisemitisch sei, wobei stets der Hinweis fehlt, dass die ausdrücklich gewaltfreie Kampagne sich klar gegen jeden Antisemitismus ausspricht. Hinter diesen Diffamierungen steckt natürlich die zumindest indirekte Gleichsetzung von Israel mit dem Judentum, was andererseits aber in projektiver Weise wiederum den Kritikern der israelischen Politik zum Vorwurf gemacht wird!

BDS ist mittlerweile offensichtlich zum Synonym für Antisemitismus geronnen mit dem Ziel der Unterbindung jeder ernsthaften Erörterung der klar völkerrechtswidrigen Politik Israels. Resultat ist hierzulande die schier unglaubliche Zahl von über einhundert (!) Veranstaltungen, die in den letzten Jahren be- bzw. verhindert wurden, selbst wenn sie gar nichts mit BDS zu tun hatten - ein ungenierter Verstoß gegen essenzielle Grundrechte unserer Verfassung. Leidtragende sind - es ist kaum zu fassen - sogar jüdische oder israelische Referenten, denen aus deutschem Munde (!) Antisemitismus bzw. jüdischer Selbsthass unterstellt wird.

Der renommierte israelische Historiker Avi Shlaim - er forschte und lehrte jahrzehntelang an der Universität von Oxford und gilt als der Fachmann für die israelisch-arabischen Beziehungen - stellte in einem Interview vom Oktober 2017 klar, "dass die Palästinenser nicht auf die Hilfe der westlichen Regierungen hoffen können, um die Besatzung zu beenden, auch nicht auf die UN. Die einzige Hoffnung der Palästinenser besteht in der BDS-Bewegung".

Das Ende der israelischen Besatzung - genau dies ist das Kernanliegen der BDS-Bewegung - wird mit Sicherheit auch das Ende der Boykottbewegung sein.

Jürgen Jung, Pfaffenhofen