Heimat:Wahrheit und Dichtung

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Heimat: Ländliches Bayern: Panorama vom Lusen nach Westen hin über den Bayerischen Wald.

Ländliches Bayern: Panorama vom Lusen nach Westen hin über den Bayerischen Wald.

(Foto: Sebastian Beck)

Die viel gerühmte Heimat ist gerade in Bayern steter Begleiter der journalistischen Arbeit. Nicht immer glauben die dort Lebenden, dass auch Journalisten etwas von Heimatangelegenheiten verstehen könnten.

Von Hans Kratzer

Die Frühlingssonne zog es vor, sich hinter einem grauen Wolkenband zu verstecken, als am Nachmittag des 4. Mai 2005 der Sarg der Kleinbäuerin Katharina Walker ins Grab gesenkt wurde. So bescheiden dieses Leichenbegängnis auf dem Dorffriedhof zu Baierbach auch ablief, es war auf jeden Fall ein denkwürdiges Ereignis. Die Gebete der Trauergemeinde wurden permanent vom Fluglärm begleitet, ein Geräusch, das hier, im südlichen Landkreis Landshut, alltäglich ist, schließlich eilen die Maschinen im Minutenabstand auf den nahe gelegenen Münchner Flughafen zu. Auf diese Weise streiften sich in jener Stunde des Abschieds ein letztes Mal zwei konträre Mächte, nämlich die archaische Welt der Katharina Walker und das globalisierte moderne Bayern, absterbend das eine, aufblühend das andere.

Ihr Leben lang hatten Katharina Walker und ihr Mann Josef den einsam auf einer Anhöhe gelegenen Bergsodler-Hof bewirtschaftet. Beider Leben war von radikaler Kargheit geprägt. Das Ehepaar besaß nur ein paar Hühner und Kühe, nicht einmal fließendes Wasser und elektrisches Licht gab es auf dem Hof, den Millionen Urlauber und Geschäftsleute überflogen, aber durch ihre Guckfenster im Flieger kaum wahrgenommen haben.

Gut 70 Kilometer liegt der alte Bergsodler-Hof vom SZ-Hochhaus in München entfernt. Das ist eine knappe Autostunde, in der man beim Nachdenken jederzeit Gewissheit erlangt, dass vieles im Leben nur eine der Frage der Perspektive ist. Vom SZ-Turm, in dem jeden Tag Hunderte Journalisten versuchen, die Weltläufte zu erklären, fällt der Blick auf das Alpenpanorama, das sich im Süden in aller Breite am Horizont erstreckt. Majestätisch erheben sich dort jene Berge, die von München aus schnell erreichbar sind und von den Städtern in der Freizeit gerne zu Fuß, mit dem Radl oder mit Skiern durchmessen werden. Auch vom Bergsodler-Hof aus ist das Gebirge an Föhntagen gut zu sehen. Stets weckte dieser Fernblick in der Bäuerin Katharina Walker eine Sehnsucht. "Wenn ich die Berge nur mal aus der Nähe sehen dürfte", sagte sie oft. Sie wurde fast 90 Jahre alt, aber dieser Wunsch erfüllte sich nie.

Heimat: Ein Leben voll radikaler Kargheit: die Landwirtin Katharina Walker.

Ein Leben voll radikaler Kargheit: die Landwirtin Katharina Walker.

(Foto: Hans Kratzer)

Dass die Kleinbäuerin ihren Hof nur selten verließ, hinderte sie nicht daran, sich ähnlich wie die Journalisten viele Gedanken über das Dasein zu machen. Nur, dass sie ihre Kenntnisse nicht aus irgendwelchen Nachrichtenkanälen, sondern direkt aus der Natur erwarb, weshalb sie sogar das Wetter verblüffend exakt vorherzusagen wusste. Darüber hinaus hatte sie keinerlei Bedürfnisse. Nur die Flieger, die seit einigen Jahren über ihren Hof düsten, ließen sie ahnen, dass sich die Welt nachhaltig veränderte. In den letzten Lebensjahren besaß sie ein batteriegetriebenes Radio. "In München is ja allerweil Stau", sagte sie, kaum erfassend, was das bedeutet. Aber das schreckte sie sehr.

Die Kunst der nötigen Balance

Man muss nicht zwingend in die südamerikanischen Regenwälder oder in die asiatischen Hochgebirge vordringen, um auf ungewöhnliche Lebensformen zu stoßen. Manchmal, wie beim Bergsodler-Anwesen, liegen sie direkt vor der Tür. Die Kunst des Reporters besteht darin, in der Darstellung die nötige Balance zu finden, besonders dann, wenn es gilt, aus der Tradition fauliges Substrat herauszuschälen. Ein schwieriges Unterfangen, erst recht, wenn das bei Journalisten sehr beliebte, aber von den Lesern oft missverstandene Stilmittel der Ironie herangezogen wird, um dadurch manche Kontur der Darstellung noch deutlicher zu zeichnen.

Die Reporterin Ruth Rehmann schrieb im August 1963 im Feuilleton der SZ über ein Veteranenfest im Chiemgau. Sie schilderte wortmächtig den Marsch einer ländlichen Pfarrgemeinde zu einer Heldenkapelle und zu einem Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege, sie beschrieb "das große Weinen zu Ichhatteinenkameraden", sie gab getreu die Worte des Pfarrers wieder, der einen kühnen Bogen spann zwischen dem Soldaten im Schützengraben und dem Soldaten des Reiches Gottes. Dann der Kanonenschlag, Veteranen, Schützen und Feuerwehr strammstehend, das Volk auf den Knien - Rehmanns Darstellung war eine von feiner Beobachtungsgabe gespeiste kritische Elegie über die Befindlichkeiten der Nachkriegszeit.

Der Vorsitzende eines Soldatenvereins schrieb der Autorin danach, sie werde wegen dieses Textes eines Tages zur Rechenschaft gezogen. "Die große Reinigung von solchen Pestauswüchsen in Deutschland wird nicht mehr lange auf sich warten lassen." Rehmann bezahlte ihre ironisch-distanzierte Darstellung mit Drohungen, die bereits den Sound der heute üblichen Giftspritzerei in den sozialen Medien nach außen trugen.

Hier das urbane Publikum, dort das ländliche

Der Versuch, gesellschaftliche Veränderungen zu beschreiben, gleicht bisweilen einer Gratwanderung. Früher waren Missverständnisse vor dem Hintergrund der großen mentalen Kluft zwischen der bäuerlich-dörflichen und der städtischen Welt quasi programmiert. Woran sich ein urbanes Publikum delektierte, das sah das ländliche Publikum oft diametral anders. Lange strahlte am Firmament das Bildnis des bayerischen Seppls, ein Inbegriff der Rückständigkeit und der Dummheit. Was die Seppln aber nicht daran hinderte, mit derlei Folklore gute Geschäfte zu machen und den schenkelklopfenden Städtern und Zuagroasten mit dieser Art von Gaudi das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Der Verfasser dieser Zeilen, selber ein Kind vom Land, beschrieb einmal ein Gstanzlsängertreffen im Festzelt eines Dorfes, das sehr stolz auf diese Veranstaltung war. Angesichts der Darbietungen sah er keinen Anlass für eine Jubelarie, aber die eine oder andere Formulierung geriet ihm dann um eine Spur zu frech. Der veranstaltende Wirt lief vor lauter Wut rot an und drohte, er werde den Schreiberling abstechen, wenn er es wage, nochmals in seine Nähe zu kommen. Das erwies sich freilich nur als kurze Aufwallung, da der Wirt dem "Giftspritzer" bei der nächsten Begegnung mit überschwänglicher Geste eine Plastiktüte mit edlen Fleischstücken überreichen wollte. Es war halt oft ein Geben und Nehmen, gerade auf dem Felde des Lokaljournalismus, wo die Grenzen zwischen Nähe und Distanz verschwammen und es mancherorts zum verlegerischen Brauchtum gehörte, von Geschäftsleuten eine bezahlte Annonce zu fordern, wenn eine wohlwollende Berichterstattung folgen sollte.

So ist sie eben beschaffen, die viel gerühmte Heimat, die in Bayern ein steter Begleiter der Journalisten ist. Viele Lokalzeitungen bezeichnen sich ganz bewusst als Heimatzeitung. Der Bayerische Rundfunk (BR) befriedigt das Bedürfnis nach medialer Nähe und Vertrautheit mit einer ganzen Palette von Hörfunk- und Fernsehformaten, die bezeichnende Titel wie Heimatspiegel, Heimatsound und BR-Heimat tragen. Dass der Heimatbezug im Freistaat Bayern eine höhere Wertigkeit besitzt als in den übrigen Bundesländern, hängt mit der langen Geschichte dieses Landes zusammen, die bis in die Antike zurückreicht.

Die weitgefächerte Thematik, die daraus erwächst, erstreckt sich vom Gemeinderat bis zu den Zuchtviehmärkten und vom Vereinsleben bis zu den Geburtstagen von Gemeindebürgern. Für SZ-Reporter, die ja bei weitem nicht alle in Bayern sozialisiert wurden, bringt das Probleme mit sich. Dergestalt, dass sie in stark dialektal gefärbten Sitzungen oft nichts verstanden hatten. Die SZ-Redaktion gibt viel darauf, dass sie zu den wenigen lederhosenfreien Zonen in der Wiesnstadt München gehört. Früher verhielt es sich umgekehrt. Da ging der Münchner in der Stoffhose auf die Wiesn, und der gute Ernst Müller-Meiningen jr., als Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbandes eine Autorität ohnegleichen, erschien mit einer Hirschledernen, grün-gestickt und mit Gamsverzierungen auf den Hosenträgern, zur Redaktionskonferenz.

Spesen: Verpflegung, Übernachtung und ein Stier

In jener Zeit schrieb auch Wugg Retzer für die SZ. Einmal schilderte er, wie er als junger Journalist zur Rinder-Auktion nach Pocking fuhr. Verwirrt durch die Reize der schönen Niederbayerinnen, vor denen er sich aufplustern wollte, ließ er sich zur Großspurigkeit hinreißen und schrie mitten in der Versteigerung eines prächtigen Stiers: "Tausend!" Leider blieb um ihn herum alles still. "Die Gruppe gegenüber zahnt unverschämt auf mich her", merkte Retzer und folgerte daraus: "Ich sehe mich bereits im Geiste mit einem Stier in der Redaktion Einzug halten; ich sehe die Spesenrechnung - Fahrt 15 Mark; Verpflegung und Übernachtung 20 Mark; ein Stier 1000 Mark. . ."

Retzer kannte sein Sujet, und niemand zweifelte an seiner Expertise in Heimatangelegenheiten. Dieses Vertrauen in die Journalisten schwindet dahin, wie der Protestbrief belegt, den eine niederbayerische Schulleiterin nach einer SZ-Reportage über einen im Rottal gedrehten Kriminalfilm verfasst hatte. "Über Artikel dieser Art muss ich mich immer wieder ärgern", schrieb die gute Frau und geißelte "die Hochnäsigkeit und Arroganz, mit der man hier auf Niederbayern herabsieht." Dabei hatte der Autor lediglich geschrieben, dort gehe ein bemerkenswerter Transformationsprozess in Richtung Moderne vonstatten. Die Feststellung beruhte auch auf dem Eindruck, dass auf dem Bergsodler-Hof gerade ein Stück Menschheitsgeschichte zu Ende gelebt worden war. "Wahrscheinlich haben Sie sich nicht die Mühe gemacht, diese terra incognita kennenzulernen, bevor Sie darüber geschrieben haben", geiferte die Leserin, nicht ahnend, dass der Autor seit jeher in demselben Landstrich lebt wie sie. Wahrheit und Dichtung - ständige Begleiter des Journalisten.

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