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Atomwaffen:Abrüstung statt Teilhabe

Kein Land kann am Einsatz von Atomwaffen Interesse haben. Nicht nur deshalb ist die Forderung des SPD-Fraktions­vorsitzenden Rolf Mützenich, Atombomben aus Deutschland abzuziehen, zu begrüßen.

Zu "Ein offenes Geheimnis" und "Falsche Hoffnung", beide vom 5. Mai:

Über US-Atomwaffen in Deutschland streiten sich SPD und CDU, seitdem die Verteidigungsministerin dazu geeignete neue Trägerflugzeuge bis 2030 beschaffen will. Vor solchen Investitionen ist es doch gerechtfertigt, Sinn und Nutzen zu überprüfen: Schreckt ihre Lagerung wirklich vor militärischen Konflikten ab? Wie erreicht man stattdessen gegenseitiges Vertrauen mit dem befürchteten Gegner Russland? Die USA haben gerade den INF-Vertrag mit Russland aufgekündigt, statt ihn neu zu verhandeln. Kein Land in Europa kann meines Erachtens am Einsatz von Atomwaffen zur "Verteidigung" Interesse haben - es würde den Untergang für beide Seiten bedeuten. Die Lagerung der Waffen erfolgt in fünf Ländern: Deutschland, Belgien, Niederlande, Italien, Türkei, ist also keine Regel. Deutschland ist Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrags. Ist deren Lagerung bei uns damit überhaupt vereinbar? Und was sagt der jetzige Koalitionsvertrag dazu? "Erfolgreiche Abrüstungsgespräche schaffen die Voraussetzung für einen Abzug der in Deutschland und Europa stationierten taktischen Atomwaffen." Also auf zu solchen Gesprächen!

Dr. Wolfgang Tautz, Güstrow

Man spricht nicht gern darüber, dass in Büchel in Rheinland-Pfalz US-Atombomben lagern, die im Ernstfall von deutschen Kampfflugzeugen mit deutschen Piloten im Zielgebiet abgeworfen werden sollen. Möglich macht das die "Nato-Abschreckungsstrategie", durch die sich Deutschland die nukleare Teilhabe sichert.

Seit Jahren sind deutsche Spitzenpolitiker bereit, "Verantwortung zu übernehmen", gemeint ist dabei stets militärisches Eingreifen, gern auch weltweit. Es stünde Deutschland viel besser an, Verantwortung als diplomatischer Vermittler zu übernehmen, sich als Partei in Konflikten zurückzuhalten, dafür zivile Lösungen anzustreben, zu unterstützen und dadurch weltweit Achtung und Einfluss zum Beispiel in Abrüstungsverhandlungen zu gewinnen. Deshalb ist die Forderung Rolf Mützenichs (SPD), Atombomben aus Deutschland abzuziehen, sehr zu begrüßen. Dies gilt umso mehr in einer Zeit mit einem unberechenbaren US-Präsidenten und seiner Nuklearstrategie, wonach "Atomwaffen nicht mehr nur der Abschreckung dienen, sondern Waffen sind, mit denen man Krieg führen kann". Aber diplomatisches Geschick erfordert eher Kreativität denn militärische Kraftprotzerei. Die zitierten entsetzten Reaktionen der Atombombenbefürworter sind in der Sache Plattitüden. Man will ja eine breite öffentliche Diskussion über die verheerenden Auswirkungen eines Atomschlags, ausgeführt durch deutsche Soldaten, vermeiden. Auch die Gefahr, dass ein nukleares Waffenlager bevorzugtes Ziel eines gegnerischen Atomschlags wäre, will niemand thematisieren.

Evelyn Kiess, Wolfratshausen

© SZ vom 03.06.2020

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