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Arm und Reich:Mehr Umverteilung zum Schutz der Demokratie

Seit Jahren gibt es keine vernünftigen Sparzinsen. Vermögende trifft das weniger, sie können sich andere Anlagen leisten, allen voran Immobilien. Wer dafür zu wenig hat, kann kaum sparen, die entstehende Kluft beunruhigt viele Leser.

Sekt

Sekt oder Selters? Das ist oft eine Frage des Geldes. Doch die Chancen zur Vermögensbildung sind inbesondere seit der Finanzkrise zunehmend ungleich verteilt.

(Foto: Frank Rumpenhorst/picture alliance)

Zu "Angriff auf die Demokratie" vom 8. Oktober und "Der große Rückfall", 7. Oktober:

Ein neuer Lastenausgleich

Mit beständiger Regelmäßigkeit wird die Zunahme der Kluft zwischen Arm und Reich in unserem reichen Land beschrieben. Demnach hat die Kluft seit 2008 innerhalb der Zinskrise zugenommen "wie schon lange nicht mehr". Man könnte geradezu von einem Abgrund reden. Es ist also unwidersprochen wahr: Es besitzen ein Prozent der Reichen so viel wie drei Viertel der Bevölkerung, und die ärmeren 50 Prozent (40 Millionen) haben gerade einmal ein Prozent des gesamten Besitzes.

Die Zinskrise mit folgendem Immobilienboom hat eine neuerliche riesenhafte Umverteilung von Vermögen von unten nach oben zur Folge. Der Kapitalbesitzer ist längst aus dem unprofitablen Zinsgeschäft zugunsten der Bodenspekulation ausgeschieden und das, ganz einfach, weil er dazu allein in der Lage war. Die Sparer und die Mehrheit ohne Grundbesitz gehen nicht nur leer aus, die Sparer müssen sogar dafür bezahlen (von 380 Milliarden Euro bisher war die Rede). Auch diesen "Feldzug" haben die Besitzenden also für sich entschieden.

Die Umverteilung von 2008 bis heute ist ein neuerlichen Feldzug in einem Finanzkrieg. Die Besitzenden sind die Krisengewinner. Eine solche Situation gab es in unserem Land schon einmal nach dem Weltkrieg. Es folgte der Lastenausgleich durch Kanzler Adenauer, eine 50-prozentige Vermögensabgabe über zehn Jahre von Gewinnern zu Verlierern mit der Folge des Wirtschaftswunders. Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn sich ein solcher Ausgleich noch mal vollziehen ließe. Es würde niemand dadurch arm in unserem reichen Land.

Dr.Georg Bejenke, Seeshaupt

Unwürdige Tagesverträge

Das Thema Arm und Reich oder Besitzende und Nichtbesitzende im Jahr 2019 mit -einer CDU/CSU/SPD-Regierung im Bundestag spaltet die Gesellschaft und ist ein Angriff auf die Demokratie. Besitzlose werden immer ärmer, Geld regiert die Welt.

Kürzlich sprach ich mit einem 25-jährigen jungen Mann. Er hat seine Ausbildung abgebrochen und wollte sein Bafög mit einem "Tagesvertrag" aufstocken. Als langjährige ehemalige Angestellte im öffentlichen Dienst einer Klinik war ich entsetzt, als ich das Wort "Tagesvertrag" hörte und musste sofort an Tagelöhner denken. Den Begriff "Schwangerschaftsvertretung" für Kollegen kannte ich, da bekommt man einen festgelegten Lohn für eine längere, vorab befristete Zeit. In welcher Gesellschaft leben wir, wenn schon junge Menschen mit einem Tagesvertrag wie ein Tagelöhner abgespeist werden!? Wie wollen sie sich auf einer solchen Basis um sich und eine vielleicht zukünftige Familie kümmern? Solche Tages-Arbeitsverträge sind meines Erachtens Angriffe auf die Demokratie und auf die Menschenwürde der Arbeitnehmer.

Elsbeth Schwanewedel, Berlin

Reichtum ist politische Macht

Die seit Jahrzehnten die westliche Wirtschaft dominierende neoliberale Trickle-down-Theorie, wonach der Wohlstand der Reichen nach und nach auch zu den unteren Bevölkerungsschichten durchsickert, hat sich als falsch und als soziale Ungleichheit zementierende Ideologie erwiesen. Sie hat dazu geführt, dass sich Vermögensunterschiede vergrößerten und eine Plutokratie entstand, eine Schicht der Vermögenden, die aufgrund ihrer starken Lobby mit viel Geld steuerliche Privilegien verteidigt. "Reichtum ist die wichtigste Wurzel politischer Macht," konstatierte der US-Politiker Al Gore. Höchste Zeit, dass diese die Demokratie erodierende Vermögenskonzentration durch eine adäquate Steuerpolitik gestoppt wird.

Dr. Udo Witzens, Karlsruhe

Steuern für Vermögende erhöhen

Die Absenkung des Einkommensteuer-Spitzensatzes von 56 Prozent (1989) auf heute 42 Prozent begünstigte Gutverdienende, ebenso die Begrenzung der Sozialabgaben durch Beitragsbemessungsgrenzen. Da mit zunehmenden Einkommen der Anteil der Ausgaben für die Mehrwertsteuer sinkt, belastete die Erhöhung des Mehrwertsteuerregelsatzes von 10 Prozent (1968) auf heute 19 Prozent mehr die Geringverdiener. Vor dem 1.1.2009 wurden Kapitalerträge wie Löhne versteuert, also große Kapitalerträge 1989 mit dem Spitzensteuersatz von 56 Prozent; die Einführung der Kapitalertragsteuer von 25 Prozent begünstigte große Vermögen.

Der kleine Mann bekommt auf der Bank keine Zinsen, der Reiche legt sein Geld in Immobilien an und erhält jährlich zum Beispiel sechs Prozent steuerfreien Wertzuwachs neben drei Prozent Mieteinnahmen. Soll die Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch größer werden, sind daher Gutverdienende und Vermögende wieder stärker steuerlich zu belasten.

Wolfgang Maucksch, Herrieden