Architektur in München:Italien genießen in Monaco di Baviera

Zwei weitere, weniger bekannte Beispiele dafür, wo überall südliche Einflüsse an die Isar geholt wurden.

Wiedereröffnung der Pinakothek der Moderne in München, 2013

Die große Rotunde der Pinakothek der Moderne in München (Architekt: Stephan Braunfels) - eine Kuppel mit Anklängen an den Dom von Florenz.

(Foto: Robert Haas)

"Monaco d'Italia" vom 15./16. Mai:

Die Hinweise auf den historischen italienischen Einfluss auf die Baugeschichte Münchens sind immer faszinierend und können sogar durch zwei spannende Beispiele ergänzt werden, die, obwohl weithin im Stadtbild sichtbar, bisher nie als bauliche Leistungen im Sinne des Vorbildes "Italien" wahrgenommen wurden.

Als erstes Beispiel wäre das Mosaikfeld im oberen Giebel des Nationaltheaters zu nennen, das das Thema "Pegasus und die Horen" darstellt. Ursprünglich war die Rückwand mit der identischen Darstellung nach Entwurf Ludwig von Schwanthalers, 1840, ausgemalt. Im Jahr 1893/94 wurde das Bild in Form des wetterfesten Mosaikfeldes ersetzt, wobei die Ausführung in den Händen der Compagnia Venezia e Murano, Pauly & C. (ursprünglich Salviati e C.) lag und kurioserweise nicht von einer der vielen hervorragenden Münchener Mosaikanstalten angebracht wurde. Das altertümlich anmutende Traditionsgeschäft von Pauly & C. mit den großen Schaufenstern an einer Ecke des Markusplatzes in Venedig wird jedem aufmerksamen Touristen bekannt sein. Das Mosaik im unteren Giebel des Nationaltheaters, "Apollo und die Musen", das ebenfalls 1893/94 von Pauly & C. nach dem gemalten Vorbild von Schwanthaler angefertigt wurde, ist am 3. Oktober 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden, für den neuen Giebel schuf 1971/72 der Münchener Bildhauer Georg Brenninger die Figurengruppe.

Das zweite Beispiel ist noch spannender. Es handelt sich um die Rotunde, die den Eingangsbereich der Pinakothek der Moderne bildet und die oben von einer Lichtkuppel mit Galerie abgeschlossen wird. Der Münchner Architekt Stefan Braunfels (Bauauftrag 1992) stellte sich hiermit, bestimmt zu seiner großen, und ich glaube auch diebischen Freude, ganz bewusst in die Tradition der Renaissance-Architektur von Florenz, denn die Gestaltung der Rotunde und der Kuppel mit der doppelwandigen Galerie nimmt engen Bezug zur damals im frühen 15. Jahrhundert revolutionären doppelschaligen Konstruktion der Kuppel des Florentiner Doms, vom großen Architekten Filippo Brunelleschi entworfen (Bauauftrag 1418, Fertigstellung 1436). Nun kommt die angekündigte Spannung: Der Vater des Architekten, Wolfgang Braunfels, später Ordinarius für Kunstgeschichte an der Münchner Universität, hat nämlich 1964 ein Buch "Der Dom von Florenz" veröffentlicht, in dem er als Erster auf die Geschichte und den Bau der revolutionären Kuppel des Doms und ihre technisch höchst anspruchsvolle Doppelschalengestalt eingeht. Es liegt also auf der Hand, dass der Architekt der Pinakothek der Moderne sich durch diesen Hauptteil seines Baus in humorvoller Weise und zu Recht als würdiger Nachfolger Brunelleschis einordnet, wie auch als ein in der Nachfolge von Klenze, Fischer und Gärtner gestaltender, moderner Vertreter eines traditionell Münchner Baustils des 19. Jahrhunderts nach italienischem Vorbild. Gleichzeitig stellt die Rotunde mit der Lichtkuppel und doppelwandigen Galerie eine bleibende Hommage an seinen Vater Wolfgang dar. Zumal Wolfgang Braunfels ein Enkel des großen Münchner Bildhauers Adolf von Hildebrand war, seit 1874 Besitzer einer Villa in Florenz, des ehemaligen Klosters San Francesco di Paola, die zu einem Mittelpunkt des deutschen geistigen Lebens in Florenz wurde.

Soviel Florenz, Venedig und Murano auf einmal - München kann sich glücklich schätzen!

Dr. Graham Dry, München

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© SZ vom 25.05.2021
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