Interview „‚Wir arbeiten zu wenig‘“ vom 18. November:
Unhinterfragte Widersprüche
Haben Sie Frau Leibinger-Kammüller die Gelegenheit gegeben, das Interview vor der Veröffentlichung zu lesen und abzusegnen? Es treten einige eklatante Widersprüche zutage:
1. „Bei Trumpf“ hat sie „viele tolle junge Leute, die arbeiten wie die Verrückten …“
2. Dennoch baut die Firma 1000 Stellen ab – „freisetzen“ nennt man das ja seit einiger Zeit beschönigend.
3. Dazwischen vertritt sie die steile These: „Wir müssen einfach mehr arbeiten.“
Ich vermisse hier die kritischen Nachfragen der Süddeutschen Zeitung, die ich bei anderen Gelegenheiten sehr schätze.
Dietmar Schulz, Hamburg
Dauerbelehrende Erben
Man kann wirklich die Uhr danach stellen: Die Unternehmerin, die uns erzählen will, wir müssten mehr arbeiten, hat ihre eigene Position in der Firma sowie einen großen Anteil an dieser von ihrem Vater übernommen und selbst Germanistik studiert, wie eine kurze Recherche ergibt. Das Interview selbst ist nicht uninteressant, aber ich bin es wirklich leid, mir von Leuten, die sich nie in ihrem Leben Sorgen um eine Karriere machen mussten, weil ein auskömmliches Leben vorgezeichnet war, etwas über Arbeit erzählen zu lassen. Gerade von der SZ erwarte ich da zumindest eine kritische Einordnung.
Alexander Stahl, Hamburg
Irreführende Teilzeit
Eine wichtige Anmerkung zu dem Großartikel im Wirtschaftsteil, in dem wieder das leidige Argument kommt, die Deutschen arbeiteten zu wenig: Es wird nicht die in Deutschland insgesamt erbrachte Gesamtarbeit betrachtet, die nach anderweitigen Expertenaussagen sich auf dem Höchststand nach dem Zweiten Weltkrieg befindet. Die viele Teilzeitarbeit von vornehmlich hochqualifizierten, sehr leistungsstarken Frauen, die aber auch die Multifunktion mit Familienarbeit maßgeblich stemmen (Kinderbetreuung und Für-Kinder-da-Sein sowie Pflege der Elterngeneration und Für-diese-da-Sein) und damit wie viele Männer in einem nie da gewesenen Ausmaß eine riesige, nicht eingepreiste Gesamtleistung erbringen, wird nicht angemessen betrachtet und wertgeschätzt. Wenn im traditionellen Modell der Mann Alleinverdiener ist, verrichten mathematisch gesehen im Durchschnitt er und seine Frau ja nur zu je 50 Prozent Erwerbsarbeit.
Ute Rodloff, Düsseldorf
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