Antisemitismus:Lehren aus einer Ketten-Reaktion

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Bei aller Unklarheit des Leipziger Vorfalls um Gil Ofarim: Er offenbart einige traurige deutsche Realitäten und gemahnt zu mehr Zivilcourage.

Zu "Gil Ofarim" vom 19. Oktober und zu "Grand Hotel Abgrund" vom 7. Oktober:

Traurige Realitäten

Vor zwei Wochen gab es den großen Aufreger, dass jemand, weil er einen Davidsstern offen trug, diskriminiert worden sei, basierend auf der Aussage des Betroffenen. Aufgrund unserer Geschichte müssen wir natürlich sehr sensibel sein hinsichtlich des immer noch vorhandenen Antisemitismus und müssen schon bei verbalen Attacken reagieren. Nach zwei Wochen, nachdem es offensichtlich Probleme gibt, Zeugen zu finden, die den Anlass des behaupteten Angriffs, die Kette, gesehen haben, erläutert der Künstler, dass es gar nicht um die Kette ginge, sondern um etwas "viel Größeres". Mit dieser Aussage nährt er die Zweifel an seinen früheren Angaben und tut sich und insbesondere seinen jüdischen Mitbürgern keinen Gefallen. Für die Ewig- und Neugestrigen ist das ein gefundenes Fressen. Solchen Leuten ist es egal, was bei den Ermittlungen des Staatsanwalts herauskommt. Für sie ist ohnehin klar, wer "schuld" ist. Und das wird nicht besser, solange Herr Ofarim sich so verschwurbelt ausdrückt. Beim Antisemitismus geht es selbstverständlich um viel Größeres als um eine Halskette. Die Sache kann damit enden, dass es genug Beweise für die antisemitische Äußerung gibt, die aber bisher offensichtlich nicht gefunden wurden. Dann dürften die beiden Angestellten neben der Strafe in keinem renommierten Hotel mehr eine Anstellung finden. Oder im anderen Extrem wird Herr Ofarim wegen Verleumdung bestraft. Er muss jetzt Klartext sprechen, sonst schadet er "dem Größeren" mehr, als er ihm nützt.

Thomas Spiewok, Hanau

Bitte mehr Zivilcourage

Natürlich ist der antisemitische Vorgang in einem Leipziger Hotel noch nicht endgültig geklärt, aber die Tatsache, dass er realistisch erscheint im Deutschland des Jahres 2021 zeigt schon, dass heute wieder Jüdinnen und Juden zum einen erfahren, dass sie und ihre Religion nicht respektiert werden, und zum anderen, dass jüdische Menschen in der Bundesrepublik auch Angst um ihre körperliche Unversehrtheit haben müssen. Übergriffe gegen Jüdinnen und Juden gehören inzwischen wieder zu den tagtäglich vorkommenden Ereignissen. Und diejenigen, die Zivilcourage zeigen und sich antisemitischen Reden und Taten entgegenstellen, sind leider rar gesät. Angesichts der häufigen antisemitischen Übergriffe hierzulande und auch in anderen sogenannten zivilisierten Staaten müssten eigentlich ein Aufschrei des Entsetzens und demokratische Mobilisierung durch unsere Gesellschaft erfolgen.

Manfred Kirsch, Neuwied

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