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Antisemitismus:Gespenster der Vergangenheit

Ein 300 Seiten starker Bericht einer Expertenkommission schilderte jüngst den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Wie ist dieser zu erklären? Ein Leser macht auch den Islam dafür verantwortlich.

Juden müssen weltweit ständig mit Angriffen rechnen: Polizist vor einer Synagoge in Paris.

(Foto: Reuters)

"Ein Gefühl der Gefahr" und "Hilflos gegen das Vorurteil" vom 25. April:

Die Vorurteile im Islam bestehen

Es bedurfte nicht eines 300-Seiten umfassenden Berichts des unabhängigen Expertenkreises, um zu erfahren, dass der Antisemitismus wieder zunimmt - nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, wo zahlreiche Bürger jüdischen Glaubens ihr Land verlassen und nach Israel emigrieren. Gut ist es dennoch, dass angesichts der finsteren deutschen Geschichte nach den Ursachen gefragt wird. Merkwürdig ist es, dass solche Berichte folgenlos bleiben, zu leeren Ritualen verkommen, wie der Grünen-Abgeordnete Volker Beck befürchtet.

Die von Matthias Drobinski in "Hilflos gegen das Vorurteil" konstruierte Wirkungskette folgt einem gängigem Verdrängungsmuster. Schuld sind zunächst die ganz normalen Bundesbürger ohne Migrationshintergrund. Aufgrund der deutschen Vergangenheit und weil Antisemitismus sich trotz Aufarbeitungsbemühungen immer neu vererbt habe und in der israelischen Politik nun neue Scheinbegründungen finde. Die "alten Rechten" sind zwar inzwischen alle tot, die NSU-Verbrechen aber zeigen, dass die "neue Rechte" versucht, braunes Gedankengut in gefährlicher Weise neu zu beleben. Letzteres trifft leider zu und ist belegt.

Die Judenfeindlichkeit unter Muslimen nun, erklärt Drobinski, sei zwar ein ernstes Problem, das nicht geleugnet werden kann. Wenn aber in der deutschen Gesellschaft der Antisemitismus sozusagen zu Hause ist - kann man sich da wundern, dass hier lebende und hierher geflüchtete Muslime, deutsche Sprachkenntnisse hin oder her, Opfer einer Verführung werden?

Wer so argumentiert, ist nicht offen für eine vorurteilsfreie Beleuchtung von Ursachen antisemitischer Einstellungen. Wer Gründe nicht zu benennen vermag, aus Angst, die "neue Rechte" könnte sich derer bedienen, scheut nicht nur den aufgeklärten Diskurs, sondern lässt Vorurteile und damit die Hilflosigkeit im Gegensteuern bestehen. Will man bei Muslimen Antisemitismus verhindern oder abbauen, muss man sich mit dem Koran und dessen Sprache auseinandersetzen. Im SZ-Artikel "Das Erbe von Medina" vom 5. /6. Dezember 2015 lokalisierte der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi die historischen Wurzeln der islamischen Gewalt in der Entstehungsgeschichte des Islam. Hier also müssten in Zusammenarbeit mit aufgeklärten Muslimen die Bemühungen der Integrationsbeauftragten Aydan Özoğuz ansetzen. Rechtsradikale wird man nicht umerziehen können. Eine Befreiung "des" Islam vom mittelalterlichen Erbe und seine Umwandlung in eine tolerante, friedfertige Religion müsste eigentlich möglich sein. In Europa. Man muss das nur wollen und sich von religiösen Bevormundungen und Texten befreien. Dr. Hans-Joachim Meissner, Hamburg

Sind wir zu blauäugig?

Wie in dem Kommentar "Hilflos gegen das Vorurteil" deutlich gemacht, ist ein erzwungener Besuch einer KZ-Gedenkstätte nur für unwissende oder ohnehin positiv eingestellte Menschen hilfreich, nicht aber für Menschen, die aus ideologischen oder religiösen Gründen das Judentum ablehnen. Judenhasser werden vielleicht sogar die Taten des Nazi-Regimes verherrlichen.

Aber es gibt auch eine große Gruppe von Menschen, die nicht die Juden ablehnen, sondern die israelische Regierung und das rücksichtslose Vorgehen der Siedler, die sich immer mehr palästinensische Gebiete widerrechtlich aneignen, was im Nachhinein von der Regierung abgesegnet wird. Allein das führt seit Jahrzehnten zu beidseitiger Gewalt. Das führt mich auch zu dem Thema Türken in Deutschland, die dazu beigetragen haben, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bald fast uneingeschränkte Macht besitzen wird. Ich kenne nur nette Türken, die oft schon seit vielen Jahren bei uns leben und deren Kinder oft besser deutsch bzw. bairisch sprechen als so mancher Deutsche. Nun muss ich mich fragen, ob ich zu blauäugig war und alles Fremde erst hinterfragen muss, was mir aber nicht liegt. Dr. Elisabeth Krüger, München

In den Köpfen verankert

In der frühen islamischen Welt war die Stellung der Juden als "Volk des Buches" zwar gesichert, doch sie hatten Sondersteuern zu zahlen, sich durch ihre Kleidung als Juden auszuweisen und das Tragen von Waffen (das in der stammesgeprägten arabisch-islamischen Welt viele Jahrhunderte lang unverzichtbares Zeichen der Stärke und des Stolzes war) sowie das Reiten auf Pferden zu unterlassen. Pogrome wie im christlichen Europa kamen zwar in der arabischen Welt in deutlich geringerem Umfang vor, doch von einem gleichberechtigten jüdisch-islamischen Verhältnis war nur in seltenen Ausnahmefällen die Rede. Wenn dieses Gedankengut derart fest in den Köpfen der arabischen Muslime verankert ist und weiter verankert bleiben wird, dann sind Besuche im Konzentrationslager wenig geeignet, dieses Gedankengut verschwinden zu lassen. Peter Mühlberger, München

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