Antisemitismus Die Flammenschrift steht wieder an der Wand

Die wachsende Kriminalität gegen Juden schockiert und ängstigt die Leserinnen und Leser.

Ein Mann mit Kippa bei einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in Dresden.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Zu "Lasst uns reden" vom 29./30. Mai, "Angriff auf die Identität" vom 27. Mai, "'Judensau'-Relief darf bleiben" sowie "Und sie schämen sich nicht" vom 25./26. Mai:

Schreckliche Vorboten

Am 10. März 2019 forderte der Bundespräsident zum Auftakt der Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit" in Nürnberg (Motto: "Mensch, wo bist Du? Gemeinsam gegen Judenfeindlichkeit") angesichts des erstarkenden Antisemitismus in Deutschland mehr staatliches Handeln und Zivilcourage. Jüngst warnte sogar der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Juden vor dem Tragen der Kippa. Felix Klein begründet diesen Appell mit der "zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung" und beklagt dabei einen fatalen Nährboden für Antisemitismus. Etwa 90 Prozent der Straftaten seien dem rechtsradikalen Umfeld zuzurechnen, bei muslimischen Tätern seien es zumeist Menschen, die schon länger in Deutschland leben, denen aber arabische Sender ein schlimmes Bild von Israel und Juden vermitteln.

Hier bahnt sich eine Entwicklung an, die die Deutschen bereits vor 100 Jahren erlebten: Als der Reichsminister des Auswärtigen, Dr. Walther Rathenau, am 24. Juni 1922 im Grunewald auf der Fahrt ins Amt durch Pistolenschüsse und eine Handgranate ermordet wurde, hatten die Attentäter den Kehrreim eines von den Mannschaften des "Oberschlesischen Selbstschutzes" gesungenen Liedes befolgt, wie Harry Graf Kessler berichtet: "Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau." Rathenaus langjähriger Freund, Maximilian Harden, deutsch-jüdischer Publizist und "Augstein" des Kaiserreichs sowie der Weimarer Republik, überlebte eine Woche später nur knapp in Tötungsabsicht heimtückisch ausgeführte Niederschläge. Heute steht noch einmal die "Flammenschrift an der Wand" (Heinrich Heine in der Ballade Belsazar), zumal beide Schicksale nur Vorboten der schrecklichsten Epoche deutscher Geschichte waren.

Dr. Manfred Neumann, Bad Nenndorf

Ein gutes Angebot

In der Tat ist der Vorschlag, der für einen jüdisch-muslimischen Dialog plädiert, eine nicht abzulehnende Offerte. Die Frage sei erlaubt: Könnten vernünftige Vertreter beider Religionen überhaupt etwas, das sich für einen gemeinsamen und guten Weg anbietet, einfach so ignorieren? Wohl kaum, gerade weil man sich hier als Minderheit gegen eine menschenverachtende Partei wie die rechtspopulistische AfD behaupten und der deutschen Allgemeinheit zudem ein positives Bild vermitteln muss. Alles andere wäre sicherlich große Dummheit.

Ich persönlich bedauere die Übergriffe muslimischer Jugendlicher auf Juden hier in Deutschland und verurteile natürlich wie sehr viele andere gemäßigte Muslime dies bis auf das Schärfste. Aber hauptsächlich kommen derartige unberechtigte und scheußliche Aggressionen meiner Meinung nach von nationalistisch sowie streng religiös veranlagten jungen Menschen, die sich im eigentlichen Sinn gegen die rigide Politik der israelischen Regierung richten. Die jüdischen Bürger hierzulande sollten in etwa für das bezahlen, was die arabischen Mitbrüder und -schwestern im Gazastreifen erleiden müssen. Das spricht eindeutig für "Rache" als Motiv. Es hat folglich weniger mit Antisemitismus als mit der durchaus kritikwürdigen Israelpolitik zu tun.

Trotzdem muss man hier klare Kante zeigen und Tätern und anderen Gleichgesinnten signalisieren: Seht her, wir können gut miteinander. Außerdem tolerieren wir in einem demokratischen Rechtsstaat derlei Denken und Handeln keinesfalls!

Ayhan Matkap, Donauwörth

Wo bleibt die Scham?

"Die Würde des Menschen ist unantastbar." Beschämungen und Beleidigungen sind zweifelsfrei eine erhebliche Verletzung der Würde. Das Schmäh-Relief sollte einen anderen Ort bekommen und zukünftig nur für Geschichtsvermittlung und "gelebte Erinnerungskultur" eingesetzt werden. Wie ist der Zustand der Kirche, die zulässt, dass ein sakrales Bauwerk auf diese Weise entweiht wird? Welche Glaubensbotschaft geht von ihr aus? Das entfernte Schmäh-Relief sollte durch ein Kunstwerk an gleicher Stelle ersetzt werden, welches den jahrhundertealten Antijudaismus thematisiert und ihn in eine Friedens- und Versöhnungsperspektive umwandelt. Im KZ Bergen-Belsen starb Anne Frank nur wenige Monate vor dem Ende des Krieges. Hätte sie überlebt, wäre sie vielleicht noch unter uns. Würden wir sie zufällig in Wittenberg treffen, was wären ihre Gedanken beim Anblick des Schmäh-Reliefs? Was sagt es über uns, wenn ein Gefühl der Scham nicht vorhanden sein sollte? Vielleicht wäre ihr Gedanke: "Sie haben es nicht begriffen."

Lüder Stipulkowski, Dörverden

Es ist eine Kapitulation

Im Angesicht der viel zu hohen und bedrohlichen Wahlergebnisse der Rechten bei der EU-Wahl fallen die Äußerungen des Antisemitismus-Beauftragten Felix Klein, er könne Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen, besonders Angst auslösend ins Gewicht - kommt sie doch tatsächlich einer Kapitulation vor dem Rechtsradikalismus gleich, dem etwa 90 Prozent der antisemitischen Straftaten zugeordnet werden.

Die Bestürzung des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin ist daher nur zu verständlich. Die Aussage Kleins steht einem in einer Demokratie selbstverständlichen Minderheitenschutz und der Religionsfreiheit entgegen. Es ist unerträglich, wenn Juden nach der Schoah in Deutschland wieder Angst davor haben müssen, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Sechs Millionen ermordete Juden und die Überlebenden werden erneut gedemütigt. Der Staat mit seinem Gewaltmonopol hat die Pflicht, die ungestörte Religionsausübung, wozu auch das Tragen der jüdischen Kopfbedeckung gehört, zu garantieren, zu schützen.

Antisemitismus, der sich ja wieder in die Mitte der Gesellschaft und mit der AfD sogar in den Bundestag hochgearbeitet hat, ist in der Bundesrepublik wieder bedrohlicher denn je. Es sei nur an Überfälle auf jüdische Einrichtungen, auch auf das jüdische Restaurant in Chemnitz erinnert.

Politik und die Exekutive müssen ein Gefühl dafür entwickeln, wie wichtig der Schutz von Juden in Deutschland ist. Wenn die Staatsgewalt hierzulande nicht in der Lage ist, das freie Kippatragen zu garantieren, dann muss man sich angewidert abwenden.

Manfred Kirsch, Neuwied

Da sind sie wieder

Die jüngste Warnung das Tragen der Kippa betreffend macht Angst. Glaubte man doch, das sei alles Geschichte. Wo sind wir eigentlich? Ist es wieder so weit, dass ein Jude sich nicht mehr als Jude darstellen kann? Und jetzt die Gerichtsentscheidung in Dessau. Was geht im Kopf eines solchen Richters, der dieses Urteil gefällt hat, eigentlich vor sich? Erinnert sich noch jemand an die Rolle der Justiz im 1000-jährigen Reich? Wehret den Anfängen!

Marcus Schlüter, Weil im Schönbuch