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Antisemitismus:Aufklären und bekämpfen

Eine Studie über Juden-Feindlichkeit in Deutschland hat einige SZ-Leser aufgeschreckt. Es reiche nicht, sich zu empören, man müssen dem mit offenem Protest entgegentreten. Ein Leser schlägt vor, auf Demonstrationen gegen Rechts Kippa zu tragen.

Kippa

Kippa tragen: Als Zeichen der Solidarität und gegen Antisemitismus bedecken auch Demonstranten ihren Kopf.

(Foto: dpa)

Zu "Nach Halle" vom 8. November, "Jeder Vierte Deutsche denkt antisemitisch" vom 24. Oktober und zu "Packen wir die Koffer?" vom 12./13. Oktober:

Angriffe auf jeden von uns

Montesquieu hat in einer Überlegung zur philosophischen und politischen Freiheit sinngemäß gesagt, politische Freiheit bedeute zuerst "Sicherheit". Die Regierung habe dafür zu sorgen, dass sich ein Bürger nicht vor dem anderen fürchten müsse. Dies ist die Grundlage aller anderen politischen Freiheiten (Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Wahlfreiheit etc.).

Wir erleben Demonstrationen, auf denen Galgen für Politiker mitgeführt und in Kleinformat verkauft werden, wir erleben das Erstarken einer rechtsradikalen Partei, die unseren Staat abschaffen will, wir erleben Hetze und Hass in aller Öffentlichkeit, in "sozialen Netzwerken" und Universitäten, wir erleben Mordanschläge auf Herrn Lübcke und in Halle. Es sind Angriffe auf jeden von uns, denen mit aller Konsequenz zu begegnen ist. Unsere Freiheit ist in Gefahr.

Dr. Thomas Lukowski, München

Strategie gegen Diskriminierung

Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses sind erschreckend. Wir Nichtjuden dürfen es nicht bei einer rhetorischen Empörung oder Demonstrationen belassen. Um wirksam gegen Antisemitismus vorzugehen, müssen zwei Strategien eingeschlagen werden - eine für diejenigen, die durch Gespräche, Seminare oder Versammlungen von Bürgern mit gleichen Interessen erreichbar sind, und die zweite gegen diejenigen, die einem dumpfen, dummen und gewaltbereiten Hass erlegen sind. Bei der letzteren Gruppe hilft nur die sofortige, rigorose Anwendung aller Mittel unseres Rechtsstaates. Wahrscheinlich ist es nötig, die Organe der Rechtspflege ständig auf die unmittelbare Gefahr für die innere Sicherheit hinzuweisen und gegen eine missverstandene geringe Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zur Tat zu argumentieren.

Für die andere Gruppe der Bürger ist eine subtilere Strategie angezeigt. Um hierzu sinnvolle Gedanken zu entwickeln, genügt die bisher bekannte Unterscheidung zwischen "Eliten" und dem Rest der Bürger nicht aus. Wir müssen wissen, wie die Altersstruktur der Befragten ist, wo und wann sie zur Schule gegangen sind, welche Funktion ihre Eltern vor und nach 1945 ausübten, ob sie persönlich Juden kennen oder nur von ihnen gehört haben, wie sie Juden definieren. Schon diese Fragen könnten ein verschärftes Bewusstsein der "infizierten" Befragten zu ihrem Antisemitismus hervorrufen, während die Mehrheit der nicht antisemitischen Bürger Argumente für ihre Reaktion auf antisemitische Äußerungen erhält.

Es ist noch viel zu tun, um den Antisemitismus in unserem Land zu überwinden. Eine Warnung wie die des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung an die jüdische Gemeinschaft, sich unauffällig zu verhalten, ist der falsche Weg, denn er diskriminiert die Opfer des Antisemitismus, während er die Verfolger in Ruhe lässt.

Dr. H. Detlef Lührsen, München

Kritiker geraten unter Verdacht

Ich lebe seit 43 Jahren in Deutschland und habe persönlich nie Antisemitismus erfahren. Meine Mutter, die 1935 von Deutschland nach Palästina fliehen musste und deren Eltern in Auschwitz ermordet wurden, besuchte mich Ende der 1970er Jahre. Die vielen Zeitungsartikel, Radio- und Fernsehsendungen zum Holocaust haben sie damals zu der Frage veranlasst: "Wann werden die jungen Deutschen von der Geschichte über den Holocaust genug haben?" Heute frage auch ich mich, welche Lehren aus Auschwitz gezogen wurden, wenn Juden, Muslime und Geflüchtete auf offener Straße angegriffen werden.

Als mein Mann und ich vor mehr als zehn Jahren im Auswärtigen Amt Gespräche führten, wurden wir mit dem Satz empfangen, man mache sich große Sorgen um wachsenden Antisemitismus, und zwar ausgehend von israelischer Politik. Unsere Antwort lautete: Sorgen Sie dafür, dass die Bundesregierung auch für die Rechte der Palästinenser eintritt. Mittlerweile ist es so weit gekommen, dass jede Kritik an der israelischen Politik in den Verdacht des Antisemitismus gerät. Damit wird der tatsächliche Antisemitismus verharmlost.

Das Judentum ist so vielfältig wie jede andere Religion - warum wird meist nur von den Repräsentanten der Gemeinden berichtet, nicht aber von denen, die sich von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht unterscheiden? Es gibt kein Volk, das sich in der Politik, in Medien, Bildungseinrichtungen und in der Wissenschaft so ausführlich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat wie das deutsche, und doch erleben wir, dass Antisemitismusbeauftragte als Alibi berufen werden. Die Lehre aus der Geschichte kann doch nicht sein, dass Auschwitz als Freibrief für Menschenrechtsverletzungen herhalten soll, weder in Deutschland noch in Israel.

Judith Bernstein, München

Alle sollen Kippa tragen

Angesichts des Terroraktes von Halle sind die Gefühle mehr als verständlich, die Michael Brenner in dem Artikel "Packen wir die Koffer?" ausdrückt. Doch er zieht die falschen Konsequenzen. Wenn es gefährlich erscheint, mit einer Kippa durch die Stadt zu gehen, kann die Lösung nicht sein, keine Kippa mehr zu tragen - sondern, dass alle Menschen eine tragen. Wenn unverbesserliche Antisemiten ihren Hass nicht mehr hinter vorgehaltener Hand, sondern offen ausdrücken - dann gibt uns das die Chance, darauf zu antworten und ihren Vorurteilen und Verdrehungen entgegenzutreten. Das lässt sich trainieren und im Alltag umsetzen.

"Es ist auch mein Land, und ich will nicht, dass ein viertes Reich draus wird. Es ist auch dein Land, steh auf und hilf, dass blinder Hass es nicht zerstört." So singen die Toten Hosen seit über 25 Jahren. Ich sehe das genauso. Wie der Autor bin ich Angehöriger der zweiten Generation der Opfer von NS-Verfolgung. Ich setze mich ein für eine lebendige Erinnerungskultur mit "Stolpersteinen" und Veranstaltungen an Schulen, bin Pate des Projekts "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Dabei erlebe ich großes Interesse und viel Solidarität. Die Zivilgesellschaft ist nach meiner Erfahrung wach und bereit, füreinander einzustehen. Nie wieder dürfen Juden aus Deutschland vertrieben werden!

Dr. Thomas Nowotny, Stephanskirchen