Anthroposophie Warum so tendenziös?

Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie, in die Esoterik-Ecke stecken, wie es jüngst auf der Seite Drei geschah? Das geht nach Meinung seiner Anhänger, aber auch anderer Leserinnen und Leser gar nicht.

Seine Schriften sind vielen Anregung und Lebensinhalt: Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie.

(Foto: picture-alliance / obs)

"Heil" vom 27./28. Oktober:

Nun also die Esoterik-Ecke

Es ist in gewisser Weise einfach traurig, wie tendenziös ein meinungsbildendes Blatt wie die Süddeutsche sich immer nur dem Thema Rudolf Steiner nähert. Mal wird er in einem langen Artikel in die braune Ecke geschoben, diesmal gehört er zu den Esoterikern, die die Welt fliehen. Es mag daran liegen, dass es wirklich und wahrhaftig schwer zu fassen ist, dass ein Mensch in so vielen unterschiedlichen Bereichen nachhaltig fruchtbare Anregungen geben konnte wie Landwirtschaft, Pädagogik, Medizin, Religion, um nur einige Beispiele zu nennen. Leider sind seine Impulse der sozialen Dreigliederung am wenigsten verstanden und aufgegriffen worden. Darüber mit unbefangenem Blick zu schreiben, könnte angesichts der heutigen Weltlage ein lohnendes Thema sein.

Gabriele von Moers, München

Kompetente Menschen fragen

Natürlich gibt es heute viele vom Schicksal geprügelte Menschen, die in Rudolf Steiners Anthroposophie Trost suchen und finden, darunter auch einige aus dem Drogenmilieu. Außerdem gibt es bekennende Anthroposophen, die neben ihrem großen Lehrer auch Wunderheiler und andere obskure Gestalten reizvoll finden. Vor allem aber gibt es seriöse, kompetente und bemerkenswert nüchterne Schüler Rudolf Steiners, an denen Ihr Autor achtlos vorbeigeht: Demeter-Bauern, akademisch gebildete Ärzte und Lehrer, Bankfachleute, erfolgreiche Unternehmer, alles Leute, die nicht für ihr eigenes Wohlergehen arbeiten, sondern für das Wohl anderer. Diese aufrichtigen und tüchtigen Menschen haben Sie mit Ihrem Artikel verleumdet und beleidigt.

Vielleicht sollte Ihr Autor mal nicht nur einen Kafka-Philologen befragen, sondern Anthroposophen, die sich auskennen, den langjährigen Leiter des Ausländeramts der Stadt München zum Beispiel, der ein Buch über "Anthroposophie als Aufklärung" geschrieben hat (Günter Röschert), den leitenden Redakteur des Bankspiegels der GLS Gemeinschaftsbank (Falk Zientz, GLS Gemeinschaftsbank Bochum), die Redakteure der Szene-Zeitschrift Info3 in Frankfurt a. M. oder Fachleute der Universität Witten-Herdecke (wie zum Beispiel Prof. Peter Heusser und sein Stab).

Johannes Kiersch, Bochum

Empirie vor Spiritualität

Bei der Rezipierung des Werkes Rudolf Steiners und der Anthroposophie wird häufig sein erkenntniswissenschaftliches Frühwerk übersehen, das erst die notwendige Grundlage für alle späteren spirituellen Entwürfe darstellt. In der Auseinandersetzung mit der Philosophie und Erkenntnistheorie des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelte Steiner einen erweiterten Begriff innerer Empirie in ähnlicher Weise wie später die phänomenologische Philosophie von Edmund Husserl, Max Scheler und anderen. Anthroposophie ist dann keine Flucht in "Emotionen," "in die Sprache von Horoskop-Dichtern" oder "magisches Denken", wie das der Kafka-Forscher Reiner Stach und der Autor Peter Richter meinen, sondern geisteswissenschaftliche Arbeit, die auf exakter innerer Empirie und philosophisch geschultem Denken beruht und in den lebenspraktischen Feldern von Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft unter anderem ihre Verifizierung findet bis hin zu wissenschaftlichen Studien.

Dr. Wolfgang Rißmann, Ahrensburg

Von wegen Ruhe weg

Der Autor pöbelt gegen Fantasien, die er sich von Rudolf Steiners Anthroposophie gemacht hat. Steiner versuchte zum Beispiel 1919 im damaligen Chaos Deutschlands eine politische Bewegung auf die Beine zu stellen, für die er in Fabriken, Stadthallen und Bierlokalen Reden hielt, um mit der "Sozialen Dreigliederung" einer tragfähigen Demokratie auf die Beine zu helfen. Soviel zu dem Mann, der nach Peter Richter angeblich "in der Schweiz die Ruhe weg hatte".

Dr. Armin Husemann, Ostfildern

Der Versuch, uns zu ändern

Zwei Autoren, der eine Kafka-Biograf, der andere irgendwas mit Kultur, treffen sich in Berlin im Restaurant. "Heil" heißt der prominent platzierte Seite-Drei-Artikel, der dabei rauskommt. Und niemand muss nachdenken, um den billigen Seitenhieb einzuordnen. Es wird ein Bogen gespannt vom Ersten Weltkrieg bis heute und dabei herablassend beklagt, dass es eine Bemühung um eine andere Weltanschauung gibt als die vorherrschende. Inhaltlich kommt substanziell nichts, weder zu Kafka noch zum Thema des Zugangs zur Welt. Beide kochen ihr Süppchen in ihrer Echokammer, ein paar Meinungen und Urteile kommen in den Topf, wild zusammengeworfene Vergleiche, ein paar abwegige Spinnereien, das alles dann mehrmals gerührt, fertig ist das Scherbengericht.

Dass mit der genannten Fragestellung im selben Zeitraum sämtliche ernsthafte Philosophen ebenfalls befasst sind, Husserl, Wittgenstein, Cassirer, Walter Benjamin, später Emmanuel Levinas, Jaques Derrida, ist offenbar der Rede nicht wert. Dass in derselben Zeit Erich Ludendorff Hunderttausende sinnlos in den Tod getrieben hat - und er dann auch noch mit dem Freikorps Oberland Adolf Hitler militärisch in den Sattel geholfen hat, das ist offenbar nicht der Rede wert. Aus meiner Sicht erzeugt solch seichte Schreibe - nicht zuletzt auch für den Leumund eines redlichen Journalismus - nichts anderes als spaltendes Un-Heil. Es lenkt ab von der berechtigten Skepsis gegenüber dem fälschlich als unausweichliche Naturgesetzlichkeit dargestellten Dogmatismus, es lenkt ab von dem nötigen Versuch, uns zu ändern.

Kai Hansen, Nürtingen

Wirksame Anstöße

Ich bin sehr entrüstet über diesen Artikel auf Seite Drei! Der Verfasser macht eine ganze Seite lang komplett alles lächerlich, was über reine Empirie hinausgeht - und damit auch sehr viel, woran moderne Wissenschaft forscht und "glaubt". Ich bin kein Rudolf-Steiner-Fan, aber ich sehe, wie viele langfristig wirksame Anstöße bis in unser heutiges Schul-, Banken-, Agrar- und Medizin-System dieser Mann gegeben hat - neben manchem, wo ich die Stirne runzele. Peter Richter macht nur von einer vermeintlich hohen Warte aus lächerlich, was ihm unter die Feder kommt: Esoterik, Feminismus, Landkommune, freie Liebe, Naturheiler, Impfgegner, Aura, Subjektivität, Rituale, Chakren ... ohne Ende. Woran glaubt Peter Richter? Ich empfehle, ihn bei einem nächtlichen Nackttanzritual mit Yoga und Mantragesang ins Wirtschaftsressort abzuschieben.

Georg Gerwing, Bielefeld

Voller Vorurteile

Der Text ist voller Unterstellungen und Vorurteile. Schon in der Überschrift wird unterstellt, bei Esoterik handle es sich um eine Art Flucht. Alle Esoteriker werden in einen Topf geworfen, und mit Ausnahme Steiners wird unterstellt, dass Lehren verkündet werden, an welche die Verfasser selbst nicht glauben. Stach las Steiner, um zu verstehen, "wie das funktioniert". Er interpretiert, es funktioniere über Emotion und magisches Denken - ausgerechnet Steiner, bei dem das klare logische Denken, die Reinheit der Begriffe so wichtig sind. Weiterhin das Vorurteil, die Fans von Steiner wollten gar nicht verstehen, sie wollten nur von bestimmten übersinnlichen Zusammenhängen hören ... So geht es munter fort. Sehr peinlich finde ich diese Ansammlung von Vorurteilen und Unterstellungen für eine Tageszeitung mit dem intellektuellen Anspruch der Süddeutschen. Woher diese Sicherheit nehmen, so zu urteilen, so zu werten, vor allem aber: wozu? Eigentlich dachte ich, wir hätten die Zeiten längst überwunden, dass in dieser Art über ganze Gebiete gesellschaftlichen Lebens hinweggefegt werden kann. Ich empfehle dringend eine neutrale, offene Darstellung, die neugierig macht.

Miriam Wulffen, Reutlingen

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