Afghanistan:Gescheiterte Mission

Das Trauma wiegt schwer: Der Westen werde nun für seine Naivität und Arroganz bestraft, urteilen Leser. Europa habe das erpresserische Potenzial der Taliban unterschätzt. Was ist jetzt noch zu erreichen? Mehr Realismus und eine gemeinsame Linie.

Fares Garabet

SZ-Zeichnung: Fares Garabet

Zu "Taliban-Regierung entsetzt EU und USA" vom 9. September, "Taliban wollen Geld" und "Geld ja, Anerkennung nein", beide vom 6. September sowie zu "Nicht vorbei" vom 28./29. August und "Weiter, aber nicht so" vom 26. August:

Nicht erpressen lassen

Nach dem überstürzten Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan ist das Land in die Hand der Taliban gefallen, die bislang nur beweisen mussten, dass sie eine Kalaschnikow beherrschen können. Nun sollen sie ein Land regieren, den Hauptstadtflughafen wieder in Betrieb nehmen, die Versorgungslage der Bevölkerung sicherstellen und das Währungssystem stabilisieren.

Und schon in den ersten Tagen zeigt sich, dass diese Gotteskrieger nur etwas vom Koran, der Scharia und Kriegsführung verstehen. Keck fordern sie politische Anerkennung (diplomatische Beziehungen) und finanzielle Hilfen. Und sie zeigen ihr erpresserisches Talent, indem sie Unterstützung verlangen als Gegenleistung für die Bewilligung von Ausreisen der noch verbliebenen Ortskräfte. Politische Anerkennung darf man der Taliban-Diktatur keinesfalls gewähren und Hilfen aller Art erst dann, wenn die Machthaber konkrete Gegenleistungen erbracht haben. Zu einer Fluchtbewegung aus dem Land wird es ohnehin kommen.

Stefan Kaisers, Gießen

Arroganz wurde bestraft

Haben EU und USA tatsächlich geglaubt, die Taliban hätten sich ideologisch entradikalisiert? 20 Jahre lang hat der Westen mit Scheuklappen an demokratischen Luftschlössern gebaut, es wurden Milliarden in korrupte Regierungen gesteckt, Straßen und Brücken saniert, Armee und Polizei ausgerüstet und geschult. Alles in dem frommen Glauben, in Afghanistan könnte funktionieren, was im Irak, in Vietnam und überall da gescheitert ist, wo der Westen geglaubt hat, die beste aller Staatsformen, nämlich seine, installieren zu können. Das Scheitern des Westens im Nahen und Mittleren Osten ist komplett und mehr als peinlich.

Es ist schon frappierend, mit welch Naivität und sträflicher Arroganz westliche Staatsmänner von George W. Bush bis Angela Merkel dem Irrglauben erlegen sind, jahrhundertelange Despotien und Gottesstaaten von jetzt auf gleich durch Demokratien ersetzen zu können. Der nun vollzogene Strategiewechsel, der darauf hinausläuft, dass der Westen künftig nicht mehr versucht, Staaten sein System aufzuzwingen, kommt reichlich spät.

Grundsätzlich beschleicht einen als Normalbürger das Gefühl, dass "die da oben" im Wesentlichen herummurksen und wenig bis nichts zuwege bringen. Das erklärt auch, dass die Demokratie mehr und mehr an Zustimmung verliert und radikale Randgruppen an Einfluss gewinnen. Wenn dann Chefdiplomat Heiko Maas und Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer den Abzug von Personal und Helfern aus Afghanistan in den Sand setzen, ist das nur der unrühmliche Schlusspunkt einer zu hundert Prozent gescheiterten Mission in Afghanistan.

Josef Geier, Eging am See

Die andere Schuldfrage

In Carolin Emckes Kolumne "Es ist nicht vorbei" steckt unzweifelhaft viel Wahres. Allein mit ihrer Quintessenz: "Wir wissen, dass wir als Gemeinschaft Schuld auf uns geladen haben", bin ich nicht einverstanden. Warum sind wir als Gemeinschaft schuld, wenn sich IS-Attentäter dazu entschließen, am Flughafen von Kabul wahllos in eine von Panik erfasste, vor explodierenden Bomben fliehende Menge zu schießen? Wieso sind wir daran schuld, wenn in pakistanischen Islamschulen Hass auf die ganze Welt gelehrt wird? Warum sind wir daran schuld, wenn die Taliban Frauen zu Menschen zweiter, ja dritter Klasse machen und wenn ein korrupter afghanischer Staat lieber seine eigenen Töchter opfert, als sich mit vereinten Kräften gegen die Taliban zu stemmen?

Sicher - im ganz großen Maßstab betrachtet, sind wir und unser westlicher, den Rest der Welt ausbeutender Wohlstand schuld an ganz vielen Dingen, die auf diesem Globus grundlegend falsch laufen. Aber hier und jetzt, in Afghanistan, ist die Schuld primär bei fundamentalen Islamisten und deren Förderern, bei selbstsüchtigen regionalen Warlords, sowie einem durch und durch korrupten Staatsapparat zu suchen. Und erst danach bei uns im Westen.

Dr. Maximilian Tiller, München

Kein Licht am Horizont?

Die Gedanken von Frau Emcke zu dieser entsetzlichen Vietnam-Wiederholung in Afghanistan sind für mich etwas Besonderes. Ich darf, ich muss hier erkennen: Es kommt nicht auf die vielen anderen an. Nein, es kommt auf uns, letztlich auf mich selbst an. In dem fürchterlichen Afghanistan-Gemenge gibt es keine stabilisierende Koordinatenachse mehr.

Ich sehe dafür zwei fatale Fundamente für unseren Kriegsanteil. Beim Einstieg: die Unterwürfigkeit zu den USA. Beim Ausstieg: der Blick auf die Bundestagswahl. Ich nenne nur den fatalen Slogan: "2015 darf sich nicht wiederholen!" Das Wahlkreuz als Goldenes Kalb? Wirklich traurig. Oft tröste ich mich: Das Schlechte hat oft auch sein Gutes. Aber hier? Ich sehe das Ende der USA-Schutzmacht. Ich sehe die Herausforderung zum Selbstschutz. Ich sehe die Hindernisse zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen in Europa. Ich sehe die nicht-europäischen Bemühungen zur Stärkung der Zwietracht in Europa. Ich sehe die Lähmung im Bundestag infolge der aktuell bedürftigen Parteienkultur.

Kein Licht am Horizont! Oder doch? Ich jedenfalls hoffe auf die Besinnung für die anstehende Wahl: Nicht nur in Europa, sondern auch im Bundestag sind endlich die Einzelinteressen dem notwendigen Aufeinander-Zugehen und dem notwendigen Zuhören unbedingt unterzuordnen. Die Zeit der Selbstherrlichkeit bei den Möchtegern-Großen und bei den sogenannten Volksparteien ist vorbei.

Stephan Hansen, Ergolding-Piflas

Westen verliert Vorbildfunktion

Präsident George W. Bushs "War on Terror" war ein nicht zu Ende überlegter Rachefeldzug gegen die Glaubenskrieger von 9/11. Der begreifliche Reflex einer unerfahrenen, aber bibeltreuen Nation, die (außer einmal in Pearl Harbour, weit weg im Pazifik) noch nie kriegerische Zerstörung im eigenen Land erlebt hatte. Und dieses Vergeltungsverlangen war nicht nur allzu menschlich, sondern auch schon der Grundfehler: Das biblische "Auge um Auge" war nichts anderes als der Gebrauch derselben inhumanen Mittel der Gegenseite, eine blöde Anwendung des Naturgesetzes "Actio est reactio". So verlor die westliche Kultur ihre Vorbildfunktion: Sie zeigte sich nicht als fortentwickelte, vernunftgesteuerte Hochkultur, sondern nur als die zwar höher gerüstete, aber dennoch gleichartige Gegenseite in einem erbarmungslosen Schlagabtausch.

Obwohl die militärisch überlegene Seite diesen Waffengang erwartungsgemäß zunächst gewann, konnte sie (anders als 1945 in Europa) das moralische Vertrauen der Besiegten nicht mehr gewinnen, weil sie ihre eigenen Errungenschaften der Humanität aufgegeben hatte: die strikte und unverhandelbare Befolgung nicht vorgeblich göttlicher Gesetze, sondern der Menschenrechte. Diese waren notabene im Westen verkündet worden und sind nun zur wertlosen Phrase verkommen. Nicht nur der Aufbau eines vernunftgesteuerten afghanischen Sozialwesens ohne korrupte Egoismen und religiösen Fundamentalismus wird nun sehr lange dauern, sondern auch die neue Kultivierung eines gerade zertretenen Pflänzchens: des Vertrauens in den Westen.

Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart

Welche Werte?

Endlich sagt es mal einer wie Christoph Heusgen: Wir haben nicht "unsere westlichen Werte" am Hindukusch verteidigt, sondern die universellen Menschenrechte. Diese sind allen Uno-Mitgliedstaaten gemeinsam. Politiker oder Journalisten, die "unsere westlichen Werte" beschwören, schwächen die Bemühungen der Vereinten Nationen, den Menschenrechten in allen Mitgliedstaaten Geltung zu verschaffen.

Nicht nur in Afghanistan werden Aktionen von EU und Nato sowie große Teile der sogenannte Entwicklungshilfe durch eine zerstörerische Mischung aus Arroganz und Ignoranz gelähmt.

Dr. Traugott Schöfthaler, Herrsching

Realismus statt Wunschdenken

Dem Gastkommentar von Herrn Heusgen ("Weiter, aber nicht so") sei angemerkt, dass er meiner Einschätzung nach entweder etwas arg flach geraten ist oder die wahre Intention nicht so klar herauskommt. Wir, Deutschland, müssen uns also in der Welt (militärisch) engagieren, "denn wer sollte es sonst tun?" Deutschland übernimmt nun die Rettung der Welt? Wir, mit unseren Kapazitäten? Und dazu "müssen wir möglichst die USA an Bord halten"! Wie schade, dass Frau Merkel das nicht früher wusste. Die erforderlichen Abstimmungen mit den internationalen Institutionen: ob das nicht unseren Professionals in Politik und Diplomatie bekannt sein sollte? Und wenn es nicht klappt, wenn die (lokale) Regierung keine Verantwortung übernimmt, wenn Korruption grassiert, etc.? Wann müssten die Alarmglocken klingen?

Ja, welch ein Pech , dass das erst jetzt bekannt wird, unsere Regierung hätte davon sicher profitieren können. Wie nützlich zu hören, dass es richtig bleibt, alle unsere Instrumente des Krisenmanagements einzusetzen. Nur, bittschön, was bedeutet das konkret? Oder missversteht der Leser den Kommentar dahingehend, dass es sich gar nicht um Ideen für ein besseres Krisenmanagement handelt, sondern um die subtil vorgetragene Kritik an der Trägheit und dem Dilettantismus im deutschen Apparat?

Ehrlich zumindest ist die Benennung der Ziele solcher Einsätze: wirtschaftliche Interessen und Verhinderung von Flüchtlingsströmen. Und edel die Ziele der Verteidigung der Menschenrechte und der Bewahrung der internationalen Ordnung. Nur gehörte zu ehrlicher Analyse meines Erachtens dazu, offen zu sagen, dass wir das überhaupt nicht schaffen, so wie wir politisch, diplomatisch und militärisch aufgestellt sind. Dazu bräuchte es vieles Profunderes, dessen Aufzählung einen Leserbrief sprengen würde. Und insgesamt: deutlich mehr Realismus, was erreichbar ist - und weniger Enthusiasmus und Wunschdenken.

Dr.-Ing. Bernd Biallas, Münster

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