Ärzte Verzweiflung auf dem Land

Wie wird man dem Ärztemangel außerhalb der Städte Herr? Leser, die selbst seit Jahrzehnten Ärzte sind, berichten von ihren Erfahrungen. Die Politik gebe zum Pessimismus allen Anlass, meinen zwei. Ein anderer sieht Licht am Horizont.

Per Plakataktionen, wie hier im niedersächsischen Resse, und Anzeigen in Zeitungen suchen Kommunen Ärzte.

(Foto: dpa)

"Scheiden tut weh" vom 7. Juni:

Der Patient steht im Mittelpunkt

Leider spielen die Klischees aus Fernsehserien immer noch eine Rolle und verstellen den Blick auf das Wesentliche. In fast vierzig Jahren Hausarztarbeit kamen weder eine Küchentischentbindung noch eine Großtiergeburt vor, Heldentaten nur in Ausnahmefällen. Das Herz hausärztlicher Medizin liegt in der Übertragung wissenschaftsbasierter Medizin auf die betroffenen Menschen in ihrer persönlichen Geschichte und ihrer individuellen Lebensumgebung. Dazu bedarf es der Bereitschaft, die Person des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen und sich als Arzt begrenzt zur Verfügung zu stellen.

In ein medizinisches Versorgungszentrum sind diese Bezogenheit und ihre historische Entwicklung ("erlebte Anamnese") nicht zu transportieren. So wird aus ärztlicher Betreuung eine reine Dienstleistung, das zentrale Moment von Allgemeinmedizin hat dort keinen Platz. Um diese zu erhalten braucht es keine 24/ 7-Bereitschaft, diese Zeiten sind durch kluge Notfallversorgungen regelbar. Auch das Wort vom Einzelkämpfer ist durch die elektronischen Kontaktmöglichkeiten obsolet. Der Arzt muss aber im Biotop seines Patienten sein. Zentrale Versorgungseinheiten, welche die Patienten aus ihrem Biotop reißen, bedeuten das Ende der Hausarztmedizin. Was dabei verloren geht, wird erst realisiert werden, wenn es verloren ist.

Dr. Gernot Rüter, Benningen

Niederlassungssperre für Städte

Wie wird man Landarzt? Durch den erfolgreichen Abschluss einer fünfjährigen Weiterbildung, davon vereinfacht drei Jahre Innere Medizin im Krankenhaus und zwei Jahre in der ambulanten hausärztlichen Versorgung und anschließender Prüfung bei der jeweiligen Ärztekammer. Wenn also die Rechnung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann aufgehen soll, müssen elf Jahre (sechs Jahre Studium und fünf Jahre Weiterbildung) vergehen, ehe erste Absolventen des geplanten Programms mit der erforderlichen Qualifikation versorgungswirksam tätig werden können. Wenn aber derzeit ein Drittel der Allgemeinärzte schon 60 und älter sein soll, dürfte das kaum gutgehen, das heißt, man muss besorgt sein, dass Minister Laumann den Erfolg seiner Politik nicht mehr erlebt.

Wer trägt Verantwortung für den gegenwärtigen Status der Versorgung? Regierung und Selbstverwaltung, wobei die Krankenkassen dazu schweigen, obgleich sie nach Paragraf 2 SGB V "den Versicherten die ... genannten Leistungen zur Verfügung" stellen sollen. Das geschieht derzeit durch Verträge mit Ärzten, die den Sicherstellungsauftrag erfüllen sollen ("Vertragsärzte"). Dieser Sicherstellungsauftrag fällt an die Kassen zurück, wenn die vertragsärztliche Versorgung - zum Beispiel die hausärztliche Versorgung nach §73(1) - nicht mehr sichergestellt ist. Es wird wohl eine Sperre der Zulassung für Ärztinnen und Ärzte in überversorgten Städten geben müssen, bevor die Landbevölkerung auf angemessene Teilhabe an einer ausreichenden medizinischen Versorgung hoffen kann. Das gesetzliche Instrumentarium ist vorhanden, um bald Lösungen zu schaffen.

Dr. Robert D. Schäfer, Krefeld

Mehr Medizinstudenten

Es dürfte unbestritten sein, dass nur über Gemeinschaftspraxen und medizinische Versorgungszentren (MVZ) sich die ärztliche Betreuung sichern lässt. Der in dem Artikel genannte Weg dürfte aber nicht ausreichen. Der neu gewählte Präsident der Bayerischen Landesärztekammer Gerald Quitterer hat den Finger in eine offene Wunde gelegt: Das Land braucht mehr Ärzte, das geht nur über den Weg der Erhöhung der Zahl der Medizinstudienplätze. Es reicht nicht, wenn dies im Koalitionsvertrag angedacht wird, die medizinischen Fakultäten der Universitäten müssen hier mitspielen. Auch ist die Frage offen, ob der Einserabiturient nach dem Medizinstudium in einer Gemeinschaftspraxis oder einem MVZ im Bayerischen Wald gut aufgehoben ist oder in der Forschung. Bei Letzterem fehlt er in der ärztlichen Versorgung.

Zurück zu der Notwendigkeit der Strukturänderungen: Die nachrückende Ärztegeneration ist dem durchaus zugänglich. Meine persönliche Erfahrung bestätigt dies (Jahrgang 1935): Ich hatte die letzten elf Jahre meiner Berufstätigkeit jüngere Kollegen in meine Hausarztpraxis geholt, es war für beide Seiten ein Gewinn. Man konnte guten Gewissens abends ins Kino gehen, die ärztliche Versorgung war gegeben, die Kollegin/der Kollege hielten die Stellung.

Dr. Egon H. Mayer, Unterhaching

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