Adorno Aktuell wie nie - oder?

Ein Leserbriefschreiber meint, aus dem neu aufgelegten Werk des deutschen Philosophen lasse sich nichts über die Überwindung von Rechtsradikalismus lernen. Ein anderer hingegen findet es "beklemmend aktuell".

Zu "Kraft der Vernunft" vom 20./21. Juli:

Unverkennbar, die Frankfurter Sekte mit ihrem verführerischen Amalgam von Rationalismus und schillernder Metaphorik ist zurück. "Der Deutsche ist kein Mensch, der eine Lüge aussprechen kann, ohne sie sich selbst zu glauben." Meiner Meinung nach unhaltbarer nationalistischer Kollektivsingular, den wir längst überholt glaubten. "Rechtsradikale Bewegungen sind Narben einer Demokratie". Was soll das heißen? Worin besteht der Erkenntnisgewinn? Was lässt sich daraus zur Überwindung des Rechtsradikalismus lernen?

Dr. Wolfgang E. J. Weber, Stadtbergen

Im Lichte des heutigen reaktionären Rechtsnationalismus lesen sich auch Adornos Studien zum autoritären Charakter wieder beklemmend aktuell, auch als Kritik an der neomarxistischen Linken. Adornos Mitautoren notieren in ihrer Studie Agitation und Ohnmacht, in der sie in den 30er-Jahren die Reden rechtsextremer Führer in den USA erforscht haben: "Im Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus [...] hätten sich bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen Gefühle der Abhängigkeit, der Heimatlosigkeit, des Ausgeschlossenseins sowie der diffusen Angst, von unpersönlichen Mächten und Kräften beherrscht zu werden" weiter verstärkt - Gefühle also, die generell das Unbehagen in der Moderne kennzeichneten. Vor dem "großen Unbehagen" in Überlegenheitsfantasien zu flüchten sei für den Menschen in der Moderne eine Option. Gleichwohl wird Faschismus von Adorno als ein Phänomen der Moderne aufgefasst. Mit ihm wenden sie sich gegen die Vorstellung, rechtsradikale Einstellungen seien auf soziale Missstände des Kapitalismus rückführbar. Sie vermuten stattdessen, dass "lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen".

In den Augen mancher Linker verschwimmen aber auch heute noch Nationalsozialismus und Kapitalismus zu ein und derselben Bedrohung. Ihre Aufmerksamkeit galt dem "autoritären Charakter" und seinen Vorurteilsstrukturen. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass Neurechte Ideologien der Ungleichwertigkeit bevorzugen, weil sie sich individuelle Vorteile davon versprechen.

Dr. Bruno Heidlberger, Berlin