
Zum Gastkommentar "Liebes Leben" vom 8./9. Januar:
Gerechtigkeit für alle
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, nimmt in seinem Kommentar den aktuellen Koalitionsvertrag auseinander und bezieht sich in seinen Äußerungen immer wieder auf das Verfassungsgericht. Gleichzeitig verschweigt er, dass wir in Deutschland im Grundgesetz Artikel 3 haben, der besagt, dass niemand wegen seines Geschlechtes benachteiligt werden darf. Ähnliches besagt bekanntermaßen auch die UN-Menschrechtscharta von 1948. Dass die katholische Kirche Männer bevorzugt und Frauen als so minderwertig ansieht, dass sie ihnen keine Führungsaufgaben übertragen möchte, ist hinlänglich bekannt. Und ein Vertreter einer solchen Institution will mit darüber bestimmen, wie Abtreibung zukünftig geregelt wird? Er sollte zunächst dafür sorgen, dass die Betroffenen mit in Entscheidungsgremien und -funktionen akzeptiert werden, dann würden nicht nur Männer über Abtreibung befinden, die niemals in einer solchen Situation sein werden.
Gleichzeitig möchte er die Praxis, dass Informationen über Abtreibungen in Arztpraxen weiterhin als Werbung gewertet werden, beibehalten. Sorgen Sie erst mal dafür, dass in Ihrer Institution Gerechtigkeit für alle Menschen eingeführt wird. Kehre jede vor ihrer Tür, auch die katholische Kirche.
Ursula Christ, Leverkusen
Wäre es Männersache
Wäre die "reproduktive Selbstbestimmung" Sache des Mannes, würde also er die Kinder austragen - ich bin sicher: Abtreibung wäre nicht strafbar, und wir hätten diese ganze Diskussion nie gehabt.
Ursula Walther, Herzogenaurach
Frau trägt Verantwortung
Ich begrüße es sehr, dass sich die katholische Kirche weiterhin für den unbedingten Schutz des menschlichen Lebens einsetzt. Ebenso begrüße ich die Wortwahl der Überschrift "Liebes Leben" im Gegensatz zu dem eher abschreckenden Begriff "Reproduktive Selbstbestimmung" aus den Koalitionsvereinbarungen. Schwangere im Konflikt brauchen persönliche, qualifizierte Hilfe. Eine "außerstrafrechtliche Regelung" (Bätzing), die Abtreibungen erleichtert, wäre nicht akzeptabel. Haben wir es uns mit diesem Thema im Sinne eines zweifelhaften Fortschritts in den letzten Jahrzehnten nicht zu leicht gemacht?
Ich erinnere nur an den Slogan "Mein Bauch gehört mir". Das mag zutreffen, wenn es um eine Figurkorrektur oder Essgewohnheiten geht, aber nicht bei einer Schwangerschaft. Dann gehört "mein Bauch" als Lebensraum noch einem anderen Wesen, so winzig es auch sein mag. Die Schwangerschaft ist ja nicht aus dem Nichts entstanden, sondern aus einem biologischen Vorgang, initiiert durch einen Sexualakt. Das heißt, dass man als Frau selbst Verantwortung dafür trägt (außer bei Gewaltanwendung - das wäre ein eigenes Kapitel) und sich dieser stellen sollte. Es muss nicht jede Verabredung gleich zu einem sexuellen Akt führen, und ob jeder One-Night-Stand glücklich macht, ist zu bezweifeln.
Aufklärung findet in den Schulen statt, sodass junge Frauen wissen, wie eine Schwangerschaft entsteht. Aufklärungsunterricht muss über die Vermittlung biologischer Vorgänge hinaus unbedingt die Verantwortung für "den Akt" und seine möglichen Folgen thematisieren. Im Streit um den Bau der Waldschlößchenbrücke in Dresden ging es Naturschützern darum, das Brutgebiet des Wachtelkönigs oder den Schutzraum für die Kleine Hufeisennase zu erhalten. Ich frage mich, warum sich die Freunde von allem, was das Etikett "Bio" (Leben) trägt, nicht in gleicher Weise für den Schutz des ungeborenen Lebens engagieren.
Renate von Törne, Hof/Saale
Erzwungene Schwangerschaften
Bischof Bätzing hebt auf den Erhalt jeglichen Lebens ab, die Frauen lässt er außen vor. Warum wird ausgerechnet jemand gefragt, der von der Wichtigkeit dieses Themas keine Ahnung hat, kein Interesse an der Lebensrealität von Frauen zeigt und nicht betroffen ist? Die Kirche hat weder zur Chancengleichheit von Frauen einen Beitrag geleistet, noch zur Gesundheitsfürsorge für Frauen und Kinder. Das Thema Abtreibung ist viel zu wichtig, um es der Kirche zu überlassen. Es wäre schon längst an der Zeit, es ausführlich zu beleuchten: Informationsmangel, schlechte medizinische Ausbildung diesbezüglich, nicht ausreichender Zugang in vielen Landkreisen, Folgen für die betroffenen Frauen.
Denn was bedeutet es denn, wenn Abtreibung nicht mehr möglich ist - wie es dem Bischof am liebsten wäre. Was machen Frauen dann? Dazu braucht man nur in die Vergangenheit zu gehen - vor 1976. Oder das Buch "Das Ereignis" von Annie Ernaux lesen. Oder nach Texas, Lateinamerika schauen. Erzwungene Schwangerschaften führen oft zu ökonomischen Problemen. Fehlende Möglichkeit einer gesicherten Abtreibung zwingt Frauen in medizinische Gefahr, vor allem nicht so gut gestellte Frauen (Frauen mit Geld haben ihre Kontakte). Wie problematisch das ist, ist in den Landkreisen zu sehen, in denen die Kirche Krankenhäuser übernommen hat.
Warum fragt man ausgerechnet einen Kirchenmann? Und warum wird das Thema vor allem im Zusammenhang mit dem Ungeborenen diskutiert und nicht als Grundrecht auf Chancengleichheit und Gesundheitsfürsorge der Frauen? Jetzt ist endlich eine Regierung am Start, die neue Wege gehen möchte - da muss doch nicht dem konservativen Kirchenmann die Stimme gegeben werden. Hier hat die Berichterstattung noch eine große Aufgabe. So lapidar lässt sich das Thema nicht abhandeln.
Käthe Protze, Bremen
Machterhalt
Es ist bedenklich und zugleich enervierend, mit welcher Chuzpe sich hier wieder einmal ein Vertreter der katholischen Kirche als Lebensschützer aufführt. Wenn Bischof Georg Bätzing sagt: "Wir wenden uns (...) gegen eine Änderung des Abtreibungsrechts", wen meint er dann? Spricht er für sich im Pluralis Majestatis, für sein Bistum oder gar für alle deutschen Katholiken? Ich glaube nicht. Viele Gläubige werden ihm in seiner abstrusen Argumentation zum sogenannten Werbeverbot nicht folgen. Und wer beobachtet, wie in Polen die Regierung in Kollaboration mit der katholischen Kirche ein repressives Abtreibungsgesetz durchgesetzt hat, das den Tod einer Mutter bei einer Risikoschwangerschaft nonchalant in Kauf nimmt - der wird sich so seine Gedanken machen. Welches Recht nimmt ausgerechnet diese Kirche in Anspruch, sich bei den ersten und letzten Dingen des Lebens für kompetent und maßstäblich zu halten?
Eine Kirche, regiert von Männern, denen das Leben eines ungeborenen Kindes - den Begriff Fötus vermeidet Herr Bätzing ganz bewusst - angeblich ach so wichtig ist, die aber den Schutz des geborenen Lebens, nämlich das von Kindern und Jugendlichen, die von Priestern und Autoritäten missbraucht wurden, kaum ernst nimmt. Sind das Kollateralschäden, die unvermeidbar passieren, weil das System der Sexualunterdrückung und dessen Kompensation durch Übergriffe auf junge Menschen, die sich nicht wehren können, nicht in Frage gestellt werden dürfen? An einer Aufklärung oder gar Bestrafung der Täter zeigt man entsprechend deutliches Desinteresse. Die Namen Rainer Maria Woelki, Reinhard Marx und Joseph Ratzinger stehen hier pars pro toto.
Nein, Herrn Bätzing, den man persönlich zumindest für halbwegs integer halten mag, geht es darum klarzumachen, dass an den Machtverhältnissen nicht gerüttelt werden darf. Nicht das Parlament ist die Instanz, die hier souverän entscheidet, sondern die katholische Kirche hat die Deutungshoheit. Sie redet mindestens mit und macht denen, die ihr nicht folgen, ein schlechtes Gewissen. Deshalb geraten Katholiken in unlösbare Glaubens- und Persönlichkeitskonflikte. Die sich, der Hinweis ist obligatorisch, durch Austritt nicht völlig, aber doch zum Teil erst mal lösen lassen.
Jeder fege vor seiner Tür: Vor dem Portal der Kirche liegt ein Haufen moralischer Unrat, unübersehbar. Solange nichts getan wird, um diesen zu beseitigen, sollten führende Katholiken wie Herr Bätzing schweigen, wenn es um Leben - und Tod - geht.
Eckhard Hooge, Melle-Buer
Wert des menschlichen Lebens
Vor nunmehr vielen Jahren haben mehrere Filmschauspielerinnen im Stern lauthals geprahlt mit: "Wir haben abgetrieben" und
"Mein Bauch gehört mir". Zum Jubeln besteht bei diesem Thema kein Anlass. Bekanntlich geht es hier weniger um den Bauch der Frau, sondern zuallererst darum, wie wir mit ungeborenem und (normalerweise) gesundem Leben umgehen. Und es geht um die Frage, welchen Wert wir als Gesellschaft menschlichem Leben generell beimessen.
Wie gehen wir mit Behinderten, speziell mit schwerstbehinderten Kindern um? Billigen wir alten, gebrechlichen Menschen uneingeschränkt ein Lebensrecht zu? Werden bei uns die Menschen hinreichend vor Gewalt durch andere geschützt? Bekanntlich gibt es Ärzte, die gut von der immerwährenden Abtreibung leben. Ich könnte das nicht. Da wäre mir mein Medizinstudium zu schade. Bei aller Problematik in Verbindung zum Thema Abtreibung gilt immer noch Folgendes: Seit Menschengedenken ist ein Arzt dazu da, Menschen zu helfen, zu heilen, Schmerzen zu lindern, Trost zu spenden und nicht sich durch Vernichtung menschlichen Lebens hervorzutun. Das ist nicht altmodisch und auch nicht von gestern. Bischof Georg Bätzing hat in seinem ausgewogenen und sachlichen Artikel recht. Eine zusätzliche oder besondere Werbung für Abtreibung ist unangebracht. Dafür ist die Sache zu ernst.
Dr. med. Willi Wegele, Odelzhausen
Mehr Demut
Warum verfolgt die katholische Kirche nicht mit gleicher Verve und Schärfe den Schutz des geborenen Lebens? Wäre der tausendfache sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, den sie chronisch betreibt beziehungsweise betrieben hat und der zahllose Opfer dazu gebracht hat, sich aus Verzweiflung zu töten, nicht auch Anlass zu solcher Unerbittlichkeit, die die katholische Kirche im Fall der Abtreibungsproblematik seit Jahrhunderten auffährt? Und sollte es ihren Vertretern nicht die Schamesröte ins Gesicht treiben, angesichts der Tatsache, dass die Missbrauchsopfer, die sich selbst getötet haben, früher nicht mal ein christliches Begräbnis erhalten durften, sondern in "ungeweihter Erde verscharrt" wurden?
Die Frage, ob "die Regulierung des Schwangerschaftsabbruchs außerhalb des Strafgesetzbuches möglich ist", beantwortet Bätzing so: "Wir halten eine solche außerstrafrechtliche Regelung mit Blick auf den Schutz des Lebens für unzureichend." Das ist der Gipfel an Bigotterie, denn ganz anders sieht das die katholische Kirche in den Missbrauchsfällen: Bis heute entscheiden die Bistümer meist selbst, ob sie Anklage in einem der Fälle erheben. Klartext: Die Kirche vertuscht ihre eigenen Straftaten und regelt sie in ihrem Einzugsbereich selbstherrlich: außerstrafrechtlich. Aufdeckung und Strafverfahren kamen bisher nur durch Anzeigen der Opfer in Gang, Missbrauchstäter wurden nur versetzt und vor öffentlicher Anklage geschützt.
Es ist schon erstaunlich, wie realitätsfern, machtfixiert und auf ihrer Deutungshoheit bestehend die katholische Kirche sich heute noch verhält, wenn sie - ich finde das empörend - so menschenverachtend mit zweierlei Maß misst. Und ihre Vertreter sollten einfach mal Demut walten lassen.
Dr. med. Helmut Grosch, Moers
Geringschätzung von Frauen
Herr Bätzing redet als Bischof in geradezu eindringlicher Not über die Beibehaltung des Paragrafen 219a StGB. Er suggeriert, die neue Regierung möchte mit einer Novellierung des Paragrafen zulassen, dass nunmehr Schwangerschaftsabbrüche à la "Geiz ist geil"-Manier zukünftig auf den Homepages jedweder Frauenarztpraxis angepriesen werden. Er verkennt dabei, dass es auch katholischen Frauen schwerfällt, einen Abbruch vornehmen zu lassen. Die Gründe sind oft aus einer Not heraus.
Als Kleriker und Mann unterstelle ich Herrn Bätzing, dass er die Tiefen des psychischen Leidens einer verzweifelten Frau, einer missbrauchten, einer vergewaltigten Frau nicht annähernd nachvollziehen kann. Auch wenn die Kirche verspricht, für all ihre Schäfchen verantwortlich zu sein. Die Kirche fühlt sich in der Debatte dem noch ungeborenen Leben verpflichtet. Was ist mit dem bereits vorhandenen? Das der Frau? Geschichtlich ist das Verhältnis der Kirche seit jeher schwierig zu diesem Geschlecht. Es ist von Unterdrückung, Gängelung und Unverständnis geprägt. Die Meinung von Herrn Bätzing zeigt das deutlich auf. Seine Äußerung der "reproduktiven Selbstbestimmung" ist mehr als geringschätzig und verrät seinen Blick auf Frauen.
Es geht der neuen Regierung nicht um die Bereitstellung von Abtreibungstourismus, sondern um eine würdige und selbstbestimmte Handlungsmöglichkeit für Frauen in Not.
Cathrin Becker, München
Hilfe für notleidende Frauen
Bischof Georg Bätzing hat in seinem SZ-Artikel einen Begriff aus dem Koalitionsvertrag der Ampel zitiert, der deutlich macht wie konsequent die neuen politischen Spitzen darauf hinarbeiten, durch sprachliche Camouflage und semantische Nebelkerzen ihre Ziele zu verharmlosen, um so ihre Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. Während einerseits der Lebensschutz, etwa in den Bereichen Umwelt und Klima, erhöht werden soll, will man andererseits unter dem irreführenden Begriff "reproduktive Selbstbestimmung" Tür und Tor für die Vernichtung menschlichen Lebens, also Abtreibungen, möglichst weit öffnen. Zum Ausgleich und zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens kann man ja dann Kröten und Frösche über die Straße tragen.
Dabei gäbe es auch für die staatliche Politik bei sexueller Aufklärung, bei Hilfen für junge Menschen, Unterstützung notleidender Frauen und Finanzhilfen für Schwangere noch viel zu tun. Dazu aufgerufen sind neben dem Staat alle gesellschaftlichen Gruppierungen. Übrigens auch die Kirchen, die hier zwar schon manches tun beziehungsweise in der Vergangenheit getan haben, was aber auch nur eine kleine Wiedergutmachung für ihre leider oft gezeigte Frauenfeindlichkeit, Hartherzigkeit, Rechthaberei und überzogene Sittenstrenge darstellt.
Dr. Ludwig Kippes, Puchheim