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75 Jahre SZ:Eine Heimat für den Geist

Es ist schwieriger geworden, Zeitung zu machen als noch vor zwanzig Jahren. Illustration: Dirk Schmidt

Die "Süddeutsche Zeitung" gibt es nun schon fast ein Menschenalter lang. So sehr sie und die Welt sich aber gewandelt haben: Etwas Besonderes will und soll sie bleiben.

Von Kurt Kister

Ein Dreivierteljahrhundert, 75 Jahre. Früher sagte man, das sei ein Menschenleben; heute heißt es manchmal, dass jemand mit 75 doch "noch nicht so richtig alt" sei. Eine Zeitung ist in der Bundesrepublik Deutschland mit 75 einerseits alt. Andererseits entsteht sie jeden Tag, jede Stunde neu. Sie hat, um es ein bisschen pathetisch zu sagen, die Erfahrung des Alters und die Kraft der Jugend.

1945 war nicht nur das Jahr der Befreiung, auch wenn viele in den ersten Jahrzehnten danach noch eher vom "Zusammenbruch" oder von der Kapitulation sprachen. Schon richtig, das deutsche Reich brach damals auch zusammen, es verschwand im Nirgendwo der Geschichte, selbst wenn dies bis heute närrische Revisionisten oder revisionistische Narren, die sich für "Reichsbürger" halten, nicht glauben wollen. 1945 war auch das Jahr, in dem die alliierten Siegermächte, und mit ihnen nicht wenige Deutsche, auf neue Anfänge überall drängten und hofften.

Die Demokratie sollte wieder heimisch werden im zerstörten Land, heimischer als sie das während der kurzen Republik von Weimar je gewesen war. Schulen und Universitäten sollten anders werden, sehr anders. Ein ganzes Land, das den Krieg begonnen hatte, in dem die physische Vernichtung von Abermillionen Russen, Juden, Polen und anderer Menschen erklärtes Mittel der Politik war, sollte anders werden. Und auch die Presse, die von den Nazis "gleichgeschaltet" worden war, sollte neu und anders werden.

"Die Gesamtredaktion" lehnte 1949 eine Rückkehr der Monarchie in Bayern ab. Schon damals war die SZ der Republik verpflichtet

Zeitungen, die während der NS-Zeit erschienen, waren im Grunde alle von Goebbels-Leuten gelenkte oder zumindest überwachte Blätter, in denen die Ideologen den Ton angaben und die Mitläufer funktionierten - auch wenn sich nach 1945 viele Journalisten um den Beweis bemühten, sie hätten doch "Widerstand zwischen den Zeilen" geübt. Wer übrigens davon schwadroniert, "die" Medien seien heute in Sachen Corona oder Flüchtlinge "gleichgeschaltet", der versteht nichts von der deutschen Geschichte und verharmlost auch mit diesem Begriff die blutigste Diktatur.

In Bayern war die Süddeutsche Zeitung die erste der neuen Zeitungen, die eine Lizenz der Militärregierung erhielt. Am 6. Oktober 1945, einem Samstag, erschien sie zum ersten Mal, "auf schmaler Plattform mit geringen Mitteln", wie es im Leitartikel links oben auf der Seite Eins hieß. Die Süddeutsche, war da weiter zu lesen, sei ihrem Erscheinungsort München verpflichtet und lehne einen "öden, undeutschen Zentralismus" ab, alle "preußisch-militaristischen Tendenzen" wolle man bekämpfen. In diesem Sinne begann die SZ als eine Münchner Lokalzeitung mit einer bayerischen Gesinnung. Dass die NSDAP gerade in München, der sogenannten Hauptstadt der Bewegung, groß geworden war, verdrängte man in der zunächst kleinen Redaktion bisweilen mit einem überkommenen anti-preußischen Reflex, der durch die Wahrnehmung Berlins als Sitz der Bösen und des Bösen in den zwölf NS-Jahren nur noch verstärkt worden war. In der SZ-Redaktion war es wie in vielen anderen Betrieben, Büros und Behörden nach dem Krieg: Es gab Unbelastete und Emigranten, es gab Mitläufer aus der Nazizeit, und es gab ehemalige Nazis, die sich beeilten, das zu vergessen, was sie vor 1945 geschrieben und getan hatten. Zu diesen aktiv Vergessenden gehörten auch ein Verleger und ein späterer Chefredakteur der SZ.

Das Bayerische war der Redaktion wichtig, allerdings nicht das bajuwarisch Rückwärtsgewandte: Als es 1949 in Bayern eine mehr als halbernste Debatte darüber gab, ob man die Monarchie wieder einführen sollte, lehnte die SZ dies in einem Leitartikel kategorisch ab. Als Autorin dieses Leitartikels zeichnete "die SZ-Gesamtredaktion", was davor (und danach) nicht wieder vorkam. Die Republik war also schon damals der Redaktion ein Herzensanliegen.

Mit dem Land wuchs auch die Zeitung. War das Blatt zunächst zweimal in der Woche mit manchmal nur vier Seiten erschienen, wurde aus der SZ bald eine ordentliche Tageszeitung mit sechs Ausgaben in der Woche und den Ressorts Lokales, Nachrichten (das war die Politik), Kultur und Wirtschaft sowie etwas Sport und Vermischtes. Bis heute charakteristische Textformen wurden eingeführt, zum Beispiel das Streiflicht oder die Seite Drei für große Reportagen. Und weil die Wirtschaft in den Fünfzigerjahren wieder zu brummen begann, wurde auch die Zeitung dicker. Firmen und Privatleute schalteten mehr und mehr Anzeigen; die Periodika Zeitungen und Zeitschriften hatten als Werbeträger ein spezifisches Monopol.

Wer zum Beispiel in München eine Wohnung mieten oder vermieten, einen Gebrauchtwagen kaufen oder verkaufen wollte, der musste sich über Jahrzehnte hinweg noch bis zu Beginn des neuen Jahrhunderts der SZ bedienen. Viele Münchner werden sich daran erinnern, wie die Leute abends an der Hofstatt im Zentrum auf die Zeitung des nächsten Tages warteten, während alle Telefonzellen in der Umgebung von Freunden besetzt wurden. Man wollte als Erste oder Erster bei einem Vermieter anrufen. Es waren dies auch die Jahre, in denen Verleger und Zeitungsgeschäftsführer brutale Fehler hätten machen müssen, um nicht jedes Jahr mit einem veritablen Gewinn abzuschließen. Those were the days, my friend, hieß es 1968 in einem Lied von Mary Hopkin.

München war eine Zeitungsstadt, sie ist es trotz aller Veränderung eigentlich bis heute. Neben der liberalen SZ gab es den konservativen Münchner Merkur sowie zwei heimische Boulevard-Zeitungen (als erste die AZ, später von 1968 an die TZ) sowie eine Lokalausgabe der Bild. Mit der AZ hatte die Süddeutsche nicht nur gemeinsam, dass sie Nachbarn in der Sendlinger Straße waren. Es war Werner Friedmann, Gesellschafter der SZ und SZ-Chefredakteur von 1951 bis 1960, der 1948 die Abendzeitung als Messezeitung einer sogenannten Presseausstellung der US-Militärregierung erfand. Aus dieser Messezeitung wurde dann die AZ, die erst 2014 von der Familie Friedmann verkauft wurde. Redaktionell hatte die AZ mit der SZ nichts zu tun. Vom Gefühl her aber machte die AZ in ihren besten Zeiten lebhaften, schnellen, guten Boulevard-Journalismus, sodass man bei der SZ die AZ mehr als Freundin denn als Konkurrentin empfand.

Die Süddeutsche jedenfalls entwickelte sich vom Münchner Lokalblatt mit ausgreifendem Anspruch zu einer nationalen Zeitung mit erheblicher Wirkung. Als überregionales Blatt stand sie lange Zeit im Schatten der damals noch großen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Das drehte sich allmählich, die SZ holte auf und überholte die FAZ auch in der täglich verkauften Auflage, für die das bayerische Kernverbreitungsgebiet, aber eben auch die ganze Republik gemessen wurde. Nicht wenige Leser und Leserinnen einer überregionalen Zeitung trafen ihre Kaufentscheidung auch danach, wie sie das jeweilige Blatt politisch einordneten. Die FAZ galt als konservativ, die SZ als linksliberal. Deutlich wurde dies nicht nur, aber auch in den Kommentarspalten zum Beispiel zu Zeiten der sozialliberalen Koalitionen unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, aber auch in der langen Regierungszeit von Helmut Kohl.

In den letzten 20 Jahren hat sich auch da viel verändert. Die politischen Milieus, wie auch die Parteien, sind einerseits durchlässiger und diffuser geworden. Andererseits ist die Bereitschaft vieler zu nicht parteipolitisch orientierten Bekenntnissen - gegen rechts, für die Umwelt, für Gerechtigkeit - gestiegen. Dies wiederum wird sehr dadurch gefördert, dass jedermann und jedefrau in der unbegrenzten Weite des Internets alles findet, was er oder sie lesen oder meinen möchte. Es hat noch nie so viel leicht zugängliche und überwiegend auch kostenlose Information, Unterhaltung und Meinung im allerweitesten Sinne gegeben wie heute. Oft allerdings wird der Ursprung einer auf dem Smartphone abgerufenen Nachricht entweder nicht erkannt oder nicht wahrgenommen. Der klassische Dialog dazu lautet ungefähr so: "Was, Tigerbalsam hilft gegen Corona? Woher weißt du das?" "Hab ich im Netz gelesen." Der amorphe Charakter dieser Allzugänglichkeit verlangt eigentlich nach Einordnung, nach einem Medium, das als Navigator fungiert, und zu dem man Quellenvertrauen haben kann. Darin liegt durchaus ein wichtiger Teil der Zukunft der Zeitung.

Und dennoch: Die Bindung an Zeitungen nimmt generell ab. Allerdings sind einzelne Blätter eben auch nicht mehr eindeutig bestimmten Milieus zuzuordnen - und diese Milieus wiederum verstehen Zeitungen auch nicht mehr unbedingt als Bestandteil des sie prägenden Alltags. Die zusammengerollte Zeitung unter dem Arm oder das politische Magazin in der Handtasche sind nicht mehr unabdingbare Merkmale der politisch interessierten, lesenden Klasse.

Es ist schwieriger geworden, Zeitung zu machen als noch vor zwanzig Jahren. "Zeitung" bedeutet heute so viel mehr als früher: eine aktuelle, möglichst unverwechselbare Website; eine Digitalausgabe, die alles hat, was das gedruckte Blatt hat, aber noch mehr Spezifika eben für die digitale Lektüre bereithält; Podcasts für die vielen, die gerne hören und zuhören; Videos zur bewegten Illustration von Geschichten, aber auch als eigenständige journalistische Form. Und, natürlich: die gute alte, immer wieder neue gedruckte Zeitung. Die Chefredakteurin der SZ, Judith Wittwer, erläutert in ihrem Beitrag besonders den Wandel und die digitale Zukunft der Süddeutschen Zeitung.

Manchmal kann man in dem so wichtigen Reformprozess auch den Eindruck gewinnen, die Veränderung, die Umorganisation, das Einführen neuer "Formate" beschäftigt viele Leute so sehr, dass hin und wieder übersehen wird, was den Kern ausmacht. Bei der SZ besteht dieser Kern aus guten Texten, am besten mit berührenden Bildern und informativen Grafiken da, wo es passt. Es ist relativ egal, ob diese guten Texte digital oder gedruckt veröffentlicht werden. Herausragende Reportagen, klug argumentierende Meinungsbeiträge, exklusive Recherchen, kundige Analysen, Essays, über die man im guten Sinne sagt: typisch SZ - das alles waren die Stärken dieser Zeitung vor 50 Jahren, und sie werden es in 50 Jahren immer noch sein. Die Zukunft dieser Zeitung liegt genau darin, wo sie schon immer gelegen hat: etwas anderes zu bieten als die anderen; besser, auch unterhaltsamer zu schreiben; Dinge herauszufinden, auch im Rechercheverbund, die andere nicht herausfinden. Das Besondere prägte die Identität der Süddeutschen Zeitung und war gleichzeitig das offene Geheimnis ihres Erfolgs; wenn die SZ besonders bleibt, wird sie auch und gerade in der Ära der eher amorphen Informationsverbreitung für ihre Leserinnen und Leser Einordnung und Wegweisung bieten sowie, ja auch das, intellektuelle Heimat bleiben.

Zeitung zu machen ist schwieriger geworden, denn es bedeutet so viel mehr als früher: Print, Online, Digitales

Gewiss, es kostet, eine besondere Zeitung zu machen und zu verbreiten. Aber selbst in schwierigen Zeiten wie diesen, in denen die Corona-Krise und eine Strukturkrise der Medien zusammentreffen, wäre es falsch, das Besondere zu gefährden, weil man zu sehr sparen muss. Das Besondere zu gefährden, bedeutet nichts anderes als die Zukunft zu gefährden. Und wenn man weiß, mit welcher Leidenschaft, welcher, ein großes Wort, Treue und mit welchem Interesse viele der SZ-Leserinnen und -Leser ihre Zeitung nutzen, dann weiß man auch, warum die Süddeutsche Zeitung ein Dreivierteljahrhundert alt geworden ist.

© SZ vom 06.10.2020
75 Jahre SZ Gökalp03:26

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