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30 Jahre Mauerfall:Teilung der Gemüter

Der Westen habe geholfen und gezahlt, trotzdem ist die Unzufriedenheit im Osten oft groß. Das können viele Leser nicht nachvollziehen. Ein Schreiber macht fehlgeleitete Steuermilliarden verantworlich, ein anderer die Verbitterung benachteiligter Bürger.

Mauerfall, 1989

Da war die Freude noch ungetrübt: Ausgelassen feiernde Bürger am 10. November 1989 auf der Berliner Mauer.

(Foto: AP)

Zu "Ein ganz normales Wunder" und "Gedämpfte Freude" vom 9./10. November sowie zu "Gold wird braun", 2./3. November:

Unkraut in blühender Landschaft

Müssen wir uns jetzt vorhalten lassen, dass wir 30 Jahre Soli bezahlt, Straßen- und Denkmalsanierung, Rentenkasse, Krankenversicherung und vieles mehr finanziert haben? Man kann sich zwar schwer beherrschen, wenn man auf den Motorraum eines Trabbi herabschaut, aber unterm Strich haben wir geholfen, geholfen, geholfen. Wer mit den "Alten" dort nicht konnte, wurde in der westlichen Arbeitswelt aufgenommen. Warum haben die nach der Wende denn immer noch rübergemacht? Die etablierte Politik muss sich wohl an die Nase fassen wegen eines falsch gesteuerten Aufbau Ost, bei dem es versäumt wurde, vor Ort mehr Arbeitsplätze und damit mehr Autarkie der Wirtschaft vor Ort zu fördern. Stattdessen wurde von Westfirmen abgesahnt. Kohls blühende Landschaften haben Unkraut hochkommen lassen.

Raymond Fay, Aichach

Verdienste von DDR und Sowjets

Verständlich sind die Äußerungen der Freude und der Genugtuung über die Ereignisse, die vor 30 Jahren die Wiedervereinigung einleiteten. Auffallend ist aber auch die fast völlige Ignorierung der anderen Seite, das Verhalten der sowjetischen Streitkräfte auf deutschem Boden, der NVA und der Führung der DDR, die aufgaben, ohne einen Schuss abzugeben. So etwas ist historisch selten, scheint aber kaum erwähnenswert zu sein.

Stillschweigen liegt auch über den häufigen Versuchen der frühen DDR und der Sowjetunion, über ein ungeteiltes Deutschland zu verhandeln, dessen Struktur auch für den "Westen" annehmbare Züge tragen sollte. Die beiden Noten Stalins 1952 flehten die Bundesregierung geradezu an, über Einigungsbedingungen zu verhandeln, die annehmbar waren, wenn man denn wollte. Die DDR-Hymne, gedichtet von Johannes R. Becher, komponiert von Hanns Eisler, beschwor geradezu das "einig Vaterland". Doch die Bundesregierung, geleitet von Konrad Adenauer, gefiel sich in prompten und beleidigenden Zurückweisungen. Die Westbindung der Bundesrepublik erschien alternativlos. Dabei wurde die fehlende Einheit zum andauernden Klagelied fast aller Politiker, der Medien und der Kundgebungen in der BRD.

Die DDR entwickelte sich mangels eigener Rohstoffe bei hohen Reparationsauflagen unter erschwerten Bedingungen. Der Bundesrepublik nutzten ihre Westbindungen auch wirtschaftlich. Und das ehemalige NS-Führungspersonal konnte sich entfalten. Pläne für den Fall, dass die Einheit bevorstehe und wie sie zu gestalten wäre, gab es nicht. Anfragen bei Bonner Ministerien wurden mit mitleidigem Lächeln abgewiesen.

Dr. Kurt Neumann, Bad Harzburg

Politiker gegen Bevölkerung

Deutschland ist heute geteilt, aber anders. Der Riss verläuft jetzt nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen Politikern und Bevölkerung. Darum täte es dem Land gut, sie nicht gegeneinander auszuspielen. Die Spaltung ist vielfältig und begann mit der Forderung der Franzosen, eine Wiedervereinigung nur unter Abschaffung der D-Mark zu akzeptieren. Die Kunstwährung Euro wurde ohne Volksbefragung eingeführt und brachte Deutschland Nachteile und Verluste in Milliardenhöhe. Danach kam die EU-Erweiterung, und unter der Merkel-Regierung wurden Gesetze und Beschlüsse der EU folgsam umgesetzt, die Deutschland nachhaltig belasten (Target-Konten und Rettungsschirme).

Das Sahnehäubchen ist die Migrantenkrise, wo Deutschland die höchste Belastung trägt. Diese Politik gegen das eigene Volk wird im Osten unserer Republik viel bewusster wahrgenommen und kritisiert als im unbeweglichen Westen. Menschen, die eine Diktatur überwunden haben, fürchten sich und haben für die Wende zu einer Demokratie alles riskiert.

Und sonst? Unsere Infrastruktur ist marode. Viele Projekte werden nicht fertig und immer wieder enorm teurer. Die Bundeswehr ist ebenfalls marode. Hinzu kommen immer mehr Migranten in unserem Land, viele ohne Papiere. Missbrauch, Kriminalität und weitere Aushöhlung unserer angeschlagenen Sozialsysteme sind die Folgen. Systemkritiker werden oft ausgegrenzt und diffamiert. Das sollte uns an einem solch historischen Erinnerungstag zu denken geben.

Johann Eggers, Jützbüttel

Narben der Verbitterung

Was für ein feinsinniges Bild, das Herr Prantl zeichnet, das mit den bräunlichen Einsprengseln im Gold der Fahne. Ich stimme ihm zu. Es hat ja in Wahrheit keine Wiedervereinigung stattgefunden, vielmehr hat sich die BRD den Osten Deutschlands schlicht einverleibt. Einzig das Ampelmännchen ist geblieben und vielleicht noch der Name einer gewissen Rostbratwurst. Als "gelernter" DDR-Bürger, der gleich nach der Wende in Sachsen-Anhalt und Brandenburg beruflich tätig gewesen war, habe ich einiges von der Atmosphäre mitbekommen. Was hat da die westdeutsche Industrie für hübsche Geschäfte gemacht im Osten - wahrlich goldene Geschäfte. Die Stimmung bei den Ostdeutschen war gar nicht gut! Aber daran hat sich das westdeutsche politische Establishment nicht gestört, und den Konzernen war das ohnehin egal.

Die Narben der Verbitterung und das Gefühl, Verlierer gewesen zu sein, sind bis heute noch nicht ganz geheilt. Wenn nun Westdeutsche verständnislos den Kopf schütteln über Wahlerfolge der AfD (ebenso wie der Linkspartei) - und zwar oft dieselben, die früher den Menschen "drüben" Undankbarkeit, mangelnden Fleiß und Jammer-Mentalität vorwarfen -, dann kann ich mein Verständnis für die Menschen nicht leugnen.

Helmut Felke, Peine

© SZ vom 27.11.2019

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