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1968:Revolution oder Revolutiönchen?

Die 68er Revolte jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Darüber, was der Aufstand eigentlich bewirkt hat, gibt es unterschiedliche Ansichten. Für ihn als Student waren die Mai-Unruhen im Pariser Quartier Latin jedenfalls wie eine Befreiung, erzählt ein Leser.

Pariser Mai-Unruhen als Inspiration: Studenten in der Rue Saint-Jacques im Quartier Latin.

(Foto: AFP)

"1968" vom 7./8. April:

Was auf der Strecke blieb

Als Rebellion hat Heribert Prantl die Vorgänge 1968 ff. bezeichnet. In der Tat war es für deutsche Verhältnisse erstaunlich, dass es an einigen Universitäten gärte, aber es war keine Revolution. Die Rebellen hatten die politischen und ökonomischen Machtverhältnisse in Westberlin und in der Bundesrepublik ignoriert. Von einer Änderung der Kleiderkonventionen (Herbert Marcuse) brach das von der Besatzungsarmee geschützte Wirtschaftssystem nicht zusammen. Ein plausibler Gegenentwurf zum Kapitalismus war nicht zu erkennen. Kampfbereite Bündnispartner in Politik, bei Gewerkschaften und im Kulturbetrieb waren kaum zu erkennen.

Es ist richtig: Einige Reformen und Reförmchen nach 1968 verweisen auf die 68er-Ursprünge. Aber sie "umfassende Demokratisierung der Gesellschaft" zu rühmen, erscheint doch sehr übertrieben. Prantl selbst und die SZ benennen in fast jeder Ausgabe Funktionsmängel: Dass der politische Wille fehlt, Betrugsmanövern großen Stils Einhalt zu bieten. Dass die SPD daran scheitert, ihre eigene Sozialpolitik ungeschehen zu machen. Oder dass der "Marsch durch die Institutionen" als Ersatz für strukturelle Veränderungen meist dazu führte, dass die Ethik, die gemeint war, auf der Strecke blieb. Bekannte Namen veränderten nicht die Institutionen, aber sich selbst, wenn sie erst lernten, dass Anpassung sich für sie selber lohnen kann. Wenn man erst die Denkweise und die Sprache der "Herrschenden" sich angeeignet hat. Und der Abstand zu den Idealen von damals immer größer wird.

Dr. Kurt Neumann, Bad Harzburg

Auch andere ebneten den Weg

Die Selbstbeweihräucherung der Alt-68er irritiert und - mit Verlaub - nervt. Heribert Prantl scheint sich in die Legendenstrickerei rund um die 68er einreihen zu wollen. So unterstellt er das "Beschweigen der NS-Vergangenheit" vor 1968, verschweigt aber das Drama "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth aus dem Jahr 1963 und das Theaterstück "Die Ermittlung" von Peter Weiss. Wie steht es um die zahlreichen Werke von Heinrich Böll, die vor 1968 erschienen? Was ist mit der Gruppe 47? Wo bleibt die "Blechtrommel"? Was ist mit den Debatten um die Wiederbewaffnung nach 1949 und um Adenauers Wiedergutmachungspolitik? Hat sich die SZ selbst nach ihrer Gründung bis zum Jahr 1968 etwa nicht mit dem Nationalsozialismus beschäftigt? Dass sehr viel bis 1968 nicht aufgearbeitet wurde, ist keine Frage. Dass aber erst die 68er den Weg ebneten, ist schlichtweg Unsinn.

Die "Lust am Aufruhr" und die vermeintlich "scharfsinnige Kritik" der "Groß- und Kleinbürgerkinder" am Kapitalismus umfassten zahlreiche orthodox-kommunistische Denkmuster und gipfelten in der Heroisierung eines Menschenschlächters wie Mao. Dass diese Sprösslinge aus - oftmals - privilegierten Familien der Oberschicht die Arbeiterschaft nicht zum "revolutionären Subjekt" machen konnten, ist kaum erstaunlich. Auf diejenigen, die schließlich den Weg in den Terror der RAF gingen, und diejenigen aus der 68er-Bewegung, die Verständnis für die Taten der Terroristen aufbrachten, geht der Leitartikel überhaupt nicht ein. Politische Reformen wie die Bildungs-, die Strafrechts- und die Finanzreform nahmen keineswegs erst am Ende der 60er-Jahre ihren Anfang. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz stammt aus dem Jahr 1967.

Mit all diesen Feststellungen ist selbstverständlich nichts von dem relativiert, was nach Gründung der Bundesrepublik bis zum Jahr 1968 schlecht und unverzeihlich war, wie zum Beispiel - und vor allem - die Übernahme alter Nazis in den Staats- und Justizapparat sowie in die Wirtschaft und die Politik allgemein. Auch der Umgang mit den protestierenden Studenten generell, das Beschimpfen und Verachten, die Attentate auf Ohnesorg und Dutschke sind durch nichts zu rechtfertigen. Die Überbewertung der 68er-Bewegung aber, das veteranenhafte Auffordern, sich heute doch wieder an die "Ideale" von damals zu erinnern, um so "die Trumps und Gaulands, die Spießer von heute" angehen zu können, greift zu kurz, da es den geänderten politischen Grundbedingungen nicht gerecht wird und eher ein melancholisch-trauriger Blick zurück ist.

Dr. Bernhard Kleibrink, Köln

Gegen "Oma Gewerbeordnung"

Zwei Dinge werden in Bilanzen der 68er oft übersehen: Die organisierte Arbeiterjugend nahm wieder einen Aufschwung, völlig unabhängig von Rudi Dutschke und SDS. Falken und Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend drückten auf die Gewerkschaften, sodass 1969 eine zehntausendköpfige Menge in Köln für Arbeiterjugendforderungen demonstrierte. Vor allem ging es gegen "Oma Gewerbeordnung" aus preußischen Zeiten. 1904 hatte diese mit ihren Wirkungen zum Freitod eines Berliner Schlosserlehrlings geführt, der gemäß damals noch gültiger preußischer Gesetzeslage der "väterlichen Erziehungsgewalt" seines Meisters unterstand und Merkmale fortgesetzter körperlicher Misshandlung aufwies. Gegen solche Lehrlingsschinderei entstand die Arbeiterjugendbewegung, die ab 1968 wieder Aufschwung nahm. Die Gewerbeordnung wurde abgeschafft, ein neues Gesetz kam zustande.

Zweitens wird jedoch ein Negativposten heute wieder sichtbar: Die 68er-Kapitalismuskritik wurde zurückgedreht. Verfassungsschutzämter werten sie als verfassungsfeindlich, antifaschistische Kapitalismuskritik wird als nicht grundgesetzkonform gewertet. So kehrt der Inlandgeheimdienst zu seinen pro- und postfaschistischen Ursprüngen zurück.

Sogar der Schwur der Häftlinge von Buchenwald wird als verfassungsfeindlich eingestuft, weil er für die Beseitigung des Nazismus "mit seinen Wurzeln" eintrete, und Linke sähen diese Wurzeln in jeglicher bürgerlicher Ordnung. Das ist absurd. Demokratie und Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit warten auf konsequente Verteidigerinnen und Verteidiger!

Ulrich Sander, Dortmund

Etwas nie Dagewesenes

Als jemand, der damals nicht mehr Schüler war, sondern in der "Provinz", im beschaulichen Freiburg im Breisgau studierte, kann ich einige Punkte nicht ohne Anmerkung lassen. Für mich jedenfalls und für viele Mitstudenten war damals Ende der Adenauerzeit, Erhard, der Künstler Pinscher nannte, Vietnam und eine Zeit des Umbruchs, in der wir meinten, dass radikal neu gedacht werden muss, dass der Muff unter den Talaren ... Wir wollten Aufbruch, forderten Freiheiten ein. Aus Freiburger Sicht war der Blick eher auf Frankreich gerichtet als in anderen deutschen Landen. Die Mai-Unruhen in Paris im Quartier Latin wurden aufmerksam beobachtet und je nach Standpunkt schärfstens verurteilt oder bewundert. Besonders in Erinnerung ist der erzkonservative Professor Hans-Heinrich Jescheck, der wetterte und zeterte. Das war mal so ein anschauliches Beispiel, wo fast jeder, außer den ganz Konservativen, sich sagte: "So geht's nicht!"

Als dann auch noch der weltberühmte französische Regisseur Jérôme Savary mit einer aufsehenerregenden Neuinszenierung nach Freiburg kam - die mir bis auf den Titel des Stücks unvergesslich blieb -, da meinten wir den Funken am Pulverfass zu sehen und zu spüren. Dutzende von Studenten machten etwas nie Dagewesenes, einen Sitzstreik auf der Kreuzung, wo die beiden Straßenlinien der Stadt sich kreuzten. Nichts ging mehr. Erfolg! Am nächsten Tag war die Bereitschaftspolizei aus dem fernen Göppingen da, kam mit zwei Wasserwerfern, was angesichts der Temperaturen von mehr als 25 Grad mehr als Erfrischung gewertet wurde. Zum Schlagstockeinsatz kam es an dem Tag nicht. Der Bann war gebrochen, alle Diskussionen in der Uni liefen jetzt anders, man organisierte sich, die Debatten um eine neue Verfassung der Uni wurden gesprengt, kaum ein taugliches Objekt, aber die Uni-Leitung machte mit, verlegte alles ins Audimax - maximum exposure!

Das ist für mich ein kleines Stück vom Geist von 68, und ab da lief vieles anders. Der "normale Student" fühlte sich ermutigt, die Autorität der teils sehr autoritären Professoren infrage zu stellen und und und. Und von dort liefen die Wellen der 68er vermeintlich in viele gesellschaftliche Bereiche hinein.

Dr. Donald J. Cramer, München

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 17.04.2018

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