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100 Jahre Waldorfschulen:Wie viel Reform ist nötig?

Die SZ setzte sich in mehreren Beiträgen kritisch mit dem Waldorf-Gründer und seiner Pädagogik auseinander. Einigen Lesern war eine Darstellung zu einseitig, andere sehen durchaus Reformbedarf. Aber Waldorf ohne Steiner sei wie Aufklärung ohne Kant.

100 Jahre Waldorf: ´Mehr als nur seinen Namen tanzen"

Ein Schild weist in der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart den Weg zum Rudolf-Steiner-Haus und zum Eurythmeum. Manche Lehren des Gründers der Waldorf-Pädagogik stehen schon länger in der Kritik.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zu "Erfolg in Pastell" vom 5. September sowie zu "Waldorf hat den Charakter einer Sekte" vom 7. September auf SZ.de:

Wie Aufklärung ohne Kant

"Waldorfpädagogik ohne Steiner." Dafür plädiert Matthias Drobinski in seinem Leitartikel "Erfolg in Pastell" zu 100 Jahren Waldorf-Pädagogik. Der Grund für dieses bemerkenswerte Statement, zur Emanzipation der Waldorfpädagogik von ihrem Begründer, sind dessen "skurrile" bis anstößige Theorien. In diesem Fall insbesondere seine "rassistische Lehre" von den Wurzelrassen.

Waldorfpädagogik ohne Steiner? Ich gebe die Frage einmal weiter: Protestantismus ohne Luther - wegen dessen heute kaum noch zitierfähigen antisemitischen Formulierungen gegen das Judentum? Aufklärung ohne Kant. Wegen dessen ebenso wenig salonfähigen Urteilen über Schwarzafrikaner, die er natürlich nicht so, sondern politisch unkorrekt Neger nennt? Würde jemandem heute so etwas einfallen? Ich glaube kaum.

Bei Steiner, der Anthroposophie und den aus ihr begründeten Anwendungsfeldern, der Medizin, Landwirtschaft, Pädagogik usw., soll das gut gehen und empfehlenswert sein? Es geht so wenig gut wie bei Luther und Kant und den von ihnen her begründeten oder beeinflussten geistes- und kulturgeschichtlichen Einflüssen.

Dass die seriöse Steiner-Forschung unkritisch mit kritischen Themen der Weltanschauung Rudolf Steiners umgehen würde, lässt sich heute meiner Ansicht nach nicht mehr behaupten. Es sei hier auf die Arbeiten von A. Martins oder H. Zander oder auf die kritische Werkeausgabe im angesehenen Wissenschaftsverlag Frommann-Holzboog verwiesen.

Noch bedeutsamer als die Schulpädagogik ist insbesondere gegenwärtig (Thunberg-Effekt) Steiners naturphilosophische, ökologische Lebensräume berücksichtigende Sicht der Dinge. Wie meilenweit wir davon entfernt sind und wie dringend wir die Steiner'sche Sicht der Dinge in dieser Sache nötig hätten, zeigt die Ignoranz der Landwirtschaftspolitik der Bundesregierung, etwa bei der Verlängerung der Anwendung von Glyphosat. Artensterben - egal, krebserzeugend - egal. Bis 2023 wird das Glyphosatprogramm durchgezogen - im Übrigen wider besseres Wissen, nämlich im Hinblick auf die proökologischen Auswirkungen der biodynamischen Land- und Viehwirtschaft nach den anthroposophischen Demeter-Standards.

Dieser Diskurs ließe sich auch auf andere Anwendungsfelder der Anthroposophie ausdehnen (Komplementärmedizin usw.). Selbstverständlich ist es einfacher, sich der gängigen Klischees über Steiner und die Anthroposophie weiter zu bedienen und sein ja nicht immer falsches von anthroposophischen Fundamentalisten geprägtes Bild weiter zu pflegen. Auf der Höhe der Zeit und Diskussion um das Werk Rudolf Steiners ist man damit nicht mehr.

Prof. Dr. Hartmut Traub, Mülheim/Ruhr

Für eine weltoffene Sichtweise

Das persönliche Stabat Mater von Herrn Williams auf SZ.de zu "Waldorf hat den Charakter einer Sekte" zeigt große Brüche auf, innerhalb der eigenen Schulausbildung wie auch im Kontext der Lehre an Waldorfschulen und staatlichen Schulen, und ist stark persönlich gefärbt.

Wir haben großen Respekt und Achtung vor der geleisteten Entwicklung der ganzheitlichen Waldorfpädagogik. Ihr Artikel ist eine Ohrfeige an all die engagierten Lehrerinnen und Lehrer, Absolventen und Schüler, die sicherlich zwischen Wissenschaft und Glaube unterscheiden können. Die Abiturprüfung ist am Ende wie an allen anderen Schulen auch in gleicher Weise zu leisten, auch wenn der Weg dahin nicht dem gewöhnlichen Schulsystem entspricht. Fächer wie Theaterprojekte, Gartenbau, rhythmische Übungen oder auch das Wiederholen von Gedichten repräsentieren nur einen kleinen Teil des Lehrprogramms neben den bekannten klassischen Fächern. Sicherlich sollte man, wie bei allen anderen Schulformen auch, über weiterführende Entwicklungen und Anpassungen anregend nachdenken. Möglich ist, dass, wie an anderen Schulen auch, hier und da extremere Sichtweisen zur Geltung kommen. Das ist aber nach unserer Erfahrung nicht die Regel. Feststellen lässt sich in jedem Fall, dass Waldorfschüler ein hohes Maß an Sozialkompetenz, Emphatie- und Teamfähigkeit aufweisen. Sie sind eben nicht "sektös" geprägt, sondern zeichnen sich durch eine weltoffene Sichtweise aus. Das sind heute Soft Skills, die für zukünftige Arbeitgeber und die Gesellschaft immer wichtiger sind und werden.

Prof. Anja Stöffler, Mainz und Jürgen Walter, Hofheim

Staat kontrolliert die Qualität

Waldorflehrer werden in Bayern vom Staat genehmigt, und es gehört zu ihrem Selbstverständnis, sich lebenslang im Sinne einer wirklichen Zeitgenossenschaft fortzubilden. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Schülerinnen und Schüler in keiner Weise für das, was Adorno den autoritären Charakter nennt, anfällig sind. Im Gegenteil - mir wird immer wieder gespiegelt, dass sie als selbständig denkende Menschen eher das Problem mangelnder Anpassung an Staat und Wirtschaft haben, was ich als Erfolg der Waldorfpädagogik ansehe, die nichts anderes als eine Erziehung zur Freiheit will.

Dr. Rüdiger Damm-Blumrich,Waldorflehrer, Schondorf/Ammersee

Klischeehaftes Protokoll

Es ist bemerkenswert, mit welcher Hybris und mit welchem Drang zur Selbstentblößung ein "ehemaliger Waldorflehrer" auf SZ.de in die Öffentlichkeit tritt, um der Nation sein Scheitern als eine allgemeingültige Aussage zu Waldorfschule und Waldorfpädagogik zu verkaufen. Dieses "Protokoll" des Autors Bernd Kramer glänzt durch eine tendenziöse, klischeebehaftete Machart über "eine der erstaunlichsten und erfolgreichsten deutschen Bildungsideen des letzten Jahrhunderts", wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Waldorfschule zum Geburtstag titulierte. Lukas Schirmer, Hamburg