Zweisprachige Erziehung Heiliger Multilinguismus

Natürlich wird an den englischsprachigen Schulen auch Deutsch unterrichtet, aber nur als ein Fach unter anderen. Es wird eben nicht mehr als Unterrichtssprache verwendet. Es ist nicht die "Bildungssprache", in die hinein die Kinder erzogen werden. Die Furcht vor einer umfassenden Sozialisation in der deutschen Sprache ist die Basis für die glänzenden Geschäfte mit "English for babies", englischsprachigen Kindergärten und den internationalen Schulen.

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Reklame für schickere Stadtviertel

Die Schule war früher die große Agentur zum Erwerb oder zum Ausbau der Hoch- und Nationalsprache, die den Dialekt (oder eine andere Primärsprache) in die Sphäre der Familie und des Privaten rückte, als sogenannte Vernakularsprache. Die neue Schule, die mit viel Geld und viel Reklame in den schickeren Stadtvierteln blüht, bewirkt natürlich genau dasselbe: Sie ist die Agentur zum Erwerb der (höheren) Globalsprache und damit zur Herabstufung der alten Nationalsprache zu einer Vernakularsprache.

Wie im 18. Jahrhundert verabschiedet sich hier und heute eine Aristokratie aus der Sprach- und Kulturgemeinschaft. Das ist damals bekanntlich der Nation politisch und kulturell nicht bekommen: Politisch distanzierte die Sprachbarriere den französischsprachigen Adel mehr denn je vom Volk, und kulturell hat der frankophone Teil der Deutschen eher schwache Wirkungen gezeitigt: Die französischen Bücher von Leibniz, Friedrich dem Großen oder Alexander von Humboldt sind weder Teil der französischen Literatur geworden, noch sind sie in Deutschland angekommen. Sie schwebten eher im kulturellen Niemandsland.

Abschied der Elite

Dem erneuten Abschied der Elite aus der deutschen Nation entspricht keine gesamteuropäische oder gar globale Entwicklung. Franzosen oder Spanier denken gar nicht daran, ihre französische oder spanische Bildungssprache aufzugeben. Insofern bleiben die Deutschen deutsch, auch wenn sie die dazugehörige Sprache nicht mehr - oder nicht mehr gut - sprechen und schreiben.

Natürlich müssen heute alle Kinder Englisch lernen, das heißt: eine - funktional abgestufte - Zweisprachigkeit ist möglichst von allen Schulen zu vermitteln. Es geht bei dem neo-anglophonen deutschen Schulwesen aber nicht wirklich um die Entwicklung von Zwei- oder Mehrsprachigkeit, die auf den Webseiten der Etablissements aus Reklamegründen gern bemüht wird, weil Bi- und Multilinguismus inzwischen zu einem heiligen - also völlig unantastbaren und unhinterfragten - Bildungswert aufgestiegen ist.

Wenn es um die Förderung von Mehrsprachigkeit ginge, hätte man die Kinder durchaus in die deutsche Staats-Schule schicken können, wo man nicht nur viele Mitschüler mit verschiedenen Erstsprachen trifft, sondern wo durch gut ausgebildete Lehrer eigentlich immer ein sehr anständiger Fremdsprachenunterricht erteilt und eine durchaus passable Mehrsprachigkeit vermittelt wurde.

Oder wenn dies an den staatlichen Schulen nicht gewährleistet ist - man hätte sich ja in Privatschulen mit Deutsch als Unterrichtssprache und einem intensiven Fremdsprachenunterricht flüchten können. Es geht in Wirklichkeit aber einzig um die Fertigkeit in der "Einen Hohen Sprache". Dieser Wunsch und der entsprechende Druck auf das Schulwesen sind gegenwärtig so stark, dass auch immer mehr - im Prinzip deutschsprachige - "Elite"-Staatsschulen zur "höheren" englischen Einsprachigkeit übergehen.

Schulterzucken über die "jungen Leut"

Nun, man könnte sich mit dem üblichen Schulterzucken über den Lauf der - sich jetzt so glücklich globalisierenden - Welt beruhigen: "Sind halt aso, die jungen Leut!" Und sicher werden meine Bemerkungen keine einzige Prenzlbergerin dazu bewegen, ihr Kind von der Warteliste für "English for babies" und die darauf aufbauenden kommerziellen Sprachangebote ("for toddlers", "for kids", "international school") streichen zu lassen.

Dennoch wäre vielleicht noch Folgendes zu bedenken, das ja durchaus ebenfalls die Zukunft der "babies", "toddlers" und "kids" betrifft: Nicht nur gefährdet die sich aus der Nationalsprache verabschiedende Elite die traditionelle kulturelle Kohärenz der Nation, sie erschwert mit ihrem Ausstieg auch den weiteren demokratischen Ausbau der Nation "von unten", das heißt:. die sprachliche Integration der Migranten, auf die wir so dringend angewiesen sind: Denn wieso sollen eigentlich die Migranten in die deutsche Sprache einsteigen, wenn offensichtlich gerade die besonders ehrgeizigen Deutschen aus ihrer Sprache - und aus der Schule, in der diese Sprache Unterrichtssprache ist - aussteigen?

So dumm sind die Migranten nicht

So dumm sind die Migranten nicht, dass sie nicht sehen würden, dass sie mit dem Erwerb des Deutschen ja nur eine zweite Vernakularsprache lernen, wenn doch die "Hohe Sprache" des Landes - oder wie Herr Oettinger sagt: die "Arbeitssprache" - Englisch ist. Eine zweite Vernakularsprache brauchen sie nicht. Wozu also die Mühe? Die schicke englischsprachige (Privat-)Schule für Deutsche in Deutschlands Mitte ist nicht das Signal an die Migranten, hier anzukommen, sondern im Gegenteil eine deutliche Aufforderung, zu bleiben, wo sie sind, nämlich unter sich, oder aber - wie wir Deutsche - von hier abzuhauen: ins Globale.

Der Autor war Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin und ist jetzt Professor of European Plurilingualism an der Jacobs University in Bremen.

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