Zukunft der Arbeit:"Wir sind halt alle jung und motiviert"

Wer bei Internetfirmen arbeitet, soll ideenreich sein - und flexibel. So auch beim Spielentwickler Wooga in Berlin. Denn Kreativität hält sich nicht an Bürozeiten. Wie das auf Dauer geht, ohne auszubrennen? Dafür ist hier "jeder selbst verantwortlich".

Hannah Beitzer

"In case of fire - exit building before posting on facebook" - Wenn ein Feuer ausbricht: das Gebäude verlassen, bevor man es auf Facebook postet, steht über der Tür des Online-Spieleanbieters Wooga in Berlin. Das ist er, der Bürohumor der "Digital Natives", jener Globalisierungskinder, die sich via Internet mit der ganzen Welt vernetzen und beruflich natürlich "etwas mit Medien" machen.

Und zwar bevorzugt mit den neuen Medien. Wooga zum Beispiel entwickelt jene bunten, kleinen Online-Spiele, mit denen sich Menschen auf sozialen Netzwerken wie Facebook die Zeit vertreiben. Der Spieleanbieter residiert im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, in einer ehemaligen Backfabrik.

Prenzlauer Berg war einst ein Szenebezirk, heute ist der Kiez voller junger, gut situierter Paare mit ausgeprägtem Kinderwunsch. Auch Wooga hat sich längst von einem kleinen Kreativbüro in ein florierendes Unternehmen verwandelt und ist inzwischen der zweitgrößte Anbieter von Social Games weltweit. Mehr als 100 Leute arbeiten dort, pro Woche kommen zwei neue Mitarbeiter dazu. Das Durchschnittsalter liegt bei 29 Jahren.

Wooga-Chef Jens Begemann ist nicht viel älter: 34 Jahre. Vor etwa zweieinhalb Jahren hat er gemeinsam mit dem Wirtschaftsinformatiker Philipp Moeser "World of Gaming" gegründet, zuvor hatte er schon einige Jahre als Manager beim Klingeltonanbieter Jamba gearbeitet.

Begemann ist die Art von Chef, die gemeinsam mit den Angestellten im Großraumbüro sitzt. "Unsere Teams arbeiten sehr eigenständig, sie sind fast kleine Start-ups im großen Start-up", sagt er, "sie dürfen mich auch überstimmen."

Begemann ist ein freundlicher, verbindlicher Typ, der auch bei Investoren gut ankommt - erst im Frühjahr hat er wieder einige an Land gezogen. Er hat nämlich viel vor: "Wir haben das Ziel, bis 2020 zu einem der größten Spieleunternehmen der Welt zu werden."

Ein Ziel, das er schon hatte, als das Wooga-Team noch aus den Gründern, einem Praktikanten und ein paar freien Mitarbeitern bestand. Der Praktikant, damals gerade mit der Schule fertig, ist inzwischen zum Teamleiter aufgestiegen - das junge Unternehmen erschien ihm reizvoller als ein Studium.

Auch einige der anderen Mitarbeiter der ersten Stunde sind noch dabei. So wie Johannes Ippen. Der 27 Jahre alte Graphikdesigner hat als Freiberufler bei Wooga angefangen. Er hat Spiele-Logos mitentwickelt, die Webseite von Wooga gestaltet: "Mich haben die jungen Teams und die gute Arbeitsatmosphäre beeindruckt."

Er beschreibt mit den Händen einen Bogen, hinter ihm liegt das Wooga-Büro: ein riesiges Loft, in dem die Firmenfarbe Lila dominiert. Lila gestrichene Wände, auf denen sich die Cartoon-Figuren aus den Wooga-Spielen wie "Monster World" tummeln, lila Sitzsäcke, lila Stühle.

Im Entwicklerraum tüfteln Programmierer an den neuesten Games. In der Küche stehen eine glänzende Kaffeemaschine und zwei Kühlschränke, ebenfalls in Lila. Sie sind gefüllt mit Club Mate, jenem Szenegetränk, das unter Berliner Kreativen längst der schnöden Cola den Rang abgelaufen hat.

Firmengründer Jens Begemann hat gerade wenig Zeit, Besucher herumzuführen - er will gleich wieder los. Der 34-Jährige hat sich eine kleine Auszeit genommen, weil er zum zweiten Mal Vater geworden ist. Bei Wooga respektiere und schätze man das, betont Sina Kaufmann, die die Führung stattdessen übernimmt.

Damit muss ein Unternehmen mit einem derart jungen Durchschnittsalter eben umgehen können. "Es fängt bei uns an, dass einige heiraten und Kinder kriegen", sagt die 25-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz. Sie hat als Assistentin von Jens Begemann angefangen, inzwischen verantwortet sie die interne und externe Kommunikation.

Eigentlich hat sie Politik und Philosophie studiert, war ein Fan von Willy Brandt. "Irgendwann habe ich mich gefragt, ob es nicht eher Visionäre wie Bill Gates oder Steve Jobs sind, die die Welt verändern." So ging sie zu Wooga.

Die Welt mit Online-Spielen verändern - das kann man seltsam finden. Doch die idealistische Vorstellung, gemeinsam etwas zu bewegen, ist bei Wooga geradezu ein Einstellungskriterium. An der Küchenwand hängt ein Plan mit "Meetings", die für alle offen sind.

Ansonsten kann man sich im "Creative Room" treffen, an riesigen Flachbildschirmen Spiele zocken, zeichnen oder basteln. Die Wände hängen voller Skizzen. Hierher kommen die Woogas auch zum zwanglosen "Brainstormen", wie Kaufmann sagt.

Englische Begriffe wie dieser haben ganz selbstverständlich ihren Platz in Kaufmanns Wortschatz - Verkehrssprache bei Wooga ist nämlich Englisch. Dort arbeiten Menschen aus 21 Nationen, eine internationale Umgebung, wie sie für viele junge Kreative längst Alltag ist.

Die Wooga-Spiele werden in sieben Sprachen publiziert - Englisch, Deutsch, Türkisch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch. Da sei es nur logisch, die Mitarbeiter auch im Ausland zu rekrutieren, sagt Sina Kaufmann.

So wie zum Beispiel den Franzosen Clément Huvig. Der 28-Jährige betreut die Wooga-Kunden in sozialen Netzwerken wie Facebook. Vor zwei Jahren kam er nach Deutschland, nachdem er einige Zeit für eine französische Firma in London gearbeitet hatte.

Deutsch spricht Huvig nicht, aber er braucht es auch nicht wirklich. Viele seiner Freunde sind wie er aus dem Ausland nach Berlin gekommen. "Wir sind ein kleiner Mikrokosmos", sagt er. Wenn er Probleme hat, dann hilft ihm ein Kollege.

Viele Kollegen sind für Huvig zu Freunden geworden. "Wir verbringen auch außerhalb der Arbeit Zeit miteinander, gehen Go-Kart-Fahren, Klettern oder Karaoke singen", sagt Sina Kaufmann.

Huvig fing bei Wooga als Praktikant an und wurde nach drei Monaten übernommen. "Wir brauchen dringend Leute, da wären wir ja blöd, wenn wir gute Praktikanten gehen lassen würden", sagt Kaufmann. "An unsere Mitarbeiter haben wir hohe Ansprüche", sagt Jens Begemann. "Wir wollen Leute finden, die zu unserer Kultur passen."

Also Leute, die kreativ sind und die keinen Nine-to-Five-Job mit festen Abläufen suchen. Klar: Kreativität hält sich nicht an Bürozeiten. Dafür sind die Mitarbeiter in der Zeiteinteilung recht frei. Ihr Tag beginnt zwischen neun und zehn Uhr - "aber wir machen zum Beispiel sehr lange Mittagspause", erzählt Sina Kaufmann. Gemeinsam mit anderen Woogas, versteht sich.

Da zieht sich der Arbeitstag schon einmal nach hinten raus, wird auch in der Freizeit über die neuesten Spiele diskutiert. "Wir sind halt alle jung und motiviert", sagt Kaufmann fast schon entschuldigend.

"Wir arbeiten mehr als in anderen Unternehmen. Aber niemand arbeitet 60 Stunden in der Woche", sagt Begemann. Es bringe auf die Dauer nichts, sich auszubeuten - irgendwann leiden die Ideen. "Aber", fügt Kaufmann hinzu, "es ist schon jeder selbst dafür verantwortlich, sich nicht zu verbrennen."

© SZ vom 27.09.2011/gal
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